I did it Mey way

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

MUSIK. Der Liedermacher begeht heute seinen 65. Geburtstag. Er feiert ganz ohne die heiße Schlacht am kalten Buffet.

ESSEN. "Was, jetzt schon?" So brachte er sich selbst ein Ständchen zum 50. Geburtstag. Das ist aber auch schon wieder 15 Jahre her. Heute wird er 65, der Reinhard Mey, jetzt ist er Rentner von Beruf. Ein dreifach Hoch. Aber wer ihn vor sich sieht, in seiner Lederjacke, mit dem ewigsten Dreitagebart aller Zeiten, will ihm das Renteneintrittsalter nicht recht glauben. Reinhard Mey sieht fitter aus als die meisten Männer mit Anfang 50. Er ist wohl aus einem besonderen Holze geschnitzt. Eine große Feier plant er heute nicht. Stattdessen hat er sich schon vor einer Woche verdünnisiert. Ziel unbekannt. Wir feiern ihn trotzdem.

DIE JUGEND: In Berlin wird Reinhard geboren, Vater Anwalt, Mutter Lehrerin, Urlaub wird immer in Frankreich bei einer befreundeten Familie gemacht, nachdem sich die Väter im Krieg als Soldaten gegenüber gestanden hatten. Die ganz private Versöhnung, auch sie prägt den Jungen und seine späteren Lieder. In der Schule schreibt er, sagt man, bei seinem Banknachbarn ab: Ulrich Roski heißt der, der später ebenfalls eine Karriere als Bänkelsänger starten sollte.

Ulrich Roski, Schobert und Black

1961 gründet Mey die Gruppe"Les trois affames", die drei Ausgehungerten, mit dabei ist Wolfgang Schobert Schulz, später auch ein Promi seines Fachs, der Liedermacherei, Schobert und Black. Nebenbei macht Reinhard eine Kaufmannslehre, das anschließende Studium zum Betriebswirt bricht er ab. Er will singen, Lieder schreiben.

DIE GROSSEN ERFOLGE: Wer in den 70er Jahren viel Radio gehört hat, der ist automatisch auch Mey-Experte, der kennt sein frühes Werk. Besonders seine Alltags-Beobachtungen lebten vom feinen Wort-Witz: Die Büffet-Schlacht eben, die Diplomatenjagd besonders, der Klempner von Beruf, und dann Annabelle, intellektuell, negativ, destruktiv. Und mit Bartwuchs. Da bekam er aber auch mächtig Senge von den Linken, die ihn schon beim Konzert auf Burg Waldeck als Gitarren-Spießer gegeißelt hatten. Allerdings wurde auf der Burg auch Hanns Dieter Hüsch als Bourgeois verhöhnt, da schleicht sich der Verdacht an, dass wohl das Publikum damals mit enger Stirn das Urteil fällte.

DER HIT: Im Interview vor einigen Jahren verriet Mey, dass er noch immer von "Über den Wolken" gut leben kann. Denn das Lied gehört zum festen Repertoire der Sender und der Nachsingsänger. Und nur wenige werden bezweifeln, dass der Hit von 1974 das schönste deutschsprachige Lied übers Fliegen und die Ferne ist. Ein Zufallserfolg übrigens. Die Musikexperten damals ritzten den Song auf die B-Seite einer Single. Der A-Titel hieß: Mann aus Alemannia. Zu Recht weitgehend vergessen. Seinen Flugschein, den er einst aus Zeitmangel abgab, hat Reinhard Mey inzwischen wieder erworben. Er will ihn jetzt behalten, "bis der Flugarzt kommt".

DIE KRITIKER: Seit Beginn seiner Karriere gibt es Menschen, denen geht Reinhard Mey mit seinen Texten auf den Geist. Viele Gründe hat das. Mey ist Vegetarier, schrieb darüber den Song "Die Würde des Schweins ist unantastbar". Affig fand das mancher. Mit Annabelle hat er die Frauen genervt. Und wenn er dann heute manchmal in TV-Shows auf der Gäste-Couch sitzt und hin und her rutscht, wenn er die Welt mit rauer Stimme und sanftem Spott zu erklären weiß und dabei stetig lächelt, dann wirkt er schon ein wenig sehr aufgeräumt, der ewige Asta-Sprecher, der sanfte Revoluzzer, der niemals Böses tat. Viele mögen das. Aber nicht alle.

FREUNDE. Im Berlin der frühen 70er hockten sie zusammen, die Liedermacher. Ulrich Roski, Schobert und Black, Insterburg, auch Hannes Wader, mit dem Mey eine Freundschaft pflegt. Und die auch bewies. Wader bekam 73 mächtig Ärger, nachdem eine NDR-Journalistin, der er seine Wohnung während seines Urlaubs überließ, sich als Gudrun Ensslin entpuppte. Kein Job mehr für Wader hieß es bei Sendern und Konzertchefs. Da aber gingen Mey und die anderen auf die Barrikaden. Entweder mit Hannes oder gar nicht. Gibt#1#2s auch nicht oft in dem Geschäft.

DIE TRAUER. Wer 65 wird, hat Weggefährten verloren. Ulrich Roski starb 2003 an Krebs, Schobert hatte sich schon 1993 zu Tode gelebt, 2002 erlag Reinhards erste Frau Christine ("Ankomme Freitag den 13, Christine") dem Krebs. Und zuletzt musste Mey sich vor zwei Jahren von Peter Graumann verabschieden, seinem Kumpel, der seit 1970 die Tourneen organisierte, alles ohne Vertrag, alles per Handschlag, ein schmerzlicher Verlust.

DIE ZUKUNFT: Keine Frage, dass Reinhard Mey weiter macht. Lieder schreibt, Platten macht. Dass er nochmals auf Tournee geht und seine Fanfamilie begeistert. Für sie ist er immer der große Bruder, der weiß, wo es langgeht. Auch wenn der große Bruder jetzt ein Rentner ist. (NRZ)

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben