Die Flammen haben sich so rasant ausgebreitet, dass viele Bewohner der 32-stöckigen Wohntürme den Ernst der Lage viel zu spät erkannt haben. Keine vierzig Minuten hat es gedauert, bis das Feuer am Mittwochnachmittag etliche Stockwerke des Wang Fuk Court erfasst hatte. Die herzzerreißenden Szenen, die im Hongkonger Fernsehen seither auf Dauerschleife ausgestrahlt werden, sind kaum zu ertragen: Eine Bewohnerin schreit voller Verzweiflung in die Kamera, dass sich ihre gesamte Familie noch in der Wohnung befinde. Sie könne niemanden telefonisch erreichen, wahrscheinlich seien sie ohnmächtig geworden.

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Die traurige Zwischenbilanz des schlimmsten Feuers in Hongkong seit Jahrzehnten: Mindestens 128 Menschen kamen durch den Brand ums Leben. 108 davon seien bereits aus den betroffenen Hochhäusern geborgen worden, sagte Sicherheitssekretär Chris Tang. Vier Menschen waren im Krankenhaus gestorben. Die übrigen 16 Leichen befänden sich noch in den Gebäuden, erklärte Tang.

Wie konnte es zu dem Feuer kommen? Nach Angaben der Feuerwehr haben die Feuermelder versagt. Das Alarmsystem in dem Wohnkomplex Wang Fuk Court „funktionierte nicht richtig“, erklärte der Chef der Feuerwehr, Andy Yeung, am Freitag vor Journalisten. Das zuständige Wartungsunternehmen werde zur Verantwortung gezogen.

Brand in Hongkong: 200 Menschen gelten als vermisst

Weitere Leichenfunde konnten die Behörden noch nicht ausschließen. Immer noch gelten 200 Menschen als vermisst, wobei darunter auch noch nicht identifizierte Leichen sind, wie es weiter hieß. Die Feuerwehr hat die Flammen mittlerweile gelöscht und ihre Such- und Rettungsarbeiten beendet.

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79 Menschen gelten als verletzt. Unter den Verletzten sind auch einige Feuerwehrleute. Ein 37-jähriger Feuerwehrmann, der am Einsatzort bewusstlos gefunden wurde, starb im Krankenhaus. Die genaue Brandursache steht noch nicht fest.

Feuer in Hongkong: Wie konnte sich das Feuer so schnell ausbreiten?

Neben der Trauer mischt sich auch zunehmend Wut in die öffentliche Debatte. Denn die Frage, warum sich die Flammen so ungewöhnlich schnell ausbreiten konnten, ist durchaus heikel. Eine wesentliche Rolle dürften die leicht entflammbaren Bambusgerüste gespielt haben, die bereits seit über einem Jahr vor den insgesamt sieben betroffenen Wohntürmen standen. Zum ersten Mal hat der 1982 errichtete Wohnkomplex eine grundlegende Renovierung erhalten, im Zuge derer die Außenwände erneuert, Abflussrohre gesäubert und Brandschutzvorrichtungen verbessert werden sollten.

Doch ganz offensichtlich wurden bei den Arbeiten elementare Sicherheitsstandards verletzt. So berichteten einige Anwohner, dass Bauarbeiter auf den Gerüsten geraucht hätten. Auf den sozialen Medien wurden Fotos verbreitet, auf denen ausgedrückte Zigaretten zwischen den Bambusrohren zu sehen sind. Dass Bambusholz in Hongkong weiterhin für Gerüste verwendet wird, hat auch mit einer einflussreichen Lobby zu tun. Doch die Gesetze sehen vor, dass insbesondere bei größeren Gerüsten das Material mit einer feuerfesten Plane abgedeckt sein muss. Nach ersten Erkenntnissen hat der Bauentwickler möglicherweise bei der Implementierung der Sicherheitsstandards fahrlässig gehandelt.

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Dafür spricht auch, dass bereits drei Personen von den Behörden in Untersuchungshaft genommen wurden, darunter zwei Geschäftsführer und ein Ingenieur der verantwortlichen Baufirma. Ebenso ist unklar, warum einige Fenster der Wohnanlage mit Styropormaterial abgedeckt worden sind. Selbst eine absichtliche Brandstiftung kann nach derzeitigem Wissensstand nicht gänzlich ausgeschlossen werden.

Großbrände: Feuer in Hochhäusern gelten als extrem herausfordernd

Der Brand erinnert auf erschreckende Weise an die Tragödie rund um den 24-stöckigen Grenfell Tower in London, als im Jahr 2017 ebenfalls eine leicht entflammbare Außenverkleidung dafür sorgte, dass sich die Flammen in Windeseile von Stockwerk zu Stockwerk ausbreiten konnten. Damals starben 72 Menschen.

Die Feuer waren am Donnerstagabend (Ortszeit) größtenteils unter Kontrolle, es gab jedoch noch Flammen in drei Wohnblöcken. Die Feuerwehr mobilisierte nach eigenen Angaben mehr als 1200 Einsatzkräfte und berichtete von extremen Temperaturen in den oberen Stockwerken sowie schwierigen Bedingungen bei der Brandbekämpfung. Brände in Hochhäusern als extrem herausfordernd, weil die Feuerwehrleute gezwungen sind, die Flammen vom Inneren des Gebäudes zu bekämpfen, wenn die Leitern nicht hoch genug reichen.

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Auf Chinas sozialen Medien fragten einige Internetnutzer verdutzt, warum die Sonderverwaltungszone Hongkong keine Unterstützung aus dem Festland angefragt hat. Die benachbarte Metropole Shenzhen verfügt über ein ultramodernes, über drei Millionen Dollar teures Löschfahrzeug, das mit einer Feuerwehrleiter mit einer Höhe von bis zu 100 Metern ausgestattet ist – doppelt so hoch wie die lokalen Fahrzeuge.

Wang Fuk Court: Kritik an Behörden und Medien wird laut

Der Wang Fuk Court befindet sich in den sogenannten New Territorities, einer klassischen Arbeitergegend, in geografischer Nähe zu Shenzhen. Die Anlage wurde als Wohnbauprogramm unter dem sogenannten „Home Ownership Scheme“ entwickelt, welches Familien mit niedrigerem Einkommen Eigentumswohnungen ermöglichen soll. Dementsprechend ist der Brand auch politisch heikel, schließlich werden die Wohnbauprogramme von der Hongkonger „Housing Authority“ (HA) verwaltet.

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„Es ist traurig zu sehen, dass die Medien nicht gründlich genug recherchieren … und die Gründe einfach darauf reduzieren, dass es an Bambusgerüsten liegt“, kommentiert ein Hongkonger, der mittlerweile in Großbritannien lebt, im Online-Forum Reddit. Tatsächlich gibt es unter Hongkongern auf den sozialen Medien eine auffallend große Skepsis gegenüber der Aufklärungsarbeit der Behörden sowie der Medien. Das Vertrauen ist merklich geschwunden, nachdem viele unabhängige Verlage aufgrund politischen Drucks aus Peking schließen mussten.

Die Befürchtung ist, dass sich Hongkong auch bei nur indirekt politischen Themen immer stärker an chinesische Verhältnisse angleicht: In der Volksrepublik China ist es längst üblich, dass auch über Naturkatastrophen, Brände oder größere Unfälle nicht unabhängig berichtet werden darf, sondern nur die offiziellen Aussendungen der Behörden verwendet werden darf. Offensichtlich ermöglicht dies der Parteiführung, Fehlverhalten der Lokalregierung oder Korruption staatlicher Akteure vor der Öffentlichkeit geheim zu halten.