Es ist gegen 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit, als sich die Meldungen auf verschiedenen Telegram-Kanälen überschlagen. Es soll einen israelischen Luftangriff auf Doha gegeben haben, die Hauptstadt des Golfstaates Katar, Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft vor drei Jahren. Das Ziel: Ein Treffen von hochrangigen Hamas-Funktionären. Auf Videos sind Rauchwolken über der Stadt zu sehen. Wenig später bestätigt Israel die Attacke.
Der Luftschlag soll auf ein Gebäude gezielt haben, in dem mehrere Mitglieder des Politbüros der Hamas untergebracht waren. Wie arabische Medien berichten, soll sich dort nahezu die gesamte Führungsspitze der Hamas zum Zeitpunkt des Angriffs aufgehalten haben, um über den aktuellen US-Vorschlag für eine Waffenruhe im Gazastreifen zu beraten: unter anderem der derzeitige Hamas-Führer im Gazastreifen, Khalil al-Hayya, der Auslandschef der Organisation, Khaled Mashaal, und der Hamas-Führer für das Westjordanland, Muhammad Darwish.
Israel greift Hamas in Doha an: Alles andere als ein Zufall
Man habe einen „präzisen Schlag“ gegen die Führung der Hamas durchgeführt, teilten die israelische Armee und der israelische Geheimdienst nur wenige Minuten nach den ersten Meldungen über einen möglichen Luftangriff mit. Die Männer, auf die der Angriff zielte, seien „direkt verantwortlich“ für den Terror-Überfall am 7. Oktober 2023, bei dem fast 1200 Israelis getötet und mehr als 250 in den Gazastreifen verschleppt wurden. Vor dem Luftschlag habe man Maßnahmen ergriffen, um zivile Opfer zu vermeiden. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu ließ über sein Büro mitteilen, man übernehme die „volle Verantwortung“ für die Operation, die allein von Israel durchgeführt worden sei.
Welche Auswirkungen der Angriff hatte, war um 16 Uhr mitteleuropäischer Zeit noch nicht klar. Eine offizielle Bestätigung über Todesopfer unter den versammelten Hamas-Führern lag zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor.
Dass Katar zum Angriffsziel Israels geworden ist, ist kein Zufall. Der Golfstaat gilt seit vielen Jahren als Unterstützer der Hamas. Vor dem 7. Oktober 2023 waren Monat für Monat mehrere Millionen Dollar aus Katar in den Gazastreifen geflossen, um die Macht der Hamas zu stabilisieren. Offenbar mit stillschweigender Zustimmung oder aktiver Mithilfe der israelischen Regierung um Netanjahu, die einen Keil zwischen die rivalisierenden palästinensischen Fraktionen Hamas und Fatah treiben und sich das Wohlwollen der Islamisten im Gazastreifen erkaufen wollte – vergebens, wie der Terrorüberfall zeigte.
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Israels Angriff auf Hamas in Katar: Beispielloser Affront
Seit dem Terrorüberfall führt Israel an mehreren Fronten Krieg oder hat begrenzte Militäroperationen gestartet – im Gazastreifen, im Westjordanland, im Süden Syriens, im Libanon gegen die Hisbollah, gegen den Iran. Der versuchte Enthauptungsschlag gegen die Hamas in Katar stellt jedoch eine neue Eskalationsstufe dar. Zwar hat der schwerreiche Golfstaat offiziell keine Beziehungen zu Israel, im laufenden Gazakrieg gilt er jedoch neben Ägypten als wichtigster Vermittler zwischen Israel und der Hamas.
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In Doha fanden in der Vergangenheit immer wieder Verhandlungsrunden zwischen Vertretern der USA, Ägyptens, Katars und Israels statt. Die Austausche von Geiseln und Gefangenen sowie der dreimonatige Waffenstillstand Anfang dieses Jahres wären ohne die Vermittlung der Katarer nicht vorstellbar gewesen. Ein direkter Angriff auf diesen Verhandlungsort ist ein beispielloser diplomatischer Affront. Katar verurteilte den israelischen Luftschlag folgerichtig auf Schärfste. Ein Sprecher des Außenministeriums nannte ihn „kriminell“ und „einen eklatanten Verstoß gegen alle internationalen Gesetze und Normen“.
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Donald Trump soll grünes Licht für den Angriff gegeben haben
US-Präsident Donald Trump soll laut israelischen Medienberichten vor dem Luftangriff informiert worden sein und grünes Licht für die Attacke gegeben haben. Eine Sprecherin des Weißen Hauses sagte am Dienstag, dass Präsident Donald Trump seinen Nahost-Sondergesandten Steve Witkoff angewiesen habe, Katar über den bevorstehenden Angriff zu informieren. Nach katarischen Angaben ging jedoch erst zehn Minuten nach den ersten Explosionen ein Anruf eines amerikanischen Regierungsvertreters ein.
Trump selbst hatte vor zwei Tagen die Hamas auf seiner Plattform „Truth Social“ eindringlich gewarnt. Sie solle den aktuellen Waffenstillstands-Vorschlägen zustimmen, sonst drohten „Konsequenzen“. Bislang pflegte Trump mit der Führung Katars ein ausgezeichnetes Verhältnis. Von einem Besuch in dem Emirat im Mai dieses Jahres brachte US-Präsident Aufträge für die amerikanische Wirtschaft in einem Gesamtvolumen von bis zu 1,2 Billionen US-Dollar mit und ließ sich von den Katarern mit einer Luxus-Boeing des Typs 747 beschenken. Welche Auswirkungen die israelische Attacke auf das Verhältnis haben wird, bleibt abzusehen. Trump bemühte sich zunächst um Schadenbegrenzung. „Ich bin nicht begeistert davon“, sagte er nach dem Angriff vor Journalisten. Der Republikaner betrachte Katar als engen Verbündeten und Freund der USA, teilte das Weiße Haus mit.

Der Angriff reiht sich ein in eine Vielzahl von gezielten Tötungen hochrangiger Hamas-Funktionäre seit dem Terror-Überfall am 7. Oktober 2023. Ismail Haniyeh, der politische Chef der Hamas, starb im Juli 2024 bei einem Bombenanschlag in Teheran. Im selben Monat starb Mohammed Deif, der langjährige Führer des militärischen Flügels der Organisation, bei einem Luftangriff in Chan Junis im Süden des Gazastreifens. Yahya Sinwar, der Hamas-Führer im Gazastreifen und maßgebliche Drahtzieher des Angriffs auf Israel, wurde im Oktober vergangenen Jahres bei einer Bodenoperation in Rafah nahe der ägyptischen Grenze getötet.
Eine Verhandlungslösung für das Ende des verheerenden Krieges im Gazastreifen scheint nun unmöglich zu sein. Katar hat am Dienstag bereits angekündigt, seine Tätigkeit als Vermittler im Gaza-Konflikt vorerst auf Eis zu legen. Es scheint, als sei für Israel die totale Vernichtung oder die bedingungslose Kapitulation der Hamas die einzige Option.




