Ein Job nach Maß

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HANDWERK. Die Moerserin Gunda Lippert ist Herrenschneidermeisterin aus Leidenschaft. Weil es so schön geradlinig ist.

MOERS. Gekonnt und mit Schwung führt Gunda Lippert das schwere, altertümlich-monströs anmutende Profi-Bügeleisen über den edlen dunkelblauen Stoff. Bügeln, das ist für die Chefin des Herrenausstatters Heinz Reeker Ehrensache. Jeder maßgeschneiderte Anzug oder jedes Kostüm wird von ihr höchstselbst auf faltenfrei getrimmt.

Der Beruf scheint ihr auf den Leib geschneidert zu sein, Gunda Lippert ist ebenso geradlinig wie ihre Arbeiten. "Ich war schon als Kind sehr ehrgeizig", sie stamme aus einer Offiziersfamilie, erzählt die sympathische Moerserin mit leisem Lächeln. Der Zwang zur korrekten Arbeitsweise habe sie gereizt, Herrenschneiderin zu werden. Damals, 1986, direkt nach dem Abitur in Wesel, als es alle anderen an die Uni zog. "Ich wollte etwas ganz anderes machen als alle anderen."

Von der Pike auf gelernt

So kam die gebürtige Braunschweigerin nach Moers - und blieb. Für die dreijährige Lehre - "eine harte Zeit" -, dann als Gesellin, später als Meisterin. Zehn Jahre lang standen sie, die mittlerweile mehrfach preisgekrönte Maßschneidermeisterin und ihr Lehrmeister Heinz Reeker, gemeinsam im Laden. Dann, 2002, bewies die heute 41-Jährige Mut und übernahm das traditionsreiche Geschäft, das weit über die Grenzen der Stadt bekannt ist.

Unauffällig schmiegt es sich in die Häuserzeile der Fußgängerzone. Gediegenes Understatement drinnen wie draußen. Hohe glänzende Holzregale flankieren den Verkaufsraum, angefüllt mit Anzügen, Krawatten, Hemden. Nadelstreifen sind immer noch in, dazu gedeckte Farben, ganz klassisch eben. "Heute bevorzugt man schmale Schnitte, schmale Schultern." Und leichte Stoffe, "manche leichter als die von Hemden". Früher jedoch, "da haben wir Panzeranzüge gemacht". Heute gilt: Klassisch ja, unmodern nein.

Dahinter das Anprobezimmer. Karel Gott grüßt noch von der Wand neben der Tür. " Ich möchte so singen wie Sie schneidern", hatte der Sänger am 30. 5. 1976 an Heinz Reeker geschrieben. Hierher lädt Gunda Lippert ihre Kundschaft zweimal zur Anprobe. Deshalb steht die Chefin um sieben Uhr schon selbst im Geschäft, "meine Kunden haben oft wenig Zeit". Die braucht sie und ihre zehn Mitarbeiter aber umso mehr. Immerhin dauert es 60 Arbeitsstunden, bis etwa ein Anzug fertiggestellt ist. Klar, dass das kostet. Aber: "Über Preise und meine Kunden spreche ich nicht, das ist Betriebsgeheimnis!", betont Gunda Lippert. Dazu sei ein maßgeschneiderter Anzug eine zu persönliche, "intime" Sache.

Der Tag, an dem Johannes Rau kam

Wohl aber über die Kunden ihres Chefs. Noch heute ist in Moers die Geschichte vom Besuch Johannes Raus, damals NRW-Ministerpräsident, im Hause Reeker bekannt. "Das war schon ein großes Sicherheitsaufgebot", erinnert sich Gunda Lippert. Damals, als Lehrling, musste sie noch aus dem Fenster der Schneiderei im oberen Stock zuschauen. Oder Nicole Uphoff, eine der erfolgreichsten deutschen Dressurreiterinnen. Die gebürtige Duisburgerin holte bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul in einem Frack aus dem Hause Reeker den Titel.

Geschichten, die so zeitlos schön sind wie die Anzüge, die Gunda Lippert schneidert. Modetrends interessieren sie wenig, ihre Ideen kommen ihr "beim Arbeiten". Denn nicht nur die Kundenbetreuung, auch das Anfertigen der Schnitte, das Zuschneiden der Stoffe - meist aus England oder Italien - und eben auch das Bügeln sind immer noch Chefinnensache. "Manchmal vermisse ich das Nähen", gibt Gunda Lippert zu. Aber eben nur manchmal. Denn eigentlich ist die zierliche Brünette eine Powerfrau, die das Zepter gern in der Hand hält. Ihre Arbeit "ist auch ein 12-Stunden-Job", von dem sich Gunda Lippert nur wenig Auszeit nimmt. Ihr liebstes Hobby in der Freizeit: ihr Pferd "Let's go". Dann schwingt sich die passionierte Reiterin in den Sattel und lässt Schneiderei Schneiderei sein.

Nur einen Traum hätte sie dann doch noch: Einmal Bundeskanzlerin Angela Merkel ein neues Kostüm schneidern, "dazu hätte ich viele Ideen". (NRZ)

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