Der europäische Wisent galt lange als nahezu verloren. Jagd und die Zerstörung seines Lebensraums hatten das größte wild lebende Landsäugetier Europas im 20. Jahrhundert fast vollständig ausgerottet. Im Jahr 1919 wurde der letzte Flachland-Wisent in Europa und 1927 der letzte wilde europäische Berg-Wisent im Kaukasus erschossen. Übrig blieben damals nach Angaben der Organisation Rewilding Europe nur 54 Tiere in europäischen Zoos.

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Heute ist die Lage eine andere. Der europäische Wisent gehört mit dem amerikanischen Bison zu den letzten Vertretern der Gattung Bison und lebt wieder in mehreren Teilen Europas. Herden gibt es inzwischen unter anderem in Deutschland, Polen, Belarus, Rumänien, der Schweiz, Litauen und Großbritannien. Was lange wie ein endgültiger Verlust schien, gilt heute als Erfolgsgeschichte des europäischen Artenschutzes.

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Der Wisent war fast ausgerottet – jetzt wächst der Bestand wieder

Dass der Wisent überhaupt zurückkehren konnte, liegt an jahrzehntelanger Wiederansiedlung. 1954 wurde der erste Wisent im ostpolnischen Białowieża-Urwald ausgewildert. Mit Erfolg: In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der freilebenden Europäischen Bisons Schätzungen zufolge von 2579 auf mehr als 7200. Die IUCN stuft die Art mittlerweile als „potenziell gefährdet“ statt „gefährdet“ ein.

Die größten Herden gibt es heute in Belarus und Polen. Aber auch in anderen Regionen wächst die Population. In den rumänischen Südkarpaten ziehen laut „Rewilding Europe“ inzwischen mehr als 100 Wisente frei umher. In den Rhodopen in Bulgarien gibt es seit 2019 wieder eine kleine Wildpopulation. Dort lebten die Tiere zuvor seit dem Mittelalter nicht mehr.

Wisente
Ein Wisent wälzt sich in der „Wisent-Wildnis", einem 20 Hektar großen, eingezäunten Areal in Nordrhein-Westfalen, auf dem Boden.© picture alliance / dpa | Marius Becker

Und auch in Deutschland laufen Wiederansiedlungsprojekte – wenn auch nicht immer erfolgreich. Ein Beispiel ist die Herde im Rothaargebirge in Nordrhein-Westfalen. 2013 wurden die ersten acht Wisente in die Wildnis entlassen. Allerdings klagten Waldbauern wegen Schäden an Bäumen bis vor den Bundesgerichtshof, der Trägerverein geriet wegen hoher Schadensersatzforderungen in die Insolvenz. Danach übernahmen das Land NRW und der Kreis Siegen-Wittgenstein die Verantwortung für die Tiere.

2022 wurde gerichtlich entschieden, dass die Wisente nicht weiter frei herumlaufen dürfen. Seitdem lebt die Herde auf einem 24 Hektar großen, eingezäunten Areal. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland hält das für rechtswidrig und klagt auf Freilassung der Tiere. Aus Sicht des Verbands wäre für das Einfangen der frei lebenden, streng geschützten Tiere eine Ausnahmegenehmigung nötig gewesen. Anfang 2026 sind 18 Wisente aus dem Rothaargebirge und dem Tierpark Berlin in den Kaukasus in Aserbaidschan ausgewildert worden. Die übrigen Tiere aus dem Rothaargebirge werden in Tierparks verteilt.

Warum der Wisent für ganze Ökosysteme wichtig ist

Mit der Rückkehr des Wisents kommt nicht nur eine Tierart zurück. Auch Lebensräume verändern sich. Denn die Tiere greifen spürbar in ihre Umgebung ein. Sie ernähren sich pflanzlich, sind sogenannte Megaherbivoren, also Großpflanzenfresser.

Megaherbivoren wie der Wisent wirken als „Ökosystem-Ingenieure“: Ihr Verbiss schafft Lichtungen, Wälzstellen fördern Pionierpflanzen. „Wisente halten Flächen wie Wiesen oder Heiden offen und sorgen im Wald für Lichtungen und Sonneneinstrahlung bis zum Boden“, schreibt der WWF.

