Bei Ausgrabungen in der Nähe eines alten Hafens in Oslo haben Archäologen Tausende von konservierten Artefakten entdeckt, die wertvolle Einblicke in das Alltagsleben des mittelalterlichen Norwegens liefern. Von der Untersuchungen des archäologischen Materials erhoffen sich die Forscher weitere Erkenntnisse.

Beim Bau einer Schule entdeckt: Ausgrabungen fördern interessante Artefakte zutage

Bei archäologischen Ausgrabungen in der Nähe eines ehemaligen Hafens in Oslo wurden Tausende außergewöhnlich gut erhaltener Lederartefakte aus dem 13. und 14. Jahrhundert entdeckt. Darunter befinden sich Taschen, Geldbörsen, Schuhe und Schwertscheiden, die wertvolle Einblicke in das Alltagsleben des mittelalterlichen Norwegens bieten. Die Untersuchungen wurden im Winter und Frühjahr von Fachkräften des Norwegischen Schifffahrtsmuseums und des Norwegischen Instituts für Kulturerbeforschung am Standort „D2“ durchgeführt. Der Ausgrabungsort wurde im Vorfeld des Baus einer neuen Schule im Stadtteil Bjørvika entdeckt.

Im Mittelalter lag das Gelände im Mündungsbereich des Flusses Alna und war Teil eines offenen Hafenbeckens. Erst im 19. Jahrhundert wurde es aufgeschüttet, wodurch eine sauerstoffarme, feuchte Lehmschicht entstand, die organisches Material hervorragend konservierte. Die Artefakte gelangten vermutlich auf unterschiedliche Weise ins Wasser: durch verloren gegangene Handelswaren, entsorgte Gebrauchsgegenstände oder spielende Kinder.

Besonders bemerkenswert ist die große Anzahl an erhaltenen Schuhen, von denen bislang über 200 Stück geborgen wurden. Die Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die Gesamtzahl deutlich höher liegen könnte. Die Funde machen das Gebiet zu einer einzigartigen archäologischen Fundstelle für mittelalterliche Lederwaren in Nordeuropa.

Ebenfalls interessant: Gestohlenes Mosaik aus Pompeji: Deutsche geben Kulturgut zurück

Praktische Alltagsgegenstände: Was nutzen die Bewohner des mittelalterlichen Oslo?

Viele der bei den Ausgrabungen entdeckten mittelalterlichen Lederschuhe weisen deutliche Gebrauchsspuren auf, was darauf hindeutet, dass sie gezielt weggeworfen wurden. Ein besonders großes Exemplar entspricht etwa der heutigen US-Herrengröße 13 (EU 47). Während einige Schuhe mit eingeschnittenen Ornamenten verziert waren, handelte es sich bei der Mehrzahl um schlichte, handgenähte Modelle mit Ledersohle und einfachem Oberschuh. Die verantwortlichen Archäologen beschreiben die Entdeckung eines solchen Schuhs als unmittelbare Verbindung zur Vergangenheit, als „Fußabdruck aus dem Mittelalter“, der das Leben eines ehemaligen Stadtbewohners greifbar macht.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Neben Schuhen wurden auch 15 gut erhaltene Taschen und Geldbörsen aus Leder freigelegt. Diese waren meist klein und wurden am Gürtel getragen, oft unter einer Tunika verborgen. In einer Zeit vor eingenähten Kleidertaschen dienten sie Männern wie Frauen als praktische Alltagsobjekte. Laut den Forschern enthielten sie Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Münzen, Nadeln, Kämme, kleine Kreuze oder Amulette. Die Ledertaschen erlauben damit Rückschlüsse auf die Organisation des Alltagslebens und persönliche Wertvorstellungen der Menschen jener Zeit.

Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert

Ein weiterer häufiger Alltagsgegenstand war das Messer, das nahezu jeder am Gürtel trug. Entsprechend wurden bei den Grabungen auch mehrere Schutzhüllen aus Leder entdeckt, die einst zum sicheren Transport dieser Werkzeuge dienten.

Ausgrabung in Norwegen: Fund offenbart die Nähe zwischen Menschen und Tier

Zu den bemerkenswertesten Funden der diesjährigen Ausgrabung zählt das nahezu vollständig erhaltene Skelett eines mittelgroßen Hundes, das gegen Ende der archäologischen Arbeiten freigelegt wurde. Laut den Wissenschaftlern war dies ein unerwarteter Fund, da der Großteil der über 3000 entdeckten Tierknochen aus Küchenabfällen stammte.

Das Hundeskelett wies jedoch keinerlei Spuren von Verletzungen, Krankheiten oder Zerlegung auf. Die gut erhaltene Knochenstruktur und die vollständige Verknöcherung lassen darauf schließen, dass das Tier ein relativ hohes Alter erreichte und vermutlich gut versorgt war mit regelmäßigem Zugang zu Nahrung und menschlicher Zuwendung. Diese Beobachtungen deuten auf eine enge Beziehung zwischen Mensch und Tier im mittelalterlichen Oslo hin, was bisher nur begrenzt durch materielle Quellen belegt war.

  • Aktuelle Nachrichten aufs Handy? Hier geht es zur neuen WAZ-News-App – für Android und iOS.
  • Die WAZ auch bei Social Media – ob WhatsApp, Instagram oder Facebook.
  • Sie mögen den Tag kompakt zusammengefasst? Dann sind Sie beim täglichen WAZ-Newsletter richtig – hier entlang.

Während die eigentlichen Grabungen am Standort inzwischen abgeschlossen sind, stehen die detaillierten Auswertungen der zahlreichen Funde noch am Anfang. Die Archäologinnen und Archäologen hoffen, durch die Analyse des geborgenen Materials neue Erkenntnisse über Lebensweise, Alltagskultur und soziale Strukturen der Stadtbewohner im mittelalterlichen Norwegen zu gewinnen.