Es liegen nur wenige Wochen zwischen diesen Szenen aus dem Leben von Annalena Baerbock, aber der Unterschied ist immens. Anfang September hat die frühere Außenministerin noch in übermütiger Vorfreude ein Video veröffentlicht, das im „Sex and the City“-Stil zeigt, wie sie in New York in Jeans und High Heels in ein Taxi steigt. Das war selbstironisch gemeint, kam in Deutschland aber nicht überall gut an. Als sie in dieser Woche die Generaldebatte im Hauptquartier der Vereinten Nationen leitete, trug Baerbock immer noch High Heels, aber die Fröhlichkeit war verschwunden.

Drinnen verfolgte Baerbock an ihrem erhöhten Präsidenten-Tisch mit ernster, unbewegter Miene, wie US-Präsident Donald Trump eine Brandrede gegen die Vereinten Nationen hielt. Vergeblich ließ Baerbock die roten Lichter an Trumps Rednerpult flackern, weil er in seiner Wut-Suada über Klimaschutz, Migration und defekte Rolltreppen seine Redezeit um über 40 Minuten überzog. „Sie wurden grün und gingen bankrott“, behauptete Trump über Deutschland, das durfte die frühere Grünen-Spitzenpolitikerin durchaus persönlich nehmen. Sie ließ sich nichts anmerken.

Am Tag danach sitzt Baerbock im 25. Stock des UN-Hauptquartiers, draußen ziehen Polizeiboote ihre Linien auf den East River, dahinter erheben sich die Wolkenkratzer von Long Island City. Baerbock wirkt im Hintergrundgespräch mit Journalisten gefasst und entschlossen. Die Bewährungsprobe als Präsidentin der Generalversammlung hat sie bei diesem Gipfel mit 150 Staats- und Regierungschefs bestanden, aber sie weiß, dass es das ganze Jahr spannend, herausfordernd bleibt wird.

Annalena Baerbock in New York
Annalena Baerbock in New York: Eine Szene aus einem Video, dass die frühere Außenministerin auf Instagram veröffentlichte. © abaerbock/Instagram | abaerbock/Instagram

Baerbock schwärmt von Fahrrad-Touren durch New York

Baerbock sieht die UN an einem Scheideweg. Die UN sind politisch und finanziell unter Druck. Die 44-Jährige hat frühzeitig angekündigt, sie wolle in der UN als „Brückenbauerin“ mitwirken, „dass sie nicht zerbrechen, sondern sich reformieren“. Und sie will die öffentliche Selbstdarstellung der Weltorganisation verbessern, vor allem mit Blick auf jüngere Menschen – in den sozialen Medien dürfte sie schon deshalb weiter präsent sein.

Ein Jahr wird sie das protokollarisch höchste Amt der Vereinten Nationen ausüben. Ihre Bezüge auf dem Niveau einer Botschafterin bezahlt in dieser Zeit das Auswärtige Amt in Berlin, so sehen es die UN-Regeln vor. Ihre beiden Töchter gehen nun in New York zur Schule. Baerbock schwärmt davon, wie sie am Wochenende zwischen den Wolkenkratzern mit dem Leihfahrrad kleine grüne Idyllen entdeckt. Und sie genießt es, dass sie in New York niemand erkennt, wenn sie durch die Straßen geht.

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Baerbock ist erst die fünfte Frau auf dem Posten. UN-Generalsekretär António Guterres erinnerte daran, als er zum Auftakt der Generaldebatte sagte: „Lassen Sie mich mit zwei Worten beginnen, die wir in diesem Saal nicht oft genug sagen konnten: Frau Präsidentin!“ Lauter Applaus im Plenum. Auf den ersten Blick ist Baerbock nun vor allem für den Ablauf der Sitzungen verantwortlich. Energisch klopft sie dann auch mal mit einem Holzhämmerchen drei, viermal aufs Pult, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Donald Trumps Eskapaden halten die UN auf Trab

Doch sie hat schon in den ersten Tagen deutlich gemacht, dass sie das Amt gern politischer ausüben würde als ihre Vorgänger. Als Außenministerin war sie dreieinhalb Jahre an internationalen Krisen-Lösungsversuchen beteiligt, die nun die UN beschäftigen. Sie kennt die Themen und Akteure, doch das neue Amt setzt ihrem Gestaltungswillen enge Grenzen.

