Die Jalousien sind runtergefahren, die Zeit steht still. Nach 137 Jahren schließt das legendäre Gran Café de Gijón an Madrids zentraler Prachtallee Paseo de Recoletos – das wohl bekannteste Kaffeehaus Spaniens.

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Das Gijón, in dem man nicht nur einen Café con leche trinken, sondern auch erstaunlich gut speisen konnte, war Wallfahrtsort für Literaten, Künstler, Philosophen, Intellektuelle – und für viele neugierige Touristen, die den Mythos einmal aus nächster Nähe erleben wollten.
Spanien: Traditionscafé schließt nach 137 Jahren – das ist der Grund
Es ist ein Ende mit Ansage und ein Neubeginn zugleich: Die mallorquinische Gastronomie-Kette Cappuccino, die vor allem in Spanien, aber zum Beispiel auch im Schweizer Gstaad edle Kaffeehäuser betreibt, übernimmt das Traditionslokal in der spanischen Hauptstadt. 2026 soll nach einer Modernisierung und unter Cappuccino-Regie mit neuem Design geöffnet werden.
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Wer das schon 1888 gegründete Gijón betrat, fühlte sich in vergangene Jahrhunderte zurückversetzt: große Spiegel, Säulen, alte Marmortische, rote Plüschsofas, eichenholzgetäfelte Wände. Es war ein Gastraum, in dem bei einer Tasse Kaffee, einem Bier oder einem Glas Wein viel geplaudert oder auch heftig debattiert wurde.
Treffpunkt vieler Stars und Politiker
In früheren Zeiten gingen hier berühmte Schriftsteller wie der US-Amerikaner Ernest Hemingway oder der Spanier Camilo José Cela ein und aus – zwei Literaturnobelpreisträger. Die revolutionären spanischen Künstler Salvador Dalí und Pablo Picasso saßen hier ebenfalls. Sogar Hollywood-Schauspieler wie Burt Lancaster oder Sophia Loren schauten vorbei.

Auch die deutschen Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Kohl, begleitet von ihrem Freund Felipe González, Spaniens langjährigem Regierungschef, zählten während ihrer Madrid-Besuche zu den Gästen. Und natürlich Spaniens Königsfamilie. Viele Politiker, Diplomaten, Banker, Generäle, Richter – und auch Journalisten – trafen sich hier zum Informationsaustausch.
Die Vielzahl der prominenten Besucher spiegelte sich in den mit Widmungen versehenen Fotos, die die Wände schmückten. Eingerahmte Skizzen und Sprüche, die auf Blättern oder sogar auf Servietten gekritzelt wurden, zeugen von der bewegten Geschichte des Hauses.
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„Das Gijón ist ein Café mit einem Eingang und vielen Ausgängen. Ausgänge, die zum Ruhm führen, zum Elend, zum Glück, zur Liebe, zum Hunger, zum Vergessen, zur Angst, zur Straße“, schrieb einmal der spanische Schriftsteller Francisco Umbral. Ein anderer Gijón-Stammgast verewigte sich mit dem Satz: „Hier fand ich meine erste Liebe, meine erste Arbeit und holte mir meinen ersten Tripper.“
Vor 40 Jahren wurde das Café fast in die Luft gesprengt
Die weiß livrierten Kellner waren verschwiegene Zeugen dessen, was sie innerhalb des Gastraums hörten oder sahen. Einer von ihnen, der jahrzehntelang als Saalchef in dem Gasthaus diente, ließ sich dann doch kurz vor seiner Pensionierung ein paar Sätze darüber entlocken, was sich in dem Etablissement abspielte.
„Von hier aus regierte man das Land“, pflegte der frühere Oberkellner Onofre Villa Fernández zu sagen. Im Gijón habe man Beschlüsse ausgehandelt, in den Büros seien später die Verträge unterzeichnet worden. Das mag vielleicht etwas übertrieben klingen, aber falsch ist es nicht: Geschäfte werden bis heute in Spanien am liebsten bei Speis und Trank besprochen. Für heikle Themen gab es die „Krypta“: das diskrete, höhlenartige Restaurant im Kellergewölbe.

In diesem prominenten Gasthaus spielte sich zugleich manches Drama ab. Vor 40 Jahren, an einem Märztag, wollte ein Irrer das Café de Gijón in die Luft jagen: Er kam mit zwei Kanistern, begoss Gäste und Tische mit Benzin. Doch bevor er zum Feuerzeug greifen konnte, wurde der Mann überwältigt.
Fast-Food-Ketten klopften bei Spaniens Kaffeehaus an
Später drohten andere Gefahren: Fast-Food-Ketten klopften an und wollten das Traditionslokal aufkaufen, um es in ein Hamburger-Restaurant zu verwandeln. Die Familie Escamilla, die zuletzt den Betrieb führte und den Geist des Hauses bewahren wollte, wehrte ab – so lange es ging.
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Gleich neben dem Bartresen glänzte über Jahrzehnte ein Messingschild wie ein Haussegen: „Lang lebe dieser Lehrstuhl der Geisteswissenschaften.“ Und tatsächlich: Bis zuletzt tagten hier Literaturkreise und Debattenzirkel. Auch ein Schriftstellerpreis, der Premio Café de Gijón, wurde jedes Jahr vergeben.
„Wir sind ein Haus der Debatten, der Geschichte, der Kultur, der Kunst – und auch der guten Küche”, warb bisher das über ein Jahrhundert alte Gran Café de Gijón. Nun also übernimmt die Cappuccino-Gruppe. Mit dem neuen Besitzer, des auf Edel-Gastronomie spezialisierten Unternehmens Cappuccino, „wird ein neues Kapitel für eines der herausragenden Lokale der Hauptstadt eröffnet”, heißt es in einer Mitteilung.
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Die neuen Eigentümer versprechen, dass man das Erbe des Kultcafés hüten werde. „Das Café de Gijón wird die Essenz bewahren, die es im Laufe seiner Geschichte begleitet hat.“ Schließlich sei das Gijón mehr als ein gastronomischer Betrieb: „Es ist ein kultureller Bezugspunkt und wesentlicher Teil der Seele Madrids.” Ob dies so bleibt, wird sich zeigen, wenn die Jalousien des Lokals wieder hochgehen.



