Ein bedeutender archäologischer Fund aus der Türkei hat eine seit Jahrzehnten geführte Debatte über die gesellschaftliche Ordnung der etwa 9000 Jahre alten Siedlung Çatalhöyük entschieden. Aktuelle DNA-Untersuchungen zeigen, dass Frauen und Mädchen in dieser frühen bäuerlichen Gemeinschaft eine tragende Rolle spielten. Zum ersten Mal liefern genetische Befunde konkrete Anhaltspunkte für eine weiblich dominierte soziale Struktur.

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„Mit Çatalhöyük verfügen wir nun über das älteste genetisch abgeleitete soziale Organisationsmuster in Nahrungsmittel produzierenden Gesellschaften“, erklärte Mehmet Somel, Evolutionsgenetiker an der Middle East Technical University, gegenüber „Live Science“.
Funde in der Türkei: Einzigartige Hauseingänge, Gräber und Statuetten
Çatalhöyük, im südlichen Anatolien gelegen, wurde um 7100 v. Chr. gegründet und war fast ein Jahrtausend lang durchgehend bewohnt. Besonders berühmt ist die Siedlung für ihre einzigartigen Häuser mit Dachzugängen, unterirdischen Gräbern und auffälligen Wandmalereien sowie für eine Vielzahl weiblicher Statuetten.
Bereits in den 1960er-Jahren vermutete der Archäologe James Mellaart, dass diese Objekte auf ein Matriarchat und die Verehrung einer Muttergöttin hinwiesen. Doch in den 1990er-Jahren deuteten neue Ausgrabungen unter Ian Hodder auf eine egalitäre Gesellschaft hin – bis jetzt.

Ausgrabungsstätte Çatalhöyük: Genetische Untersuchungen offenbaren die zentrale Rolle der Frauen
In einer neuen Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Science“, analysierte ein internationales Forscherteam die DNA von 131 Individuen aus Gräbern unter Hausböden, um familiäre und soziale Strukturen zu rekonstruieren. Es zeigte sich, dass nahe Verwandte meist im selben oder benachbarten Haus bestattet wurden. Doch der eigentliche Durchbruch lag in den matrilinearen Verbindungen über Generationen hinweg. Die genetischen Spuren zeigten klar: Die Hausbestattungen beruhten hauptsächlich auf mütterlicher Abstammung.
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„Wir haben nicht speziell nach diesen mütterlichen Verbindungen innerhalb von Gebäuden gesucht“, sagte Somel gegenüber „Live Science“, „aber es zeigt deutlich, dass die männerzentrierten Praktiken, die im Europa der Jungsteinzeit und Bronzezeit oft dokumentiert wurden, nicht allgemein verbreitet waren.“
Ein weiteres Indiz für die zentrale Stellung von Frauen: Säuglinge und Kleinkinder weiblichen Geschlechts erhielten mehr Grabbeigaben als männliche. Das biologische Geschlecht dieser Kinder konnte durch DNA-Analyse erstmals eindeutig bestimmt werden. „Wir hatten auch nicht damit gerechnet, dass es mehr Grabbeigaben für weibliche Babys gibt“, sagte Somel.
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Älteste matrilineare Gesellschaft? Die Forschung steht noch am Anfang
Die Studie stellt die bislang gängigen Annahmen über die Geschlechterrollen in der Frühgeschichte infrage. Archäologe Jens Notroff vom Deutschen Archäologischen Institut, der nicht an der Studie beteiligt war, betonte gegenüber „Live Science“: „Meines Wissens handelt es sich hierbei um den ersten systematischen Beweis einer solchen durchgehend matrilinear organisierten neolithischen Gemeinschaft.“
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Die Forschung zu Çatalhöyük ist damit allerdings noch nicht abgeschlossen. Die DNA-Analysen sollen nun auf weitere Fundorte ausgedehnt werden, um noch mehr Erkenntnisse über die einstige Gesellschaftsstruktur zu gewinnen.









