Seit einem Monat gilt im Gazastreifen eine Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, doch die anfängliche Erleichterung weicht zunehmend der tiefen Sorge. Obwohl die Waffengewalt spürbar nachgelassen hat, zeigen jüngste Berichte die Brüchigkeit des Waffenstillstands auf: Nach palästinensischen Angaben sind seit Beginn der Ruhe rund 200 Menschen bei israelischen Angriffen ums Leben gekommen. Der Politikwissenschaftler Jan Busse betont, dass dieses Abkommen kein Wunsch beider Konfliktparteien ist, sondern nur durch massiven Druck von außen hält. „Dieser Waffenstillstand hält nicht, weil die Konfliktparteien, also in diesem Fall Hamas und Israel das wollen. Sondern weil ihn Washington erzwingt.“ Diese erzwungene Stille wirft die zentrale Frage auf, wie lange das zarte Gleichgewicht noch halten wird, solange die Kerninteressen der Parteien weiter auseinanderdriften.

Der von den USA entwickelte Friedensplan sieht die Entwaffnung der Hamas und die Abgabe ihrer politischen Macht vor – ein wesentlicher Knackpunkt, der das Abkommen gefährdet. Hamas-Kämpfer weigern sich im Süden des Gazastreifens, ihre Waffen niederzulegen, was Israel mit der Drohung neuer Angriffe beantwortet. Ohne eine überzeugende politische Perspektive für die palästinensische Bevölkerung ist eine Entwaffnung kaum denkbar. Jan Busse unterstreicht die Notwendigkeit einer politischen Vision: „Dieser ganze Plan […] kann aus meiner Sicht nur Erfolg haben, wenn sie wirklich an eine politische Perspektive gekoppelt sind.“

Weitere Einschätzungen gibt Busse in der neuesten Folge des Podcasts „Im Krisenmodus“:

217177_569_217177_cover.jpg
Gaza in der Waffenruhe: Ärzte und Experten über die echte Lage
Im Krisenmodus
Alle Folgen

Während die Diplomaten ringen, kämpfen humanitäre Helfer gegen die anhaltende Not. Die Waffenruhe erlaubt zwar die Einfahrt Hunderter Hilfslieferungen, doch nach Ansicht der Hilfsorganisationen ist das weiterhin nicht ausreichend, um die katastrophale Lage zu lindern. Der plastische Chirurg Jan Wynands, der für Ärzte ohne Grenzen vor Ort war, beschreibt das Überleben zwischen Ruinen und Notunterkünften als prekär, insbesondere da nun der Winter beginnt. „Die Waffen schweigen, aber die Not bleibt.“ Er warnt davor, dass selbst das minimale, medizinische System, das sich stabilisiert hat, schnell wieder kollabieren kann, sollte die Gewalt erneut eskalieren. Die Bevölkerung atmet zwar kurz durch, lebt aber in einem gefährlichen Schwebezustand – in banger Erwartung des nächsten großen Einschnitts.

Mehr Reportagen von Kriegsreporter Jan Jessen

Folgen Sie dem Podcast „Im Krisenmodus“:

Im Podcast „Im Krisenmodus“ wird denjenigen eine Stimme gegeben, die den Alltag in Krisen- und Kriegsgebieten hautnah erleben. Soldaten, Helfer und Betroffene teilen ihre bewegenden Geschichten und berichten von den Herausforderungen und Tragödien, die Krieg und humanitäre Krisen täglich mit sich bringen.

Journalist Jan Jessen, bekannt für seine Reportagen aus den Brennpunkten der Welt, reist direkt an die Fronten und in Krisengebiete, um diese Geschichten einzufangen. Mit seiner journalistischen Expertise und sensiblen Herangehensweise gibt er den Menschen in Kriegs- und Konfliktregionen eine Plattform, die gehört werden muss.

Alle zwei Wochen erscheint eine neue, eindringliche Folge, die die Hörer:innen in eine andere Krisenregion entführt. Der Podcast lässt nicht nur das Grauen, sondern auch die Widerstandskraft und den Mut der Menschen spüren, deren Leben durch Konflikte erschüttert wurde.

Folgen Sie Im Krisenmodus auf Spotify, Apple, Amazon oder Ihrer bevorzugten Podcast-App.