Während Mallorca in diesem Jahr auf einen neuen touristischen Rekord von 14 Millionen Besuchern zusteuert, erreicht die spanische Mittelmeerinsel zugleich eine zweite und in diesem Fall dramatische Höchstmarke: Noch nie zuvor kamen so viele Bootsflüchtlinge und Migranten an der Küste an wie in diesem Jahr.

Nach Angaben der Regierung wurden von Januar bis August bereits vor Mallorca und den übrigen balearischen Inseln nahezu 5000 Menschen in mehr als 250 Booten gerettet – das sind jetzt schon fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Aber es dürften noch sehr viel mehr werden: Die Hauptsaison für die Menschenschmuggler beginnt jetzt im Spätsommer erst, weil dann das Meer besonders ruhig ist.

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Doch die Bilanz ist nicht nur eine Frage von Zahlen, sondern es handelt sich zugleich um eine humanitäre Tragödie. Mehr als 40 tote Migranten wurden bereits seit Jahresbeginn vor Mallorca und den Nachbarinseln Ibiza, Menorca und Formentera aus dem Wasser gezogen.

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Gefesselte Leichen vor Mallorca: Fall sorgte für Entsetzen

Allein am 22. August verschwanden zwölf Afrikaner in den Fluten, nachdem sie 60 Kilometer vor Mallorcas Küste ins Meer gesprungen waren, weil sie glaubten, in der Ferne Land gesehen zu haben. Zwei Tage zuvor ertranken auf ähnliche Weise drei weitere Flüchtlinge vor der mallorquinischen Küste.

Im Juni hatte der Fund von fünf gefesselten Leichen für Entsetzen gesorgt: Migranten, die zunächst für Opfer einer Gewalttat gehalten wurden. Die Polizei ging davon aus, dass die jungen Männer von skrupellosen Menschenschleppern gefesselt ins Wasser geworfen worden waren. Die Ermittlungen ergaben jedoch später, dass es sich nicht um Morde, sondern um ein afrikanisches Begräbnisritual gehandelt hatte. Die fünf Männer waren nach einer tagelangen Odyssee auf dem Mittelmeer verdurstet. Ihre sterblichen Überreste waren dann von ihren Mitfahrern mit zusammengebundenen Händen dem Meer übergeben worden.

Spanische Behörden schlagen Alarm: „Sind überfordert“

Während sich am Strand von Mallorcas berühmter Playa de Palma Urlauber dicht an dicht sonnen, patrouilliert die spanische Küstenwacht nur wenige Seemeilen entfernt und zieht erschöpfte Migranten aus dem Wasser. Die regionale Regierungschefin der Balearen, Marga Prohens, spricht von einer „beispiellosen Migrationskrise“ auf den Ferieninseln.

Migranten aus Algerien, die es bis nach Mallorca geschafft haben, ruhen sich dort notdürftig aus, bevor sie die Fähre aufs Festland nehmen.
Migranten aus Algerien, die es bis nach Mallorca geschafft haben, ruhen sich dort notdürftig aus, bevor sie die Fähre aufs Festland nehmen. © AFP | JAIME REINA

„Allein in den letzten 20 Tagen sind 1500 Migranten angekommen”, sagt sie. „Wir haben Todesopfer und Vermisste zu beklagen – Zahlen, wie wir sie noch nie gesehen haben. Unsere Inseln sind überfordert.“ Prohens fordert den Einsatz der EU-Grenzschutzagentur Frontex vor der Küste, um die örtlichen Behörden bei der Sicherung der Außengrenzen, der Suche nach Booten und der Betreuung der Ankommenden an Land zu unterstützen.  

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Die Route über das Mittelmeer vom nordafrikanischen Algerien zu den etwa 300 Kilometer entfernten Balearen verzeichnete in den letzten Jahren einen stetigen Anstieg: 2023 wurden etwas mehr als 2000 Ankünfte von Bootsflüchtlingen registriert, 2024 waren es schon knapp 6000. In diesem Jahr könnten es, Schätzungen zufolge, annähernd 10.000 werden. Auf den im Atlantik liegenden Kanarischen Inseln, die ebenfalls zu Spanien gehören, geht die Zahl der Flüchtlingsankünfte unterdessen stark zurück. Allerdings sind die Kanaren immer noch Spaniens größter Migrationsbrennpunkt.

„Migranten-Taxis“: Wer es sich leisten kann, nutzt Speedboote

Neuerdings benutzen die Schleusergruppen, welche die Migrationsrouten über das Mittelmeer kontrollieren, zunehmend leistungsstarke Schnellboote für den Menschenschmuggel. Mit ihren PS-starken Schiffen schaffen sie die Fahrt von Nordafrika bis zu den Balearen oder auch zur spanischen Festlandküste in wenigen Stunden. Danach rasen diese Speedboote zurück nach Algerien oder Marokko.

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Solche Überfahrten in diesen schnellen „Migranten-Taxis” kosten bis zu 10.000 Euro pro Person. Aber das Risiko, von der Grenzpolizei erwischt zu werden, ist relativ gering. Wer sich solche Preise nicht leisten kann, und das sind die meisten, muss sich mit einem Platz in wackeligen „Low-Cost“-Booten begnügen – mit entsprechend höherem Risiko. Diese Boote sind überfüllt, schlecht ausgerüstet und geraten nicht selten in Seenot.

Die Mehrzahl der auf Mallorca Ankommenden stammt aus den Armuts- und Krisenländern unterhalb der Sahara. Doch auch viele junge Algerier, die der Perspektivlosigkeit in ihrem Land entgehen wollen, klettern in die Boote. Die Chancen, nach einer Ankunft auf den Balearen in Europa bleiben zu dürfen, sind relativ groß. Auf den Ferieninseln gibt es keine Flüchtlingslager. Das algerische Regime erlaubt auch keine Rückführungen.

Spanien winkt Migranten durch – viele reisen weiter

Alle volljährigen Migranten bekommen daher von den spanischen Behörden ein Ticket für die Fähre in die Hand gedrückt und dürfen ungehindert aufs spanische Festland weiterreisen. Von dort versuchen die meisten, Frankreich oder andere europäische Länder zu erreichen, wo die sozialen Hilfen großzügiger fließen als in Spanien.

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Der Anstieg der Migrantenankünfte auf Mallorca und den Nachbarinseln steht im Kontrast zu den allgemein sinkenden Zahlen irregulärer Einwanderer an den europäischen Außengrenzen. Laut der EU-Grenzschutzagentur Frontex wurden in den ersten sieben Monaten des Jahres EU-weit 95.200 irreguläre Grenzübertritte registriert – ein Rückgang um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

An den südlichen Außengrenzen Europas, sowohl am Mittelmeer als auch am Atlantik, nimmt der Druck insgesamt ab. Auch wenn örtlich, wie etwa im westlichen Mittelmeer Richtung Spanien und auf der zentralen Route Richtung Italien, derzeit wieder mehr Flüchtlinge registriert werden. Ein Umstand, den Migrationsexperten als „temporäre Verschiebung” der Migrationswege bezeichnen. Die Menschenschlepper, so heißt es, seien sehr flexibel und würden jede auftretende Lücke an der südeuropäischen Außengrenze nutzen.