Der Schlag gegen den meistgesuchten Mann Mexikos kam im Morgengrauen. Er kam unerwartet, wurde präzise ausgeführt, aber stürzte in der Folge am Sonntag weite Teile Mexikos in Angst, Chaos und Gewalt. Wie Verteidigungsminister Ricardo Trevilla in Mexiko-Stadt am Montag mitteilte, wurden 2.500 zusätzliche Soldaten in den Westen des Landes entsandt. Ziel sei es, vor allem die rund 7.000 in Jalisco stationierten Soldaten zu verstärken und so „abschreckende Wirkung erzielen“.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Bei der Festnahme des mexikanischen Drogenbosses Nemesio Oseguera Cervantes alias „El Mencho“ und anschließenden Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und Verdächtigen sollen mindestens 74 Menschen ums Leben gekommen sein. Darunter seien auch 25 Beamte der Nationalgarde, sagte Sicherheitsminister Omar García Harfuch.
Auch interessant
Mit der Tötung des Drogenbosses Nemesio Rubén Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“ gelang der mexikanischen Regierung nach langen Jahren wieder ein großer Erfolg im Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. In Zusammenarbeit mit US-Geheimdiensten spürten die Streitkräfte den meistgesuchten Kartellboss in einem seiner Verstecke in den Bergen des Bundesstaates Jalisco auf und wollten ihn festnehmen. Bei Schusswechseln wurde der 59-Jährige aber schwer verletzt und starb laut offiziellen Angaben auf dem Weg ins Krankenhaus.
„El Mencho“ führte seit 2011 das mächtigste und berüchtigtste Kartell „Jalisco Nueva Generación“ (CJNG). Sein Syndikat ist seit der Festnahme von Joaquin Guzmán im Januar 2016, dem Chef des Sinaloa-Kartells, die mächtigste Gruppe des Organisierten Verbrechens in Mexiko. Der Schlag gegen das Kartell stärkt die Sicherheitsstrategie von Präsidentin Claudia Sheinbaum, die immer wieder von US-Präsident Donald Trump wegen der Macht der Mafias in Mexiko angefeindet wird. Kämpfer des Kartells säten nach der Tötung ihres Chefs in vielen Städten des Landes Chaos und Gewalt.
Lesen Sie auch
CJNG-Kartell erschüttert Mexiko mit brutaler Gewalt und internationaler Expansion
Das CJNG ist wegen seiner Brutalität und Skrupellosigkeit berüchtigt und auch dafür bekannt, als Zeichen der Stärke ganze Städte oder Regionen lahmlegen zu können. Zudem agiert es in Mexiko in einer Weise, die bisher für das Organisierte Verbrechen in dem nordamerikanischen Land unbekannt war. „Sie töten Richter, Polizisten, Politiker, legen Auto-Bomben, so wie seinerzeit Pablo Escobar“, der legendäre Chef des Medellín-Kartells in Kolumbien in den 1980er-Jahren“, sagt Edgardo Buscaglia, Experte für Organisierte Kriminalität in Mexiko.
Auch interessant
Anführer Oseguera galt als besonders rachsüchtig. Vor Jahren lockten Pistoleros der Bande 15 Polizisten in einen Hinterhalt und töteten sie. Zuvor hatte eine Eliteeinheit der Polizei einen der meistgesuchten Killer des CJNG-Kartells zur Strecke gebracht. Laut den US-Drogenfahndern hat das Kartell seine verbrecherischen Aktivitäten zudem internationalisiert und bis nach China und Australien ausgedehnt.
Auch interessant
Das CJNG verfügt zudem über Kriegsgerät, das dem der staatlichen Sicherheitskräfte kaum nachsteht. Bei der Operation am Sonntag wurden in Osegueras Versteck laut offiziellen Angaben „verschiedene Waffen beschlagnahmt, darunter Raketenwerfer, mit denen Flugzeuge abgeschossen und gepanzerte Fahrzeuge zerstört werden können“.

