Nicht effizient genug, nicht produktiv genug und zu häufig krank – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisierte jüngst erneut die im internationalen Vergleich schwächelnde Arbeitsleistung der Deutschen. Sein Hauptpunkt dabei: Die aus seiner Sicht zu hohen Fehltage bei der Arbeit. Ein Faktencheck und Reformvorschläge.

Was sagte Merz genau?

Insgesamt müsse in Deutschland eine höhere volkswirtschaftliche Leistung erbracht werden, hatte Merz im Gespräch mit dem Sender ZDF erklärt. „Wir haben zu viele Fehltage. Wir haben mit einen der höchsten Krankenstände in Europa“, sagte Merz. Gleichzeitig verwies er darauf, dass die Deutschen pro Kopf statistisch gesehen 200 Stunden im Jahr weniger arbeiten würden als die Schweizer. Hinzu komme, dass die Produktivität seit zehn Jahren nicht gestiegen sei und Deutschland in ganz Europa „mit die höchsten Arbeitskosten“ habe. „Wir müssen besser werden“, unterstrich Merz.

Auch interessant

Sind die Deutschen im europäischen Vergleich wirklich besonders oft krank?

Merz bezieht sich mit dieser Aussage vermutlich auf eine Statistik der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Bei einer Erhebung aus dem Jahr 2022 mit Blick auf die Anzahl der bezahlten Krankentage pro Jahr und Beschäftigtem lag Deutschland da tatsächlich auf Platz 1 von 22 untersuchten Ländern. Bei einer weiteren Untersuchung von 2023, wie viel Arbeitszeit pro Beschäftigtem prozentual durch Krankheit verloren geht, lag die Bundesrepublik auf Platz 7 von 29 untersuchten europäischen Ländern, also im oberen Mittelfeld.

Grundsätzlich sind Ländererhebungen zu Krankenständen nicht ganz einfach miteinander zu vergleichen. In der Krankentage-Statistik etwa werden nur bezahlte Fehltage erfasst – und da sind die Regelungen von Land zu Land höchst unterschiedlich. Während es in Deutschland ab dem ersten Fehltag eine 100-prozentige Lohnfortzahlung gibt, hat Schweden zum Beispiel einen unbezahlten Karenztag. In Spanien oder Italien werden unbezahlte Fehltage gar nicht erst erfasst.

Auch interessant

Deutschland hingegen sei „eines der wenigen Länder mit Vollerhebung von Fehltagen“, schrieben in diesem Januar die Experten des IGES Instituts, die mit Blick auf ihre eigene Untersuchung auch feststellten, dass „die Art der Entgeltfortzahlung den Arbeitszeitausfall nicht zu beeinflussen scheint“. Als Beispiel nannten sie Luxemburg: Das Land habe trotz eines wie in Deutschland großzügigen Systems mit einer 100-prozentigen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nur einen geringen Arbeitszeitausfall von 3,2 Prozent (Deutschland: 6,8 Prozent). Weitere Länder mit dieser Regelung in der ersten Phase der krankheitsbedingten Abwesenheit seien Dänemark, Malta und Österreich. Auch diese Länder wiesen bei der anteiligen Ausfallzeit sehr niedrige Werte auf, so die Experten.

Woran liegt dann der höhere deutsche Krankenstand?

Vermutlich auch an der besseren elektronischen Erfassung, sagte der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner von der Universität Bielefeld dieser Redaktion. „Zudem ist das durchschnittliche Alter der Erwerbstätigen gestiegen, weil das Renteneintrittsalter mittlerweile höher liegt als noch vor wenigen Jahren“, so der Fachmann. Das habe dann erwartbar auch Auswirkungen auf die Krankenquote. Untersuchungen hatten zwar auch gezeigt, dass ältere Beschäftigte tendenziell nicht unbedingt häufiger krank sind als ihre jüngeren Kolleginnen und Kollegen, sie aber bei einer Erkrankung in der Regel wesentlich länger ausfallen.

