Die Analyse der uralten DNA eines Mannes, der in einem monumentalen steinzeitlichen Grab in Irland beigesetzt wurde, zeigt: Er wurde vor rund 5000 Jahren aus einer inzestuösen Verbindung geboren. Die Annahme, ableitend von den Dynastien in Ägypten, dass es sich um einen Gottkönig handelt, stellen Forscher im Rahmen einer neuen Studie infrage.

Die monumentale Stätte von Newgrange: Fund des Gottkönigs in Irland verblüfft

Newgrange, ein monumentales Ganggrab im Nordosten Irlands, wurde um 3100 v. Chr. errichtet und im Jahr 1699 wiederentdeckt. Es besteht aus einem langen Zugangstunnel, der zu einer zentralen Grabkammer führt. Die innerhalb des Hügels aufgefundenen menschlichen Überreste waren in einzelne Bestandteile zerfallen. Es handelte sich nicht um vollständige, ungestörte Bestattungen, sondern um fragmentierte Skelette, deren Knochen offenbar erst einige Zeit nach dem Tod in die Grabstätte verbracht wurden.

Im Jahr 2020 wurde eine Analyse der antiken DNA mehrerer in Newgrange gefundener Skelette durchgeführt. Dabei identifizierten die Wissenschaftler die Schädelknochen eines erwachsenen Mannes (individuelle Bezeichnung: NG10), dessen genetisches Profil auf eine Abstammung von Eltern ersten Verwandtschaftsgrades. Die Forscher gehen davon aus, dass diese Bruder und Schwester waren.

Aufgrund der Tatsache, dass Inzest zwischen Geschwistern in nahezu allen bekannten Kulturen als soziales Tabu gilt, suchte das Forschungsteam nach historischen Analogien. Es stellte fest, dass solche verwandtschaftlichen Ehen in bestimmten frühstaatlichen Gesellschaften, etwa im altägyptischen oder präkolumbianischen (z. B. Inkareich) Kontext, innerhalb königlicher Dynastien gelegentlich als legitim galten, insbesondere im Rahmen ideologischer Konstrukte von Gottkönigtum.

Lesen Sie auch: Archäologische Sensation: 4000 Jahre alte Artefakte entdeckt

Studie mit einer neuen Interpretation: Forscher zweifeln den „Gottkönig“ an

Eine neue Studie widerspricht der früheren Annahme jedoch, der in Newgrange bestattete Mann (NG10) sei ein „Gottkönig“ gewesen. Laut Hauptautorin Jessica Smyth, außerordentliche Professorin für Archäologie am University College Dublin, gibt es keine Hinweise darauf, dass im neolithischen Irland (ca. 4000–2500 v. Chr.) Königtum oder eine vergleichbare hierarchische Ordnung überhaupt existierten. Die Anwendung solcher sozialen Kategorien aus späteren Epochen sei anachronistisch.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In der kürzlich in „Antiquity“ veröffentlichten Untersuchung präsentieren Smyth und Kollegen stattdessen eine neue Deutung des fragmentarischen Skeletts. Zwar zeugt NG10s DNA von einer inzestuösen Abstammung, vermutlich von Eltern ersten Verwandtschaftsgrades, doch sei dies kein Beleg für dynastische Elitenbildung. Inzest ist in diesem Zeitraum einzigartig und daher eher als Ausnahme denn als Indiz für institutionalisierte Machtstrukturen zu werten. Auch seine Platzierung in einer kleinen Vertiefung der Grabkammer deutet nicht zwingend auf eine herausgehobene soziale Stellung hin.

Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert

Menschliche Überreste werfen Fragen auf: War Newgrange ein Gemeinschaftsgrab?

Angesichts der Umgestaltungen innerhalb von Newgrange in den letzten Jahrhunderten bleibt unklar, woher das Schädelfragment von NG10 ursprünglich stammt und ob seine inzestuöse Abstammung zeitgenössisch bekannt war. In einer früheren Studie argumentierte dasselbe Forschungsteam, dass Newgrange und vergleichbare Megalithanlagen vermutlich als kollektive Ruhestätten ganzer Gemeinschaften dienten, nicht ausschließlich dynastischen Eliten.

  • Aktuelle Nachrichten aufs Handy? Hier geht es zur neuen WAZ-News-App – für Android und iOS.
  • Die WAZ auch bei Social Media – ob WhatsApp, Instagram oder Facebook.
  • Sie mögen den Tag kompakt zusammengefasst? Dann sind Sie beim täglichen WAZ-Newsletter richtig – hier entlang.

Die Kriterien für eine Bestattung sind uneinheitlich: Unter den Überresten finden sich Männer, Frauen, Neugeborene, ältere Personen und Menschen mit Behinderungen. Smyth zufolge ist unklar, warum bestimmte Individuen in megalithischen Monumenten beigesetzt wurden – denn dem Großteil der Bevölkerung war dies offenbar nicht vergönnt.