Seitdem die Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes ihrem Ex-Partner Christian Ulmen digitale Gewalt vorgeworfen hat, ist ein Großteil der deutschen Öffentlichkeit erschüttert. Am Sonntag demonstrierten in Berlin Tausende Menschen gegen digitale sexuelle Gewalt, deutsche Politiker sprechen sich für schärfere Gesetze im Netz aus. Derweil distanzieren sich auch viele Weggefährten von dem Schauspieler und Regisseur Ulmen – nun auch „Jerks“-Co-Star Fahri Yardim.
Zur Berichterstattung im Fall Fernandes
Gegen Christian Ulmen stehen schwere Vorwürfe im Raum. Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes hat Ulmen in Spanien angezeigt, wegen mutmaßlicher Vortäuschung einer Identität, Verletzung von Geheimnissen, Beleidigung mit öffentlicher Verbreitung, fortgesetzter Misshandlung und schwerer Bedrohung. Um die Erstellung von Deepfake-Pornos ging es dabei ausdrücklich nicht. Die spanische Justiz hat die Strafanzeige von Collien Fernandes an Deutschland abgegeben. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt derweil wegen Vorwürfen häuslicher Gewalt gegen Christian Ulmen.
Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Der Schauspieler weist die Vorwürfe zurück. Das Landgericht Hamburg hat Anfang Mai einen Großteil der im März erschienenen „Spiegel“-Berichterstattung für zulässig erklärt. Fernandes hatte darin die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann öffentlich gemacht. Im Juni urteilte auch das Hanseatische Oberlandesgericht, der „Spiegel“ dürfe weiter über die Gewaltvorwürfe berichten.
„So. verspätet. unvollständig“, beginnt Yardim das Statement zu Ulmen, das er am Sonntagabend auf Instagram veröffentlichte. „Ich bin genauso geschockt wie viele andere“, schreibt er weiter. „Ich bewundere Colliens Mut. Ich bin dankbar für den Zuspruch, den sie erhält. Ich fühle mit ihr.“ Der 45-Jährige sei Fernandes dankbar dafür, wie sie ihre „persönliche Geschichte in eine Kraft übersetzt, die echte strukturelle Veränderungen möglich macht“. Dafür habe sie seine volle Solidarität.
Auch interessant
Yardim erklärt tagelanges Schweigen zu Ulmen
Yardim spielte von 2017 bis 2023 in der Comedy-Serie „jerks“ an der Seite von Ulmen eine fiktionalisierte Version seiner selbst. In der Handlung sind die beiden eng befreundet. In Interviews gaben Ulmen und Yardim an, auch im echten Leben beste Freunde zu sein. Die Serie habe teilweise auf gemeinsam erlebten Situationen beruht.
Yardims Stellungnahme erfolgte erst mehrere Tage nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe. Im Text betont er, dass es für ihn eine „grundlegende normative Haltung“ sei, Opfern zu glauben. Er sei sich der Folgen seines „Zögerns“ bewusst, das beeinflusse, welche „Perspektiven sich verfestigen und welche Schutzräume gestärkt oder geschwächt werden“.
Er begründet das Warten außerdem mit einer Art Kampf mit sich selbst und der Überforderung mit der Situation: „Und trotzdem. Ich konnte nicht anders. Ich brauchte Zeit. Aus der besonderen Situation heraus, auf zwei Ebenen berührt zu sein.“ Er schreibt von dem Schock, wenn sich „Abgründe“ im engen Freundeskreis auftun, und nutzt immer wieder Begriffe wie „Ambiguität“, „Komplexität“ und „Spannung“. Er versuche, Selbstkritik zu üben und die eigene Perspektive nicht als abgeschlossen zu begreifen.
