SPEZIALITÄTEN

Unsere Süße

Foto: Marc Albers

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Sie kommt vom Niederrhein: die Grillage-Torte. Oder schreibt man: Grillasch-Torte? Egal, denn dieser Traum in Weiß gehört hierher.

Augen zu, Mund auf... mmmh. Kalt. Schokolade. Und Sahne, Vanille, Karamel und Nüsse... aber irgendwas anderes ist noch drin in der Grillage-Torte. Krümel kitzeln die Zunge. Moment... Baiser! Ganz fein. Und doch: Da ist noch mehr...

Etwas Mysteriöses haftet ihm an, jenem meist halb gefroren servierten Sahnekuchen, der den Namen Grillage-Torte trägt (auch Grillasch). Ein wahrlich exklusives Schmankerl. Noch heute hüten Konditoren ihre Hausrezepte, als seien es Schätze. Die Torte gehört zum Niederrhein wie Kühe und Kopfweiden. Früher fehlte sie auf kaum einer festlichen Kaffeetafel zwischen Mönchen­gladbach und Emmerich. Ein niederrheinisches Mysterium also...

Wer sich mit der Geschichte dieses Traumes aus Sahne, Baiser und Sonstwas beschäftigt, stößt schnell auf Heinrich Wilms. Der Krefelder Konditor soll die Torte 1908 erfunden haben. So steht’s auf Internetseiten, in Presseberichten, überall. Im Online-Lexikon Wikipedia wird die Grillage im Eintrag zur Stadt Krefeld als örtliche Spezialität identifiziert - und sogar vor der Nougat-Raute Nappo genannt. Aber: „Einen historischen Beleg dafür gibt es nicht“, sagt die Krefelder Stadtarchivarin Elisabeth Kremers. Die Erzählung über Konditor Wilms kennt sie unter anderem aus dem Buch „...bitte mit Sahne!“, in dem sich Andreas Storz mit dem kulinarischen Krefeld beschäftigt. Storz hat mit Konditor Wilms‘ Nachfahren gesprochen. Und ist sicher: „Die Geschichte stimmt!“

Die Recherchen des Amtes für Rheinische Landeskunde weisen weg von Krefeld. Ende der Neunziger wurde zwischen Eifel und Emmerich eine Erhebung zum Begriff Grillage/Grillasch gemacht. Sprachforscher Peter Honnen, Rheinhauser von Geburt und bekennender Grillage-Fan, recherchierte noch weiter. Ergebnis: Der Begriff komme wohl aus Österreich, wo „Grillage“ so viel bedeute wie Krokant - also in Zucker geröstete Nüsse, eine Hauptzutat der Torte. Honnen fand Rezepte für die Torte in österreichischen Kochbüchern. Unsere Grillage eine Österreicherin? Möglich. Aber auch in den Büchern schlesischer Bäcker tauchen entsprechende Rezepte auf. Diese allerdings stammen aus den 20er Jahren, entstanden also nach 1908, als die Torte in Krefeld angeblich erfunden ward... Status: ungeklärt.

Deutlich belegt die Studie hingegen, dass die Grillage am Niederrhein ihre Heimat gefunden hat. Eine „Tortengrenze“ teilt demnach das Rheinland. Nördlich einer Linie von Aachen ins Bergische Land kennt man die Leckerei, südlich ist sie unbekannt. Das belegen rund 1700 Fragebögen. Am weitesten verbreitet ist sie am linken Niederrhein. Warum? Noch so ein Rätsel... Und noch etwas brachte die Studie zutage: Die Grillage verschwinde, beklagten viele Niederrheiner. Und hier kommt der Viersener Bäcker Heinz Lamers ins Spiel: Getrieben vom Presseecho auf die Studie gründete er eine Initiative: http://www.rettet-die-grillagetorte.de/ heißt sein Online-Tummelplatz für Grillage-Fans. Rezepte gibt‘s hier, vom „Hausfrauenrezept“ bis zur Profi-Anleitung. Und im Forum Liebeserklärungen von Exil-Niederrheinern. Etwa von der Krefelderin Bettina aus dem Niederbergischen („...das Schlimmste: KEINE GRILLASCHTORTE weit und breit...“) oder von Liselotte Swah aus Kanada („...wenn ich nach Deutschland fliege, MUSS ich immer Grillage Torte essen...“).

Also definitiv ein Stück Niederrhein. Heimat ist eben Gefühlssache. Essen auch.

Wie machen Sie Ihre Grillagetorte? Schreiben Sie uns einfach - direkt hier als Kommentar oder per E-Mail an heimat@nrz.de .

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