Die neue ZDF-Dokumentation „Am Puls: Unsere Bahn – geliebt, verflucht, gefährlich?“ begleitet Dunja Hayali auf ihrer Spurensuche durch das System der Deutschen Bahn. Dass dieser Artikel ausgerechnet in einem ICE entsteht, der kurzfristig von einem anderen Gleis abfährt, passt dabei fast schon zu gut.

„Theoretisch ergibt Bahnfahren doch total Sinn“, sagt Hayali. „Aber praktisch ist es ja so: zu unzuverlässig, zu unpünktlich, zu teuer.“

Deutsche Bahn: „Kollaps eines Systems“

„Ich bin ein Befürworter. Aber ich erlebe momentan den Kollaps eines Systems“, sagt ein Fahrgast. Eine Reisende fährt inzwischen lieber einen Tag früher los. Wie tief die Probleme reichen, zeigt sich, als Hayali zwei Lokführern über die Schulter schaut.

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„Es hat sich so viel angestaut über Jahrzehnte“, sagt Matthias Grün, Lokführer bei der Deutschen Bahn, als eine sogenannte Langsamfahrstelle den ICE ausbremst. Mehr als 90 Kilometer pro Stunde sind hier nicht erlaubt. Grüns Kollege Ringo Jurado-Sánchez erklärt, Überholgleise seien aus wirtschaftlichen Gründen zurückgebaut worden: „Wir können nicht pünktlich fahren, weil wir einfach zu wenig Überholgleise haben.“ Das Chaos wirkt damit nicht wie ein schicksalhaftes Verhängnis, sondern wie das Ergebnis jahrelanger Fehlentscheidungen.

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Zugunglück von Burgrain: Wenn Sparen lebensgefährlich wird

Wie gefährlich der Verschleiß werden kann, zeigt Hayalis Besuch in Burgrain. Am 3. Juni 2022 entgleist bei Garmisch-Partenkirchen eine Regionalbahn. Fünf Menschen sterben, 78 werden verletzt. Ursache sind beschädigte Betonschwellen. „Wenn man sich den Untersuchungsbericht durchliest, ist man echt ziemlich fassungslos“, sagt Hayali. Risiken bestimmter Schwellen seien seit Jahren bekannt gewesen, zugleich sei das Regelwerk gelockert worden: „Man wollte den Kostendruck in der Instandhaltung reduzieren.“

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Peter S. hat seine Frau bei dem Unglück verloren. Als Pilot kennt er eine andere Sicherheitskultur: Sobald etwas auffalle, werde gehandelt – „da wird auch die Konkurrenz informiert“. Im Prozess ging er auf einen der angeklagten Bahnmitarbeiter zu. „Als ich zu ihm hin bin, sind wir beide in Tränen gewesen.“ Für sich spricht er die beiden Angeklagten von Schuld frei. Das System Bahn dagegen nicht.

Bahn-Modernisierung: 70 Millionen Euro für alte Signale

Ein anonymer Lokführer erzählt, was geschieht, wenn er unterspülte Gleise oder andere Auffälligkeiten meldet: „Dann hört das Wissen darüber auf.“ Laut einer internen Umfrage der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) gaben 45,1 Prozent der Befragten an, nie eine Rückmeldung zu erhalten, 34,6 Prozent nur selten. „Es gibt Momente, in denen ich mich überhaupt nicht wohlfühle“, sagt er. Dann fährt er aus Sicherheitsgründen langsamer. Die Folge: jene Verspätung, über die sich später die Fahrgäste ärgern.

Endgültig absurd wird es an der Strecke Berlin-Hamburg. Bahnexperte Hans Leister zeigt Hayali Signale, die dort neu errichtet werden sollen. „Wir setzen auf die Uralttechnik von vorgestern, nämlich menschliche Augen, die versuchen, Lichter zu erkennen“, sagt er. Rund 700 Signale sollen dort verbaut werden, eines koste nach seiner Rechnung ungefähr 100.000 Euro. Macht etwa 70 Millionen Euro. „Alter Schwede!“, sagt Hayali.

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Leister meint, für dasselbe Geld hätte man wahrscheinlich die dort fahrenden Züge für das digitale System umrüsten können. „Es ist absurd.“ Hayali antwortet: „Ich weiß nicht mehr, was ich sagen oder fragen soll.“ 

Belgien zeigt, wie es gehen kann – 15 Jahre Masterplan

In Belgien findet Hayali den Gegenentwurf. Nach dem Zugunglück von Buizingen im Jahr 2010 startete das Land einen ETCS-Masterplan. Die Arbeiten begannen 2012 und wurden Ende 2025 abgeschlossen. Seitdem ist das gesamte Hauptstreckennetz mit ETCS (European Train Control System) ausgerüstet. Wie das gelungen sei, will Hayali wissen. „Es geht um Zusammenarbeit“, sagt Infrabel-Sprecher Frédéric Petit. Währenddessen steckt Deutschland im Patt zwischen Infrastruktur, Fahrzeugumrüstung, Finanzierung und Ministerien fest.

Von Bahnchefin Evelyn Palla erfährt Hayali vor allem, dass die Lage kompliziert ist. „Wir sind ja dabei, ein modernes Schienennetz zu machen in Deutschland. Das haben wir aktuell nicht“, sagt Palla. Ihr größter Wunsch sei, „dass wir in Deutschland wieder stolz sind auf unsere Bahn“. Das klingt sympathisch – bleibt aber erstaunlich klein für ein Unternehmen, das Jahrzehnte des Versäumten nachholen soll. Ähnlich hält es CDU-Verkehrspolitiker Michael Donth. Auf Hayalis Frage, ob sich die Verkehrsminister – oftmals aus der Union - „an die eigene Nase fassen“ müssten, antwortet er schlicht: „Ja.“ 

Spannende Artikel zur Deutschen Bahn

„Die Deutsche Bahn ist irgendwie wie Deutschland in klein“

Die Dokumentation sucht nicht den einen Schuldigen, sondern zeigt ein System, in dem die Verantwortung zwischen Bahn und Politik hin- und hergeschoben wird, während Beschäftigte und Fahrgäste die Folgen tragen. Ausgerechnet bei der Digitalisierung leistet sich die Doku selbst eine Panne: Eine Grafik nennt null vollständig digitale Stellwerke. Das ZDF korrigiert später - tatsächlich sind es drei. 

Hayali resümiert: „Die Deutsche Bahn ist irgendwie wie Deutschland in klein.“ Dass ausgerechnet ihre Doku bei der Digitalisierung nachbessern muss, ist die unfreiwillige Pointe. Die Probleme sind bekannt, die Lösungen liegen auf dem Tisch – und trotzdem kommt das System kaum vom Fleck. Noch ist der Zug übrigens pünktlich.