Tief im Tieflandregenwald der Vogelkop-Halbinsel im Westen Neuguineas raschelt es im dichten Blattwerk. Zwischen den Wurzeln uralter Kauribäume, die die lokale Bevölkerung als Geburtsort aller Lebewesen verehrt, bewegt sich ein kleines Tier. Gestreift, kaum größer als eine Handfläche, mit einem absurd langen vierten Finger klammert es sich an einen Ast. Mit diesem unscheinbaren Auftritt schreibt es Wissenschaftsgeschichte.

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Das Tier, das Zoologen bisher aus vergilbten Fossilienbeschreibungen kannten, sollte eigentlich längst verschwunden sein. Seit etwa 6000 Jahren galten sowohl das Dactylonax kambuayai, ein pygmäischer, langfingriger Gleitbeutler (Pygmy Long-fingered Possum), als auch der Ringelschwanzgleiter Tous ayamaruensis als ausgestorben. Nun haben Forschende unter der Leitung des australischen Biologen und Paläontologen Tim Flannery und des Geschäftsführers des Bishop Museums, Kristofer Helgen, beide Arten lebend nachgewiesen – in eben jenen Wäldern, die zu den artenreichsten der Erde zählen.
Lazarus-Taxa: Diese Tierarten tauchen nach Jahrmillionen wieder auf
In der Biologie nennt man solche Fälle „Lazarus-Taxa“ – Arten, die aus dem Fossilienarchiv verschwinden und Jahrtausende oder gar Jahrmillionen später plötzlich wieder auftauchen. Es ist eine Erscheinung, die Wissenschaftler immer wieder verblüfft, aber selten dokumentiert wurde. Die Entdeckung einer einzigen solchen Art sei „eine außergewöhnliche Entdeckung“, sagt Flannery. „Aber die Entdeckung zweier Arten, die seit Tausenden von Jahren als ausgestorben galten, ist bahnbrechend.“ Besonders bemerkenswert: Der Ringelschwanzgleiter wird nicht nur als neue Art, sondern als Vertreter einer völlig neuen Gattung eingestuft – der ersten neuen Gattung eines neuguinesischen Beuteltiers seit 1937.
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Die Identifizierung gelang durch das Zusammenführen von Belegen aus aller Welt: Fossilienfragmente, seltene Fotografien lokaler Feldforscher – und ein Museumsexemplar, das seit 1992 im Australian Museum lagerte, damals aber falsch bestimmt und schlicht als Lehrmaterial genutzt worden war. Die Entdeckungen wurden in einer Sonderausgabe des Fachmagazins „Records of the Australian Museum“ veröffentlicht.
Ein Possum mit Spezialwerkzeug – und ein heiliger Gleiter
Das wiederentdeckte Possum ist ein auffällig gestreiftes Beuteltier mit einer ungewöhnlichen anatomischen Besonderheit: Ein Finger an jeder Hand ist doppelt so lang wie die übrigen – ein evolutionäres Spezialwerkzeug, mit dem das Tier Holz bohrende Insektenlarven aus dem Holz herausangelt. Fossilfunde belegen, dass die Art vor rund 300.000 Jahren in Australien lebte und während der letzten Eiszeit verschwand, als auch andere ikonische Megafauna wie der Diprotodon oder der Beutellöwe ausstarben. Spätere Funde zeigten, dass sie noch bis vor etwa 6000 Jahren in Neuguinea überlebt hatte.

Der Ringelschwanzgleiter ist der nächste lebende Verwandte des australischen Großen Gleiters – kleiner als dieser, mit unbehaarten Ohren und einem stark greiffähigen Schwanz. Die Art geht lebenslange Paarbindungen ein, zieht nur einmal jährlich ein Junges auf und nistet in Baumhöhlen der höchsten Waldriesen. Für die Tambrauw- und Maybrat-Clans der Region ist das Tier, das sie Tous nennen, weit mehr als eine Tierart: Es gilt als heilig, als Manifestation der Geister der Vorfahren, und steht im Mittelpunkt von Initiationsritualen. Die Gemeinschaften haben seinen Lebensraum seit Jahrtausenden geschützt. „Die Identifizierung wäre ohne die Zusammenarbeit mit den traditionellen Eigentümern nicht möglich gewesen“, sagt Rika Korain, eine Maybrat-Frau und Mitautorin der Studie.
Halbinsel ist Hotspot der Biodiversität – und ein Ort voller Geheimnisse
Dass ausgerechnet die Vogelkop-Halbinsel der Schauplatz dieser Entdeckung ist, überrascht Fachleute kaum. Westpapua gilt als einer der bedeutendsten Biodiversitäts-Hotspots der Welt und beherbergt einen großen Teil der indonesischen Artenvielfalt. In den intakten Regenwäldern, Mangroven und Hochgebirgen wurden schätzungsweise bis zu 20.000 Pflanzenarten, 300 bis 600 Vogelarten, darunter viele endemische Paradiesvögel, mehr als 100 Säugetierarten sowie Hunderttausende Insektenarten erfasst. Viele Pflanzen sind endemisch und kommen nirgendwo sonst auf der Erde vor.
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Auch die Küstengewässer sind weltweit einzigartig: Der Raja-Ampat-Archipel beherbergt das artenreichste Korallenriff-System der Erde – mit mehr als 600 Korallenarten, bis zu 1500 Fischarten und rund 700 Weichtierarten. Doch so außergewöhnlich die Vielfalt ist, so groß sind die Bedrohungen: Abholzung und Rohstoffabbau setzen der Region genauso wie der Klimawandel zu.
Flannery, der auch als Klimaaktivist und Autor des Bestsellers „The Weather Makers“ bekannt ist, arbeitet seit Jahren mit der Universität Papua und mit internationalen Naturschutzorganisationen wie dem WWF und der Minderoo Foundation zusammen, um die Vogelkop-Wälder vor Abholzung zu schützen und in der Hand der traditionellen Eigentümer zu belassen. Für ihn sind die Funde mehr als eine wissenschaftliche Sensation. „Der Vogelkop ist ein altes Stück des australischen Kontinents, das in die Insel Neuguinea eingegliedert wurde“, sagt der 70-Jährige. „Seine Wälder mögen noch weitere verborgene Relikte eines vergangenen Australiens beherbergen.“