Auch interessant
Nutzer kritisieren Stellungnahme als „kryptisch“ und mit ChatGPT erstellt
„Das ist keine abschließende Antwort“, heißt es am Ende der langen Stellungnahme. Er sehe aber klarer, dass sein Zögern „selbst bereits eine Position“ mit realen Folgen sei. „Und ich versuche, mich diesen Folgen nicht nur gedanklich, sondern auch praktisch zu stellen.“

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Während in den Instagram-Kommentaren viele Nutzer Yardim Respekt für sein Statement aussprechen, kritisieren andere den Text wegen seiner Komplexität als „kryptisch“ und wenig persönlich. In einigen Top-Kommentaren wird der Verdacht geäußert, dass Yardim für den Text einen KI-Chatbot wie ChatGPT verwendet hätte.
Yardim selbst hat inzwischen auf die Kritik reagiert. In dem inzwischen bearbeiteten Begleittext zum Post schreibt er: „Es stimmt, der Text ist verkopft. Auch Ausdruck meiner Überforderung. Und eines Anteils von mir der gerade verzweifelt den Krisenmodus übernimmt.“ Es sei eine erste Annäherung an die berechtigte Erwartung, sich zu bekennen. „Ich meld mich wieder, wenn ich mein Herz wiedergefunden hab“, so Yardim.
Auch interessant
Benjamin von Stuckrad-Barre über Fernandes: „Mein Mitgefühl, meine Solidarität gehört alleiniglich ihr“
Der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre war ebenfalls jahrelang mit Ulmen befreundet, erhielt aber für seine Stellungnahme deutlich mehr Zuspruch als Yardim. „Digitale sexualisierte Gewalt ist Gewalt. Und bei Gewalt endet alles, wirklich alles“, schreibt von Stuckrad-Barre im auf Instagram und im „Spiegel“ veröffentlichten Text. Er könne das „vorgeworfene entwürdigende Verhalten“ zwar nicht mit seinem Freund Christian zusammenbringen, müsse das aber in dieser Lage tun.
„Collien ist ohne Wenn und Aber Opfer entsetzlicher digitaler Gewalt geworden, und dass offenbar auch durch Christian. Mein Mitgefühl, meine Solidarität gehört alleiniglich ihr.“ Er fordert von Männern, sich der vielen Gewalt in Beziehungen zu stellen und sie zu verurteilen: „Und wir Männer haben die Aufgabe, viel aufmerksamer noch zu werden gegenüber Gewalt und gewaltvollem Verhalten, wir müssen das verhindern, wir dürfen keine Täter beschützen.“
„Ich muss mich hier ganz klar von meinen Freund Christian distanzieren, muss das deutlich benennen, weil Schweigen nicht ganz zu Unrecht aufgefasst werden könnte als Billigung“, schreibt er weiter. Laut von Stuckrad-Barre seien er und Ulmen über 30 Jahre lang befreundet gewesen, hätten aber bereits jahrelang nicht mehr miteinander gesprochen.
- Gewalt gegen Frauen: Psychiater über Pelicot und Diddy – das haben sie gemeinsam
- Fall Pelicot: Urteil gegen Pelicot – Richter entlarven tiefere Motive
- Portrait: Darum gab Gisèle Pelicot ihrem Peiniger eine zweite Chance
- Kommentar: Gisèle Pelicot – Zurecht als Heldin gefeiert
Christian Ulmen und Collien Fernandes: Darum geht es bei den Vorwürfen
Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, sie jahrelang „digital vergewaltigt“ zu haben. Zuerst berichtete der „Spiegel“ über den Fall. In der Darstellung Fernandes habe Ulmen in ihrem Namen sexualisierte Kontakte zu anderen Männern gehabt. Unter anderem habe er gefälschte Nacktfotos verschickt und sich mithilfe einer digital gefälschten Stimme zu Telefonsex verabredet. Fernandes sei nach eigener Aussage mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen, um auf bestehende Gesetzeslücken bei digitaler Gewalt hinzuweisen.
Ulmen bestreitet die Anschuldigungen, es gilt die Unschuldsvermutung. Ulmens Anwalt Christian Schertz kündigte rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung an, bei der es sich „in großen Teilen um eine unzulässige Verdachtsberichterstattung“ handle. Zudem würden „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet“.