Fachleute sehen im Wisent deshalb mehr als ein Symbol erfolgreicher Wiederansiedlung. Er gilt als Tier, das seine Umwelt mitprägt. Wo Wisente leben, entstehen neue Nischen für Pflanzen, Insekten und andere Tiere. Das kann die Artenvielfalt erhöhen und Ökosysteme robuster machen.

England, Rumänien, Niederlande: So verändert der Wisent Lebensräume

Wie stark sich die Anwesenheit der Tiere auf ihre Umgebung auswirken kann, zeigt ein Projekt in Großbritannien. In Kent im Blean Woods lebt seit 2022 wieder eine Wisentherde. Schon nach vergleichsweise kurzer Zeit seien dort deutliche Auswirkungen sichtbar gewesen, berichten Ranger wie Hannah Mackins der Zeitung „The Independent“.

Demnach ist der Waldboden heute deutlich heller als früher. Pflanzenarten, die unter dichtem Farn, Brombeeren und Baumbestand zuvor kaum Chancen hatten, kommen wieder hoch. Der Wald wird dadurch vielfältiger.

Damit die Herde in Kent mehr Raum bekommt, sollen sogenannte Wisent-Brücken den Zugang zu weiteren Waldflächen ermöglichen. Zwei davon stehen bereits. Zwei weitere sollen noch bis Jahresende folgen.

Wisente-Artenschutzprojekt vor dem Aus - Ringen um Lösung
Wisente ernähren sich pflanzlich und sind Großpflanzenfresser. Damit tragen sie zur Stabilität des Ökosystems bei.© picture alliance/dpa | Oliver Berg

Auch beim CO₂ könnte der Wisent eine Rolle spielen

Nicht nur die Artenvielfalt steht im Fokus. Auch die Frage, ob Wisente beim Speichern von Kohlenstoff helfen können, wird inzwischen untersucht. In Rumänien hatten Rewilding Europe und der WWF Rumänien die Tiere 2014 in die südlichen Karpaten zurückgebracht, nachdem sie dort mehr als 200 Jahre lang verschwunden gewesen waren.

Eine Studie der Yale University aus dem Jahr 2024 legt nahe, dass die großen Pflanzenfresser dort auch für den Kohlenstoffhaushalt relevant sein könnten. Die Herde von 170 Tieren könnte demnach so viel Kohlenstoff binden und speichern, wie im oberen Schätzwert bis zu 84.000 durchschnittliche Benzin-Pkw in den USA pro Jahr ausstoßen. Der mittlere Wert liegt bei rund 43.000 Fahrzeugen.

Die Erklärung dahinter: Wisente halten Grasflächen durch ihr Fressen offener, verteilen Samen, recyceln Nährstoffe über ihren Kot und verdichten den Boden. Dadurch kann weniger Kohlenstoff entweichen. Die Forscher machen aber auch deutlich, dass es sich um eine Schätzung mit Unsicherheiten handelt. Der Wert kann demnach um bis zu 55 Prozent nach oben oder unten abweichen.

Warum Singvögel vom Comeback der Wisente profitieren

Wie vielfältig die Wirkung der Tiere sein kann, zeigt sich auch in den Niederlanden. Im Nationalpark Zuid-Kennemerland nutzen Sperlingsvögel das Winterfell der Wisente, das diese im Frühling verlieren, für ihre Nester. Nach Angaben des Wisentproject Kraansvlak sind die Haare bei den Vögeln beliebt, weil sie weich und wollig sind und gut isolieren. So bleibt die Temperatur der Eier stabiler. Im Frühling scheuern die Wisente ihr Fell an Bäumen und Sträuchern ab und hinterlassen Haarbüschel, die Vögel genau in dieser Zeit für den Nestbau nutzen. Studierende der Angewandten Biologie untersuchen nun, ob sich dieses Nistmaterial auch messbar auf den Bruterfolg auswirkt.