Der eigentliche Chef ist Generalsekretär Guterres, der nach neun Jahren sichtbar seinen Elan verloren hat. Über allem schwebt ja die Krise der Weltorganisation selbst. Baerbock mahnte diese Woche die UN-Mitglieder, angesichts der zahlreichen Kriege und Konflikte auf der Welt „müssen wir eindeutig besser werden“.  Die UN seien „die einzige Organisation, die jedes Land der Welt zusammenbringen kann.“

Wäre da nicht der US-Präsident mit seinen Eskapaden. Einen Tag nach seinem Auftritt forderte Trump von der UN eine Untersuchung wegen „dreifacher Sabotage“. Erst sei eine Rolltreppe und dann bei seiner Rede ein Teleprompter und eine Tonanlage ausgefallen. „Das war kein Zufall“, schimpft Trump.  „Sie sollten sich schämen“. Baerbock ist nicht direkt verantwortlich, aber sie war die einzige, die Trump öffentlich widersprochen hatte: „Wir können Ihnen versichern, dass die UN-Teleprompter sehr gut funktionieren“, stellte die Präsidentin unmittelbar nach Trumps Rede klar.

World Leaders Gather For The 80th Session Of The United Nations General Assembly
Als Präsidentin der UN-Generalversammlung erteilte Annalena Baerbock (hinten, Mitte) auch US-Präsident Donald Trump (im Vordergrund) das Wort für eine Rede. © Getty Images via AFP | Chip Somodevilla

In der UN kursiert der Verdacht, dass Trump seinen von US-Technikern mitgebrachten Teleprompter absichtlich ausfallen ließ, um die Organisation als unfähig darzustellen. Beunruhigend. Doch ist es UN-Diplomaten immer noch lieber, wenn Trump seine Wut an der Haustechnik auslässt, als dass er der UN weitere Milliardengelder kürzt, wie vorher befürchtet worden war.

Rückkehr nach Berlin ist eine Option – bei den Grünen kursiert ein Gerücht

Als Präsidentin wird Baerbock auch dafür zuständig sein, im kommenden Jahr die Wahl für die Nachfolge von Generalsekretär Guterres zu organisieren. Klar, dass sie gern eine Frau auf dem Posten sehen würde. Das sei nach 80 Jahren „überfällig“. Will sie selbst? Nein, sie hat schon ausgeschlossen, dass sie das Amt übernimmt. Weil sie als Präsidentin den Wahlprozess steuern muss. Weil es feste regionale Rotationsregeln gibt. Vermutlich aber auch, weil eine Mehrheit für sie fraglich wäre: Als Ministerin war Baerbock lautstarke Vertreterin einer feministischen, wertegeleiteten Außenpolitik, damit macht man sich nicht nur Freunde in der Weltgemeinschaft. Russische UN-Diplomaten haben sogar versucht, ihre Wahl zur Präsidentin mit persönlichen Angriffen zu verhindern.

Was sie nach ihrer einjährigen Amtszeit machen will, lässt Baerbock nicht erkennen. Ein anderes hohes UN-Amt wird unmittelbar wohl nicht frei. Bei den Grünen kursiert seit Monaten das Gerücht, sie könne 2029 Spitzenkandidatin für die Europawahlen werden. Ob sie nach Berlin zurückkehrt, sei völlig offen, versichert Baerbock – aber es ist mindestens eine Option. Doch jetzt will sie sich erstmal auf ihr neues Amt konzentrieren. Die zwölf Monate in New York, sagt sie, seien schließlich kurz genug.