Sandra Hüller ist in Stratosphären vorgedrungen, von denen viele deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler nur träumen können. Nach dem Erfolg von „Der Astronaut“ ist die 48-Jährige im Herbst in dem Tom-Cruise-Film „Digger“ zu sehen. Und vorher gibt es noch den in Cannes ausgezeichneten Film „Vaterland“ (ab 3. September im Kino), wo sie die Tochter von Thomas Mann spielt. Ungeachtet dieses Hypes – oder vielleicht gerade deshalb – bleibt sie im Interview sachlich und nüchtern. Dazu mag auch die Tatsache beitragen, dass sie mit ihrer Familie fern des Rummels in Leipzig lebt.

Sie waren in diesem Jahr in dem spektakulären Hollywoodfilm „Der Astronaut“ zu sehen, jetzt folgt die europäische Produktion „Vaterland“. Wie entscheiden Sie sich zwischen großen und kleinen Projekten?

Sandra Hüller: Ich denke nicht in den Kategorien von „groß“ und „klein“, sondern von „interessant“ und „uninteressant“. Diese Unterscheidung macht auch deshalb keinen Sinn, weil ich zum Beispiel auf „Vaterland“ mehr Zeit verwendet habe als auf „Der Astronaut“.

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Sandra Hüller: „Fühle mich eher als Weltbürgerin“

Sie werden jetzt auf der ganzen Welt für Ihre schauspielerischen Leistungen gerühmt. Gibt es ein Rezept, nach dem Sie Ihre Figuren besonders interessant gestalten?

Wenn eine Figur im Drehbuch nicht interessant ist, vermag ich sie nicht interessant zu machen. Es gibt die irrige Auffassung, dass man als Schauspieler mehr daraus machen kann. Ich kann nur Figuren zum Leben erwecken, die bereits Leben haben. In diesem Fall war das aber gegeben. Erika Mann war eine smarte, mutige Frau, die vor Provokationen nicht zurückgeschreckt ist. Sie war nicht angstfrei, aber sie wusste, wie sie diese Ängste überwindet. Sie akzeptierte keine Denkschranken. Und ich bewundere sie dafür, wie offen sie mit ihrem Vater über ihre Gefühle gesprochen hat, auch wenn beide einander stets mit Respekt begegneten. 

Thomas Mann hat sich sehr mit seiner deutschen Herkunft identifiziert. Empfinden Sie sich eher als Weltbürgerin?

Lassen Sie es mich so sagen: Ich wurde im Osten Deutschlands geboren, wo ich auch aufgewachsen bin. Mit diesem Teil von Deutschland fühle ich mich immer verbunden. Aber weil ich das Glück hatte, viel von der Welt zu sehen und zu bereisen, fühle ich mich mehr wie eine Weltbürgerin.

Sie leben aber nicht im kosmopolitischen Berlin, sondern in Leipzig. Ist es dort besser als in der Hauptstadt?

Das kann ich nicht sagen. Leipzig hat es jedenfalls geschafft, seine Ruhe und seine Schönheit zu bewahren, während es gleichzeitig die ganzen Möglichkeiten bietet, die man in Berlin findet. 

"Vaterland" eröffnet das 43. Münchner Filmfest
In dem neuen Film „Vaterland“ verkörpert Sandra Hüller die Rolle der Erika Mann. Hanns Zischler übernimmt als Thomas Mann die Rolle ihres Vaters.© ARD/nine hour films | Agata Grzybowska

Wie ist es für Sie, in mehreren Sprachen zu spielen?

Für mich ist es ein wahres Wunder, dass ich diese Möglichkeit habe und es funktioniert. 

Hüller über Theater: „Vermisse die Bühne sehr“

Hat es Sie eigentlich überrascht, dass ein Film wie „Der Astronaut“ so ein großer internationaler Erfolg wurde?

Das war eher ein Prozess. Die Studiomanager haben kleine Andeutungen gemacht, was für ein Einspielergebnis sie sich erhoffen, und dann hat sich das sukzessive so entwickelt.

