Vieles kommt dieser Tage über den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein ans Licht. Das US-Justizministerium veröffentlicht die berüchtigten Epstein-Files — vieles davon geschwärzt, angeblich zum Schutz der Opfer und auf jeden Fall zum Ärger der US-Opposition. Sie wittert eine Vertuschungsaktion, die vor allem den US-Präsidenten Donald Trump schützen soll.

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Deutsche Medien haben derweil Zugang erhalten zu einem Daten-Leak aus den Epstein-Akten. 20.000 E-Mails, teils samt Anhängen, digitale Dokumente, Fotos. Ungeschwärzt, zur Verfügung gestellt von der Whistleblowerorganisation Distributed Denial of Secrets (DDoSectrets), aufbereitet vom Data Research Centre (DARC) für das ZDF und den „Spiegel“. Die Dokumente zeigen, wie Epstein seinen Missbrauchsring aufbaute, wie er minderjährige und junge Frauen systematisch missbrauchte. Sein Muster: Menschen aus wirtschaftlich schwächer gestellten Schichten finden, mit Versprechungen locken und in eine finanzielle Abhängigkeit führen, um sie dann ausbeuten zu können.

Aus den geleakten Dokumenten geht laut „Spiegel“ und ZDF ebenfalls hervor: Epstein stellte Frauen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nach. Zwei von ihnen haben mit den deutschen Medien gesprochen: Lea und Sophie Hellingsen, ihre echten Namen lauten anders, sprachen über ihre Erfahrungen mit Jeffrey Epstein. Die Hamburgerinnen, heute 35 und 38 Jahre alt, trafen Epstein im Sommer 2006, in dessen Townhouse in New York. Lea, damals 16, und Sophie waren wenige Tage zuvor von einer Frau in Manhattan angesprochen worden, beim Frühstück.

Beim Reinkommen kam ihnen ein Mädchen entgegen

Die Unbekannte habe über den „europäischen Look“ der Frauen geschwärmt, sie arbeite für eine Modelagenutur, ob die beiden sich dort nicht vorstellen möchten? Eine Visitenkarte wechselt die Besitzerin, darauf kein Firmenlogo, kein Name einer Agentur, nur der von Jeffrey Epstein und dessen Telefonnummer. Epstein, das habe die Frau gesagt, könne sie bei einer weltweit bekannten Unterwäschemarke unterbringen. „So eine Szene, die kennt man ja eigentlich nur entweder vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen“, erinnert sich Lea Hellingsen im Gespräch mit dem ZDF.

Sie hätten die Nummer dann angerufen, vorher aber mit ihren Eltern gesprochen. Die hätten sich umgehört, über die damals schon laufenden Ermittlungen gegen den Multimillionär aber nichts erfahren. Wohl aber, was für eine bedeutende Persönlichkeit Epstein in New Yorker Kreisen war, mit Verbindungen zu den richtig Reichen und richtig Mächtigen.

So eine Szene, die kennt man ja eigentlich nur entweder vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen

Lea Hellingsen, Im Gespräch mit dem ZDF

Demnach riefen sie unter der Nummer auf der Visitenkarte an und folgten ein paar Tage später der Einladung des Multimillionärs. Er habe sie dann im Büro seines inzwischen berüchtigten New Yorker Townhouses empfangen. Hier missbrauchte Epstein jahrelang Minderjährige. Beim Reinkommen sei ihnen ein Mädchen entgegengekommen. „Es wirkte etwas verstört“, erinnert sich Sophie im „Spiegel“.

Während eines rund zweistündigen Gesprächs – inklusive improvisiertem „Model-Walk“ zwischen Sesseln und Tischen – habe Epstein den beiden angeboten, sie bei einem namhaften Unterwäschelabel zu „platzieren“.

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Dabei habe sich Epstein nahbar, freundlich, professionell gegeben. Keine Blicke, kein Anfassen, keine Aufforderung sich auszuziehen, ihn zu massieren. „Hätten wir auch nicht gemacht“, sagt Sophie Hellingsen. „No way.“ Die Schwestern hätten dann später noch „Bewerbungsfotos“ an Epsteins mutmaßliche Assistentin geschickt, leicht bekleidet. Die Fotos landeten in dem Datensatz, den „Spiegel“ und ZDF ausgewertet haben. Wenig später sei eine, offenbar wenig vertrauenserweckende, Einladung erfolgt: Ob Sophia zu einer Modeschau nach Südamerika mit will? Sophia wollte nicht.

„Das hätte ganz anders ausgehen können“

Während der Sexualstraftäter etliche Mädchen täuschen und sexuell missbrauchen konnte, gingen ihm die beiden Hamburgerinnen nicht auf den Leim – wohl auch, weil sie nicht auf Geld angewiesen waren und der 18-Jährigen damals schwante, dass ein Gespräch und ein paar Fotos noch keine Modelkarriere bauen.

Gegenüber dem „Spiegel“ betonte eine von ihnen, dass Anfassen oder Massagen für sie beide nie in Frage gekommen wären. Es sei ihnen „allerdings bewusst geworden (...), dass es ganz anders hätte ausgehen können“, so die jüngere Schwester. „Und wir sind auch froh darüber, dass es nie so weit kam.“

Epstein gehörte zur New Yorker Finanzelite, mit Kontakten beispielsweise zum heutigen US-Präsidenten Donald Trump, zum britischen Ex-Prinzen Andrew oder zu Ex-US-Präsident Bill Clinton. Wie man heute weiß, leitete er einen Missbrauchsring. Zu den Taten kam es unter anderem auf seiner Privatinsel Little Saint James in der Karibik. Epstein wurde im August 2019, etwa ein Jahr vor Prozessbeginn, tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden. Offizielle Todesursache Selbststrangulation, Epstein erhängte sich.

Rund 1000 Frauen soll Epstein insgesamt auf verschiedene Weisen missbraucht haben – viele von ihnen sind bis heute traumatisiert. So sehr, dass es manche von ihnen selbst in den Suizid trieb.

Mitarbeit: Daniel Herder