Eingeladen hatte Chinas Staatschef Xi Jinping. Doch der eigentliche Chef auf dem Gipfel in Tianjin schien zeitweise Russlands Präsident Wladimir Putin zu sein. Sogar ein eigenes Gesprächsformat hatte er eingeführt: das Tête-à-tête im Auto. Mit Donald Trump in Alaska sprach er ungestört auf dem Rücksitz des gepanzerten „Beast“, seinen eigenen präsidialen „Aurus“ hatte Putin extra nach China eingeflogen. Und, aus Höflichkeit gegenüber dem Gastgeber, mit chinesischen Nummernschildern versehen lassen. Russland Staatsagentur Tass war das eine eigene Nachricht wert. Ganze 50 Minuten lang sprach der Kremlchef im Auto mit dem indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi. Händchenhaltend waren beide dann auf dem Gipfel zu sehen.
Vor allem Indien und China braucht Putin an seiner Seite. Beide Länder sind die wichtigsten Importeure von russischem Rohöl, damit finanziert Putin seine Kriegswirtschaft. Zudem kommen aus China vom Westen sanktionierte Konsumgüter ins Land. Und wohl auch Bauteile für die Rüstung, was Peking dementiert. In Sachen Ukraine verhalten sich beide Länder offiziell neutral, stehen aber auf der Seite Putins. „Russland und Indien unterhalten seit Jahrzehnten besondere Beziehungen – freundschaftliche, vertrauensvolle“, betonte Putin.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Seine eigene Sicht auf die Ukraine legte der Kremlchef in Tianjin ausführlich dar. „Diese Krise entstand nicht als Folge des ‚Angriffs Russlands auf die Ukraine‘, sondern als Folge des vom Westen unterstützten und provozierten Staatsstreichs in der Ukraine und der anschließenden Versuche, den Widerstand jener Regionen der Ukraine und jener Menschen in der Ukraine, die diesen Putsch nicht akzeptierten und nicht unterstützten, mit Streitkräften zu unterdrücken“, so Putin. Der Krieg sei die Folge der Maidan-Revolution und der Hinwendung des Landes zum Westen und zur Nato. Putin weiter: „Damit die Lösung des Konflikts in der Ukraine nachhaltig und langfristig ist, müssen die Ursachen der Krise beseitigt werden.“ Nach Verhandlungs- und Kompromissbereitschaft klingt das nicht.
Putin ist sich der Unterstützung der Partnerländer sicher
Auf dem Gipfel in Tianjin baute Wladimir Putin weiter an der von ihm ausgerufenen multipolaren Welt. Die „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit“ ist dabei ein wichtiger Stützpfeiler. 2001 wurde diese von China, Russland, Kasachstan und weiteren Ländern aus Zentralasien gegründet. Später kamen Indien, der Iran sowie Belarus hinzu. Die Mitglieder der Organisation machen heute etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung aus. Ihr Ziel ist die sicherheitspolitische und – vor allem – wirtschaftliche Zusammenarbeit gegen den Westen und die Nato.
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„In diesem Modell wird es keinen Platz für Sanktionen geben“, meint Stanislaw Tkatschenko, Professor für Internationale Beziehungen an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg. „Die an seinem Aufbau beteiligten Staaten postulieren, dass für die Welt der Zukunft ein ‚Dialog auf Augenhöhe‘ sowie die Ablehnung einseitiger und unberechenbarer Aktionen von grundlegender Bedeutung sind. Das zu schaffende System muss auf der Idee der globalen Gerechtigkeit basieren, die mit dem Standpunkt Russlands übereinstimmt“, erklärt Tkatschenko den Plan.