Wollen Sie nach diesem Erfolg nun mehr Hollywoodfilme drehen?

Derzeit ist nichts geplant.

Sie haben inzwischen mit einer ganz großen Bandbreite von Regisseuren gearbeitet – zuletzt auch mit Oscargewinnern wie Pawel Pawlikowski oder Alejandro González Iñárritu. Was für einen Inszenierungsstil bevorzugen Sie?

Wenn mir jemand sagt: „Mach, was du willst, zeig mir was“, dann kann ich gleich nach Hause gehen. Das ist mir zu glatt. Pawel Pawlikowski, der Regisseur von „Vaterland“, zum Beispiel gibt Grenzen vor, weil er eine ganz klare Vorstellung von seinen Bildern und seiner Ästhetik hat. Da bleibt für mich nur ein kleiner Raum, in dem ich mich bewegen kann. Aber innerhalb dieses Raums kann ich alles Mögliche ausprobieren. 

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Sie waren früher auch sehr stark als Bühnendarstellerin präsent. Sind Filme für Sie jetzt wichtiger geworden?

Tatsächlich ist das im Augenblick so, aber ich vermisse die Bühne sehr. Das sorgt schon für Herzschmerzen bei mir. Wenn ich ins Theater gehe, dann macht mich das manchmal wirklich traurig, dass ich nicht da oben stehe. Aber ich denke, dass ich dorthin zurückkehren werde.

„Es ist einfach notwendig, optimistisch zu bleiben“

Sie müssen doch nur die Hand heben, damit die deutschsprachigen Theaterregisseure Sie besetzen – oder nicht?

Ich bekomme schon Angebote. So ist es nicht. Und es sind auch Bühnenprojekte geplant. Die Frage ist eher, wie ich beide Systeme unter einen Hut bekomme. Wenn du noch eine Familie hast, kannst du nicht an beiden Orten gleichzeitig sein. Das Filmemachen erfordert einen bestimmten Zeitaufwand, das Theater auch.

In einer Inszenierung stehst du in der Regel zwei- bis dreimal pro Monat auf der Bühne und da wechselst du nicht einfach zwischen einer Filmrolle hin und her. Ich halte es für schwierig, mich auf beides parallel zu konzentrieren. Ich versuche daher, einen Weg zu finden, um das eine Zeit lang zu machen und danach das andere. Aber ich kann es nicht vermischen. Das ist traurig, aber wahr. 

Sie haben auch immer wieder Filme mit zeitgeschichtlichen Sujets gedreht. „Vaterland“ ist nur das jüngste Beispiel. Wie sehr setzen Sie sich persönlich mit Geschichte auseinander?

Die ganze Zeit. Ich stelle mir die Frage, woher wir kommen, denn Geschichte prägt unsere Gegenwart. Und ich sehe das ja selbst, denn ich habe in meiner eigenen Biografie schon viele historische Umwälzungen miterlebt.

Glauben Sie, dass unsere Welt stärker geteilt ist als noch im 20. Jahrhundert?

Das hängt von der Perspektive ab. Wenn man sich die ökologischen Systeme ansieht, so ist doch längst klar, dass es keine Spaltung gibt. Es ist eine etablierte wissenschaftliche Wahrheit, dass alle Moleküle auf der ganzen Welt miteinander zusammenhängen.

Gesellschaftlich gesehen gibt es aber viel Spaltung und Zerrissenheit. Können Sie mit Ihren Geschichten etwas zur Einigkeit beitragen?

Das Kino als Ort macht das bis zu einem gewissen Grad. Man setzt sich mit einer Gruppe von Menschen, die man nicht kennt, gemeinsam in einen Saal. Und dann sieht man Filme in anderen Sprachen aus anderen Ländern und lernt Bereiche kennen, in die man vielleicht nie einen Fuß setzen würde. Das verbindet natürlich. Und es ist einfach notwendig, optimistisch zu bleiben.