Am Nachmittag passierte das, was mancher Ermittler bereits geahnt hatte: Auf der Internetplattform „indymedia.org“ erscheint ein Bekennerschreiben. Linksextreme reklamieren den Brandanschlag auf zwei Strommasten im Berliner Ortsteil Johannisthal für sich.
Mitten in der Nacht gingen beim Betreiber des Netzes Alarmmeldungen ein: ein Brand. Die Folge war „verheerend“, wie ein Polizist sagt. 50.000 Kunden waren zeitweise vom Strom abgeschnitten, darunter auch einzelne Pflegeheime, Schulen und Ämter. Ampel fielen aus, auch S-Bahnen und Straßenbahnen.
Das Bekennerschreiben auf der linksradikalen Plattform ist ein typischer Weg, mit dem sich auch gewaltbereite Gruppen zu ihren Taten bekennen. Das aktuelle Pamphlet ist überschrieben mit: „Angriff auf militärisch-industriellen Komplex“. Ziel des Anschlags war offenbar der „Technologiepark“ in Berlin-Adlershof – auf 460 Hektar vereint er 18 Wissenschaftseinrichtungen, Technologieunternehmen, Start-ups und Medienunternehmen an einem Standort. In den Augen der Linksradikalen: ein Feindbild.
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Derzeit prüft die Polizei die Echtheit der Veröffentlichung. Doch der Tathergang, das Ziel der Gewalt, wie auch Nutzung von „indymedia“ als Plattform ist den Ermittlern bekannt. Im März 2024 hatte sich die linksextreme „Vulkangruppe“ auf dem Netzwerk zu einem Brandanschlag auf das Werk des US-Autoriesen Tesla bekannt.
Das aktuelle Bekennerschreiben wurde um 14.20 Uhr online gestellt, einige Stunden nach dem Brandanschlag. Der Autor: „anonym“. Auch das ist nicht ungewöhnlich. Die Plattform „indymedia“ funktioniert „nach dem Prinzip des Open-Posting“, über ein Eingabeformular können „Beiträge anonym und ohne den Zwang zur Registrierung in Echtzeit und ohne vorherige Kontrolle der Inhalte beziehungsweise ohne vorherige Filterung veröffentlicht werden“, wie es in einer Drucksache im Bundestag beschrieben ist. „Ein Impressum mit Namen von etwaigen Betreibern sei auf der Website nicht vorhanden.“
Täter wettern gegen eine „Militarisierung“ und einem „neoliberalen Versprechen“
Das soll den Mitgliedern der linken Szene Schutz vor der Polizei geben. Wer das lange Schreiben der Autoren liest, stößt auf viele bekannte Feindbilder der Linksradikalen: zuallererst auf die „Polizeipräsenz, die uns mehr und mehr zu ersticken droht“.
Vor allem aber zielen die Autoren, die sich selbst nur „einige Anarchist:innen“ nennen, auf die Bundeswehr und Rüstungsunternehmen. Sie wettern gegen eine „Militarisierung“ und einem „neoliberalen Versprechen“, hinter denen sich „die faschistische Fratze“ verberge. Das Wirtschaftssystem des Kapitalismus, hier gebrandmarkt als „neoliberal“, zählt zu den zentralen Feindbildern der linksradikalen Szene.
Die „Anarchisten“ listen eine Reihe von Unternehmen auf, die im „Technologiepark“ ansässig sind, darunter große Firmen, aber auch kleine Start-Ups. Die Unternehmen entwickeln Technik, die auch von der Bundeswehr und anderen Armeen zum Einsatz kommt, oder etwa bei der Grenzüberwachung genutzt wird.
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Israel bezeichnet die Gruppe als „Kriegstreiber“ und spricht von einem „Genozid“ in Gaza. Tatsächlich sieht sich die israelische Regierung beim Krieg gegen die Terrororganisation dem Vorwurf der schweren Menschenrechtsverletzungen. Von den Terrortaten der Islamisten im Oktober 2023 schreiben die linksextremen Täter jedoch nicht.
BKA-Chef Holger Münch warnte schon 2024 von einer „Zuspitzung der Bedrohungslage“. Täter aus der Szene würden zunehmend professionell vorgehen, nach den Anschlägen abtauchen. Angriffe auf Kabelschächte, Sendemasten, Strom- und Glasfaserkabel rechnen Sicherheitsbehörden der „Vulkangruppe“ zu. Anschläge auf die Energieversorgung hatte es auch in München vor einigen Jahren gegeben. Ziel von Übergriffen durch mutmaßliche Linksextreme ist immer wieder das Schienennetz der Bahn.
Aktuell registriert die Polizei so viele politisch motivierte Straftaten wie noch nie. Vor allem Rechtsextremisten und Islamisten bereiten den Sicherheitsbehörden mit Gewalttaten Sorgen. Die meisten Gewalttaten wurden laut BKA von rechts begangen. Die rechtsmotivierten Taten stiegen um 17 Prozent auf fast 1500 an. Gewalttaten von Linksradikalen sanken laut Polizei demnach um rund 17 Prozent – lagen 2024 jedoch immer noch bei knapp 800.
Dass vor allem private Haushalte, aber auch Schulen, Heime und Ämter von dem aktuellen Stromausfall betroffen sind, erwähnt die Gruppe nur in einem Satz. Diese angeblichen „Kollateralschäden“ seien vertretbar.
Mehrere Kommentare unter dem Artikel, der mittlerweile nicht mehr online steht, kritisieren die Autoren scharf, verweisen darauf, dass durch die Gewaltaktionen auch einzelne ältere Menschen in Pflegeheimen gefährdet gewesen seien, da Beatmungsgeräte zeitweise ausfielen. Tatsächlich berichtete die Polizei über einen Rettungseinsatz, bei dem ältere Menschen aus diesem Grund aus ihrer Einrichtung in ein Krankenhaus transportiert werden mussten.
Technologiepark teilt mit: Das „Open-Air-Kino“ muss ausfallen
Auf der Webseite des „Technologieparks Adlershof“ ist beschrieben, dass das Areal vom Stromausfall betroffen sei. Roland Sillmann, Geschäftsführer der Betreibergesellschaft des Geländes teilte mit: „Anschläge wie diese richten sich nicht nur gegen die Infrastruktur, sondern auch gegen Menschen, denn sie gefährden Menschenleben.“
Finanzielle Schäden und Ausfälle von Unternehmen ließen sich „derzeit noch nicht beziffern“. Man arbeite daran die „Arbeitsfähigkeit“ der Firmen wiederherzustellen. Und, so heißt es in einer Mitteilung des Technologieparks, auch das „Open-Air-Kino“ am Abend müsse ausfallen. Eigentlich wollte der Betreiber für Interessierte und Mitarbeiter „Arrival“ zeigen, ein Science-Fiction-Thriller aus dem Jahr 2016.