Aktuellen Zahlen der AOK, einer der größten deutschen Krankenkassen, zufolge lag der Krankenstand unter den berufstätigen AOK-Versicherten in den ersten sieben Monaten des Jahres 2025 mit 6,5 Prozent auf dem Niveau des Vorjahres. Die Zahl der Krankschreibungen stagnierte, gleichzeitig ging die Zahl der Ausfalltage je Fall von 10,3 Tage auf 10,1 leicht zurück. „Dies könnte darauf hindeuten, dass die allgemeine Erkrankungsschwere leicht rückläufig ist“, hieß es von der Kasse.

Sollte man etwas ändern, zum Beispiel den Karenztag wieder einführen?

Das ist umstritten. „Die Einführung von Karenztagen würde die Zahl der Krankheitstage senken, über Folgewirkungen wie verschleppte Erkrankungen oder Infektion von Kollegen ist wenig bekannt“, sagte Gesundheitsökonom Greiner. In Deutschland war der Karenztag in den 1970er Jahren abgeschafft worden, seitdem gilt die Lohnfortzahlung ab dem ersten Krankheitstag.

210964_366_cover.jpg
Merz beim Fotoshooting
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Aus Sicht der AOK sind eine Wiedereinführung des Karenztags oder auch das Aus der telefonischen Krankschreibung „keine Maßnahmen, die nachhaltig etwas am hohen Krankenstand ändern werden“, sagte die Kassen-Vorstandschefin Carola Reimann dieser Redaktion.

Was sagt die Politik?

Die Reduzierung von Krankheitstagen könne vor allem durch die Förderung und den Erhalt der Gesundheit erreicht werden, sagte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) unsere Redaktion. „Daher ist neben der Sicherstellung einer guten medizinischen und pflegerischen Versorgung wesentlicher Bestandteil meiner Aufgaben: mehr Prävention, mehr Vorsorgeuntersuchungen, mehr Gesundheitskompetenz, mehr Eigenverantwortung und insgesamt mehr Resilienz“, so Warken.

Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert

Die Einführung einer Karenzzeit zur Lohnfortzahlung sei zwar ein komplexes Thema, dürfe aber nicht tabu sein, sagte hingegen die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Simone Borchardt, dieser Redaktion. „Einerseits kann eine Karenzzeit aus unternehmerischer Sicht sinnvoll sein, um Kosten zu kontrollieren. Andererseits darf der soziale Aspekt nicht außer Acht gelassen werden. Es muss eine ausgewogene Lösung gefunden werden, die sowohl den Bedürfnissen der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer gerecht wird“, forderte sie.

Mit der SPD ist das aber wohl nicht zu machen. Christos Pantazis, Gesundheitsexperte der Fraktion, sagte unserer Redaktion: „Wer krank ist, gehört ins Bett – und darf nicht aus Angst vor Einkommensverlust zur Arbeit gedrängt werden.“ Ein Karenztag jedoch gefährde die mentale Gesundheit, erhöhe das Risiko von Ansteckungen am Arbeitsplatz und würde am Ende der Wirtschaft mehr schaden als nützen, so der Politiker.

Wie ließe sich die Krankenquote verringern?

Da hätten auch die Chefs Verantwortung, so die AOK. Es komme auf eine gute Unternehmens- und Führungskultur an. „Gerade den Führungskräften kommt beim Thema Gesundheitsförderung eine zentrale Rolle zu“, so Vorstandschefin Reimann.

Gesundheitsökonom Greiner empfahl, dabei besonders kleinere Firmen wie Handwerksbetriebe in den Fokus zu nehmen. „Die Krankenkassen sind hier schon gut unterwegs, aber bei kleinen Betrieben lassen sich naturgemäß präventive Maßnahmen schwerer einführen als in große Industrieunternehmen, die dann einfach mehr Menschen erreichen“, sagte Greiner.

Der SPD-Politiker Pantazis warb generell für bessere Arbeitsbedingungen: Er nannte weniger unbezahlte Überstunden, weniger Druck, mehr Prävention und Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz. Auch die psychische Gesundheit müsse endlich ernster genommen werden.

Mitarbeit: Wencke Rynek