Der Tod des Capos werde das Tableau des Organisierten Verbrechens neu sortieren und kurz- und mittelfristig zu mehr Gewalt und Machtkämpfen führen, fürchten Experten. Die Kartelle haben in manchen Regionen des lateinamerikanischen Landes das Gewaltmonopol inne und liefern sich etwa im Bundesstaat Sinaloa noch immer blutige Gefechte in Nachfolgefehden von Splittergruppen des gleichnamigen Kartells, bei denen immer wieder die Bevölkerung in Mitleidenschaft gezogen wird.
Auch interessant
Kartellgewalt in Mexiko: Brennende Autos und Chaos in Puerto Vallarta
Bereits am Sonntag gab es einen Vorgeschmack darauf, was Mexiko jetzt bevorstehen könnte. Als Reaktion auf die Tötung des Kartell-Capos blockierten CJNG-Kämpfer in mehreren mexikanischen Städten Straßen mit brennenden Autos, Lastwagen und Bussen und legten Feuer, etwa in Supermärkten, Apotheken und Einzelhandelsgeschäften. In der Touristenstadt Puerto Vallarta an der Pazifikküste waren auf Videos brennende Autos und riesige dunkle Rauchwolken zu sehen, die zwischen den Gebäuden aufstiegen. Die Behörden riefen die Menschen dazu auf, sich in Sicherheit zu bringen. Fluggesellschaften strichen umgehend ihre Flüge nach Puerto Vallarta.

Auch in Guadalajara, Hauptstadt von Jalisco und zweitgrößte Stadt des Landes sowie Spielort der Fußball-WM im Sommer, herrschten Chaos, Angst und Gewalt. „Meine Messenger-Dienste laufen heiß mit Berichten und Fotos von Angriffen in meiner Stadt und in Orten in ganz Jalisco und den Nachbarstaaten“, sagt der in Guadalajara lebende Schriftsteller Antonio Ortuño. „Autos, Lastwagen und Geschäfte stehen in Flammen, Schüsse, blockierte Straßen, Panik und so etwas wie eine Massenflucht unter den Reisenden am internationalen Flughafen.“
Auch interessant
Mexiko: Schulen bleiben aus Sicherheitsgründen in vielen Bundesstaaten geschlossen
Mehr als ein Dutzend der 32 Bundesstaaten strich aus Sicherheitsgründen für Montag den Schulunterricht. Fast alle Bundesstaaten, darunter auch die Hauptstadt Mexiko City, beriefen ihre Sicherheitskabinette zu Dringlichkeitssitzungen ein. Vier Monate vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft, die im Juni und Juli in Mexiko, den USA und Kanada ausgetragen wird, zeigt sich, wie fragil die Sicherheitslage im Land ist.

Die deutsche Botschaft warnte, dass es „in verschiedenen Landesteilen zu Unruhen, Straßensperren und Brandstiftungen“ komme. Wer sich an einem sicheren Ort aufhalte, solle dort bis auf Weiteres bleiben und auf nicht unbedingt erforderliche Fahrten verzichten, hieß es auf X. Die mexikanische Präsidentin Sheinbaum forderte die Bevölkerung am Sonntag dazu auf, Ruhe zu bewahren. „Im größten Teil des Staatsgebiets geht das Leben seinen gewohnten Gang“, versuchte Sheinbaum zu beruhigen.
- Finstere Erinnerungen: „Brasiliens Fritzl“ sperrte Stieftochter 22 Jahre ein – dann half ein Trick
- Karibik: Wo Kinder zu Mördern werden – und Touristen Cocktails schlürfen
- El Salvador: Ein Tattoo reicht für eines der schlimmsten Gefängnisse der Welt
- Kritik an Musik-Genre: Verherrlichung von Drogen? Tradition könnte nun verboten werden
CJNG-Kartell: Aufstieg zur mächtigsten Mafia Mexikos durch Fentanyl-Handel
Die USA hatten auf den ehemaligen Polizisten Oseguera eine Belohnung von 15 Millionen Dollar ausgesetzt und das CJNG als ausländische Terrororganisation eingestuft. Neben dem Handel mit der synthetischen Droge Fentanyl und Kokain dominiert das Kartell auch bei der Schleusung von Migranten, dem Diebstahl von Rohstoffen sowie dem Waffenhandel. Der stellvertretende US-Außenminister und frühere Mexiko-Botschafter Christopher Landau bezeichnete die Tötung des Drogenbarons wörtlich als „großen Fortschritt für Mexiko, die USA, Lateinamerika und die Welt“.

Die „Jalisco Nueva Generación“-Mafia, ursprünglich eine Killerbande des Sinaloa-Kartells im Bundesstaat Jalisco, konnte sich in seinen Anfangsjahren fast unbemerkt unter dem Radar der Sicherheitskräfte zur mächtigsten Verbrecherorganisation Mexikos entwickeln. Das CJNG übernahm dabei Personal und Geschäftsfelder von anderen Mafiaorganisationen, gegen die der Regierung Schläge glückten. Mittlerweile hat das Syndikat seine Tentakel im ganzen Land ausgebreitet. Entscheidend für den Aufstieg war, dass sie dem Sinaloa-Kartell den lukrativen Markt für synthetische Drogen wie Fentanyl abringen konnten.












