Rote Punkte leuchten von Finnland im Norden über die Ostsee und das Baltikum bis zum Schwarzen Meer in Süden. Jeder Punkt ist eine gemeldete Störung des satellitenbasierten Navigationssystems GPS, das Flugzeuge, Schiffe, aber auch Lastwagen, Erntemaschinen und Autos nutzen. Dokumentiert werden die Fälle auf der Webseite gpsjam.org (deutsch: GPS-Störung) – und zwar jeden Tag zuhauf. Sogar Teile der globalen Finanztransaktionen oder Offshore-Plattformen der Öl- und Gas-Industrie basieren auf Satelliten im Weltall.

Das Satelliten-System, auf das sich große Teile westlicher Infrastruktur, Verkehr und Kommunikation verlässt, steht unter Dauerfeuer. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben die Attacken auf das System massiv zugenommen, berichten Sicherheitsbehörden. Und die Störungen werden zunehmend zu einem Teil hybrider Kriegsführung durch Putins Regime. Gegen Verbündete der Ukraine. Gegen die EU-Führung. Gegen Deutschland.

Auch interessant

Für Schlagzeilen sorgte am vergangenen Montag die Nachricht, dass EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf einem Flug von Polen nach Bulgarien offenbar Opfer einer gezielte GPS-Störung wurde. Das Signal war weg, offenbar komplett.

Das niederländische Portal „Feit of fake“ wertete den Funkverkehr des Regierungsfliegers aus. Die Besatzung hat demnach ältere funkgestützte Navigationssysteme eingesetzt, unabhängig von Satelliten. So konnte das Flugzeug mit von der Leyen sicher landen.

Russland erweitert die Einsätze von Signalstörungen auf nicht-militärische Ziele

Weather radar in the cockpit showing thunderstorms
Das Satelliten-System, auf das sich große Teile westlicher Infrastruktur, Verkehr und Kommunikation verlässt, steht unter Dauerfeuer. © Getty Images/iStockphoto | Fabian Gysel

Für die EU-Kommissionschefin und die Besatzung bestand keine Gefahr. Möglich, dass der Flieger gezielt mit Störsignalen angegriffen wurde. Wahrscheinlicher ist, dass Russland den Kommunikationsraum am Schwarzen Meer flächendeckend stört, um Attacken mit satellitengestützten Waffensystemen zu verhindern. Das Kriegsgebiet der Ukraine ist nah.

Und nicht nur Russland torpediert GPS-Signale, auch Militärs in den USA und China arbeiten mit dieser Taktik. Aber auch kriminelle Organisationen nutzen die Technik der Störfrequenzen. Und nicht immer muss eine Signalstörung auf ein „Jamming“ zurückgehen. Es kann Fehler bei der Software geben, Stürme in der Atomsphäre.

Lesen Sie auch

Dennoch sind auch deutsche Sicherheitsbehörden und die Streitkräfte alarmiert. Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer berichtete von einem Flug über der Ostsee und einem Besuch einer Militärübung in Litauen – in beiden Fällen sei das GPS-Signals seines Fliegers ausgefallen. Fachleute in den Behörden gehen nicht von Zufällen aus. Was neu scheint: Russland erweitert die Einsätze von Signalstörungen auf nicht-militärische Ziele. Das zeigt sich vor allem im Ostseeraum.

Kapitäne, die GPS zur Navigation nutzen, berichten über teilweise stundenlange Fehlermeldungen. Auf den elektronischen Seekarten springe die Position des Schiffes hin und her. Auch die Bundespolizei, die mit Einsatzschiffen auf der Ostsee unterwegs ist, bestätigt auf Nachfrage unserer Redaktion Vorfälle, in denen die Signale abreißen.

Sabotage verhindern: Mit der Nato auf der Ostsee unterwegs

weitere Videos

    Die Ostsee wird zum Kampfgebiet

    Die Ostsee wächst zum Kampfgebiet zwischen Russland und den EU-Staaten. Militärflieger beider Seiten patrouillieren in der Luft, auf dem Wasser rüsten die Staaten mit Militärschiffen auf. Immer wieder melden EU-Länder zerstörte Datenkabel auf dem Meeresgrund. Der Verdacht: Schiffe zerstören die digitalen Lebensadern am Boden im Auftrag pro-russischer Akteure.

    Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt, kurz WSA, meldet GPS-Störungen vor allem für den östlichen Ostseeraum. Im deutschen Ostseegebiet seien sie selten, schreibt einer Sprecherin auf Nachfrage unserer Redaktion. Der letzte registrierte Vorfall in deutschen Gewässern war demnach im Juli. Auch hier helfen den Kapitänen andere Navigationssysteme wie Radar und Kompass, um die Gefahr von Unfällen zu kleinzuhalten.

    „Seit Oktober 2023 Störungen auch verstärkt in Konfliktregionen im Nahen Osten“

    Deutlich wird die Abhängigkeit von Satelliten-Kommunikation. Bei dieser Technik aber sind die EU-Staaten nicht Marktführer. Sondern die USA, China und Russland. In Europa sind vor allem die Briten gut aufgestellt. Doch andere europäische Länder fallen deutlich ab, auch Deutschland.

    Die gezielten Unterbrechungen des GPS-Signals beschränken sich nicht auf die Nato-Ostflanke, sie fallen auch in der Nähe von militärischen Einrichtungen auf. Außerdem wirkt sich ein weiterer Konflikt auf die Sicherheit am Himmel aus: „Seit Oktober 2023 treten Störungen auch verstärkt in Konfliktregionen im Nahen Osten auf“, sagt eine Sprecherin des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) dieser Redaktion. Im Oktober vor zwei Jahren griff die radikalislamische Hamas Israel an, seitdem herrscht Krieg in der Region.

    210938_569_210938_cover.jpg
    Reha nach dem Krieg – Leben mit bionischen Prothesen
    Im Krisenmodus
     

    Potenziell betroffen sind auch Urlaubsflieger

    Betroffen sind vom GPS-Jamming nicht nur Kriegsflotten, Handelsschiffe und Militärflieger, sondern auch zivile Flugzeuge, potenziell also auch Urlausflieger. 2024 führten GPS-Störungen dazu, dass der Flugverkehr zwischen Finnlands Hauptstadt Helsinki und Estlands zweitgrößter Stadt Tartu zeitweise ausfiel. Der Branchenverband BDL sieht in den GPS-Störungen einen „schwerwiegenden Eingriff in die Sicherheit der zivilen Luftfahrt und eine Bedrohung für den sicheren Betrieb von zivilen Flugzeugen“.

    Sorgen müssen sich die Passagiere demnach aber nicht machen. Die deutschen Fluggesellschaften analysierten regelmäßig die Risikosituation, erläutert die BDL-Sprecherin. „Die Crews sind für verschiedene potenziell kritische Situationen gut geschult.“ Ein GPS-Ausfall werde zudem regelmäßig trainiert. Bei einer Störung des GPS-Signals könne die Cockpitcrew den Flug mit konventionellen Navigationshilfen wie bodengestützten Funksysteme sicher landen. So, wie sich auch die Piloten der Maschine mit Ursula von der Leyen am Ende in Richtung Landebahn navigierten.