Als in der Silvesternacht die Bar „Le Constellation“ im Schweizer Skiort Crans-Montana in Flammen aufging, war Umberto Marcucci einer der ersten Helfer am Unglücksort: „Ich bin zum ‚Constellation‘ gerast, denn ich wusste, dass Manfredi dort war.“ Manfredi, sein 16-jähriger Sohn, der mit seinen Freunden das neue Jahr hatte feiern wollen. „Ich habe versucht, ihn telefonisch zu erreichen – zum Glück hat er mir sofort geantwortet“, berichtet Marcucci unserer Redaktion bei einem Gespräch in Rom.

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„Ich weiß selbst nicht, wie ich die Sicherheitskontrollen um das Lokal passieren konnte.“ Als er schließlich eintraf, sah er seinen Sohn in der Kälte barfuß auf der Straße hin und hergehen. Sein Rücken, sein Nacken und die Arme waren verbrannt. „Als Manfredi auf mich zukam, als ich wirklich begriffen habe, dass er verletzt, aber am Leben war – das war der schönste Augenblick meines Lebens“, schildert der Vater.

Brand in Crans-Montana: Vater brachte Verletzte ins Krankenhaus

Was Umberto Marcucci und sein Sohn in dieser Nacht erlebten, hat sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. Doch in den Stunden nach dem Brand war das Ausmaß der Katastrophe kaum zu fassen. „Es gab so viele Menschen in einem schweren Zustand, dass mein Sohn im Vergleich zunächst gar nicht so schlecht aussah“, sagt Marcucci. In dem Lokal, in dem sich die Verletzten versammelt hatten, befanden sich ein Junge aus der Schweiz und ein italienisches Mädchen. Beide waren noch schwerer verletzt als Manfredi. Marcucci zögerte nicht. „Da habe ich alle drei ins Auto geladen und bin zum Krankenhaus nach Sitten gerast“, berichtet er.

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Dabei hatte der Abend zunächst wie ein gewöhnlicher Silvesterabend begonnen. „Mein Sohn hatte mit einer kleinen Gruppe italienischer Freunde beschlossen, den Silvesterabend im ‚Le Constellation‘ zu verbringen“, berichtet Umberto Marcucci, der seit Jahren in Crans-Montana Urlaub macht.

Die Jugendlichen hielten sich in einem kleinen Saal auf, als der Brand ausbrach. Einige Personen riefen ihnen zu, dass es ein Feuer gab. An viel mehr kann sich Manfredi heute nicht erinnern. Trotz des Rauchs blieb er bei Bewusstsein und fand den Weg zum Ausgang. Sein gleichaltriger Freund Riccardo Minghetti schaffte es nicht. Er gehört zu den 41 Todesopfern.

Erinnerung am Unglücksort: Bei dem Brand in Crans-Montana am 1. Januar 2026 starben 41 Menschen, 115 weitere wurden verletzt.
Erinnerung am Unglücksort: Bei dem Brand in Crans-Montana am 1. Januar 2026 starben 41 Menschen, 115 weitere wurden verletzt. © AFP | FABRICE COFFRINI

Verletzter Manfredi muss über Jahre behandelt werden

Nach der ersten Behandlung im Krankenhaus von Sitten und dem künstlichen Koma wurde Manfredi in das Mailänder Krankenhaus Niguarda verlegt. Dort musste er sich mehreren Operationen unterziehen. Die Ärzte setzten unter anderem künstliche Haut und ein enzymhaltiges Medikament zur Behandlung der schweren Verbrennungen ein. In den kommenden Monaten wird eine Hauttransplantation an der rechten Hand vorgenommen. Auch die Narben werden ihn noch lange begleiten. Über die kommenden Jahre hinweg werden Laserbehandlungen und Physiotherapie auf ihn zukommen.

Manfredi Marcucci (2.v.l.) mit seinem Vater Umberto Marcucci (2.v.r.), seiner Schwester (l.) und seiner Mutter (r.).
V.l.n.r.: Marianne Borrini, Koordinatorin des Behandlungszentrums Casa Ronald McDonald‘s, Manfredi Marcucci, sein Vater Umberto sowie seine Mutter Priscilla Marlino.© Privat | Privat

Inzwischen ist Manfredi wieder zu Hause in Rom und versucht, in seinen Alltag zurückzufinden. „Manfredi geht es gut, er hat lediglich Schlafstörungen. Ich glaube, das ist eine Folge der schweren Medikamente, die er lange einnehmen musste. Ein Psychologe unterstützt ihn bei der Verarbeitung des Erlebten. Über die Nacht des Brandes spricht er nicht viel.“ Inzwischen hat das Schuljahr wieder begonnen. „Mein Sohn denkt mit Enthusiasmus an seine Zukunft. Er würde gern in München Chemie studieren, sollte er die Zulassungsprüfungen bestehen“, erzählt der Vater.

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Crans-Montana: Vater und Sohn kehren an Unglücksort zurück

Im Sommer kehrten Manfredi und sein Vater nach Crans-Montana zurück. Der Ort, der für sie mit einer der schlimmsten Nächte ihres Lebens verbunden ist, ist wieder Teil ihres Lebens geworden. „Wir haben während des Urlaubs Spaziergänge in der Natur unternommen und viel Zeit im Freien verbracht.“ Sie gingen auch am „Le Constellation“ vorbei und haben den Schweizer Jungen besucht, den Umberto Marcucci in der Unglücksnacht ins Spital gebracht hatte. Er hat drei Monate in einem Stuttgarter Krankenhaus verbracht.

Nach dem Aufenthalt in Crans-Montana folgte für Manfredi eine thermale Behandlung in Saint-Gervais zu Füßen des Montblanc. Der Weg zurück in ein normales Leben ist damit aber noch nicht abgeschlossen. „Er wird sich noch länger einer Physiotherapie unterziehen müssen, um die Folgen der Verbrennungen an den Armen zu bewältigen“, berichtet der Vater. Mit einigen der verletzten Italiener ist Manfredi weiterhin in Kontakt. Über die sozialen Netzwerke verfolgen sie gegenseitig, wie es ihnen geht und wie sich ihr Leben nach der Katastrophe entwickelt.

Prozess gegen Barbesitzer steht erst noch bevor

Für Umberto Marcucci endet die Auseinandersetzung mit der Katastrophe nicht bei den medizinischen Folgen am Körper seines Sohnes. Als Anwalt beschäftigt er sich auch mit den juristischen Aspekten des Unglücks. Die Ermittlungen ziehen sich hin. Unter anderem muss geklärt werden, warum mehrere Personen unter 16 Jahren in der Bar waren. Der Eintritt in Bars ist ihnen im Kanton Wallis eigentlich nur in Begleitung eines Erziehungsberechtigten oder einer schriftlich bevollmächtigten Person erlaubt. Der Alkoholkonsum ist strikt untersagt. Jugendliche über 16 Jahre haben je nach Bar uneingeschränkten Zutritt und dürfen unter bestimmten Bedingungen sogar Alkohol zu sich nehmen.

Der Prozess wird nicht vor 2027 beginnen. Erst danach soll das Verfahren zur Anerkennung der Entschädigungen beginnen. Marcucci bemängelt, dass Italien als Staat nicht als Nebenkläger zum Prozess gegen die Lokalinhaber Jessica und Jacques Moretti zugelassen wurde, obwohl sechs Italiener zu den 41 Todesopfern gehören. „Für uns Familien geht es nicht nur um die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch um die Frage, ob das Verfahren die Rechte der Opfer ausreichend schützen wird.“