Putin ist sich der Unterstützung der Partnerländer sicher.: „Wir schätzen die Bemühungen und Vorschläge Chinas, Indiens und unserer anderen strategischen Partner, die auf eine Beilegung der Ukraine-Krise abzielen, sehr.“ Neuerdings zählt der Kremlchef auch Donald Trump zu seinen Unterstützern, obwohl dieser Strafzölle gegen Indien verhängt hat. „Ich hoffe, dass die auf dem jüngsten russisch-amerikanischen Gipfel in Alaska erzielten Vereinbarungen ebenfalls in diese Richtung gehen und den Weg zum Frieden in der Ukraine ebnen.“
Weiter ging es für Russlands Präsidenten in die chinesische Hauptstadt Peking, zum „guten Freund“ Xi Jinping. Der empfing Putin in seiner Privatresidenz. Bei einer guten Tasse Tee und nach einem Spaziergang durch den Park des prachtvollen Anwesens ging es um die Entwicklung der Zusammenarbeit beider Länder, politisch und wirtschaftlich. „Russland ist führend bei den Öl- und Gasexporten nach China“, hatte Putin zuvor in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Xinhua betont. „2027 planen wir die Inbetriebnahme einer weiteren Gaspipeline, der sogenannten ‚Fernöstlichen Route‘.“

Putin wird Ehrengast bei Xis großer Militärparade
Genau deshalb war Alexej Miller, der Chef des Energieriesen Gazprom, Teil der russischen Delegation. Bislang exportiert Russland 38 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr nach China. Das soll auf 44 Milliarden Kubikmeter steigen – und den Wegfall des europäischen Marktes kompensieren. Ein entsprechendes Memorandum der drei beteiligten Länder, China, Russland und die Mongolei, wurde in Peking unterzeichnet. Nach Peking hatte der Kremlchef aber auch politisch hochrangiges Personal mitgebracht. Neben Außenminister Sergej Lawrow waren der stellvertretende Stabschef seiner Präsidialverwaltung, Maxim Oreschkin, sein außenpolitischer Berater Juri Uschakow und Verteidigungsminister Andrej Beloussow bei Xi mit dabei.
Als Ehrengast von XI Jinping wird Putin an der großen Militärparade anlässlich des 80. Jahrestags der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg teilnehmen. Xi wird die Parade von Zehntausenden Soldaten auf dem Platz des Himmlischen Friedens abnehmen, Kampfjets, Raketenabwehrsysteme und Hyperschallwaffen will man präsentieren. Weitere Partner Russlands werden auch auf der Ehrentribüne Platz nehmen: der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko, Irans Präsident Massud Peseschkian und – vor allem – Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un. Er hatte Putin in der Ukraine mit Waffen, Munition und über zehntausend Soldaten unterstützt. Sein Privatzug hatte bereits am Dienstag die Grenze zu China passiert, berichtet die Parteizeitung „Rodong Shinmun“. Möglicherweise wird es auch ein Treffen zwischen Putin und Kim Jong-un geben, sagt Kremlsprecher Dmitri Peskow. Die Möglichkeit würde geprüft, so Präsidentenberater Uschakow.

„Feierlichkeiten zum Sieg im Antifaschistischen Krieg“ seien bereits „zu einer guten Tradition der bilateralen Beziehungen geworden“, bemerkt Xi Jinping, sie belegten „eindrucksvoll die große Verantwortung Chinas und Russlands als Hauptsiegerländer des Zweiten Weltkriegs und ständige Mitglieder des UN-Sicherheitsrats.“ Die Beziehungen Russlands zu China werden immer enger. Das zeigt sich auch darin, dass ab 15. September Russen visafrei ins Reich der Mitte reisen können.
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Der außergewöhnlich lange Staatsbesuch Wladimir Putins in China war vor allem eines: eine Machtdemonstration. Erst von US-Präsident Donald Trump auf dem roten Teppich in Alaska geadelt, jetzt zeigte er sich im Kreise mächtiger Verbündeter in China. Zumindest im Moment hat Europa dem nur wenig entgegenzusetzen. Wirtschaftlich – und auch militärisch im Ukraine-Krieg. Bleibt die vage Hoffnung auf eine erneute Kehrtwende von Trump. Ansonsten könnte Putin der Sieger sein.






