Manchmal braucht es nur ein Baby, um Geschichte zu schreiben. Das haben Hanna Steinmüller und ihr Sohn in dieser Woche im Bundestag bewiesen. Mit dem wenige Monate alten Kind in einer Trage vor dem Bauch hielt die Grünen-Politikerin eine Rede im Plenum – als erste Bundestagsabgeordnete überhaupt. „Ich habe es nicht geplant, mein Kind mitzunehmen, aber da es geschlafen hat, wollte ich es nicht wecken“, erzählt die 32-Jährige dieser Redaktion. „Dann wäre es definitiv lauter gewesen.“
In der Tat verschlief ihr Baby den historischen Moment friedlich dösend. Steinmüller wollte kein bewusstes Zeichen setzen mit dem Auftritt, gleichwohl hat sie eine Debatte ausgelöst. Über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, aber auch über Mütter und Väter in der Politik. Kritik und Kommentare nicht nur zu Steinmüllers Auftritt zeigen, dass Politikerinnen es immer noch schwer haben, den Wunsch nach Kindern und Karriere zu verfolgen.
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„Im Plenum waren viele überrascht, haben sich aber gefreut, dass erstmals ein Baby am Pult dabei war“, beschreibt Steinmüller die Reaktionen. „Insgesamt habe ich wahnsinnig viele Nachrichten bekommen, insbesondere von Frauen, die einerseits von ihren Schwierigkeiten der Vereinbarkeit berichtet haben, aber andererseits gefeiert haben, dass ein Kind sichtbar war und sie sich weniger allein mit den Herausforderungen fühlen.“
Zuspruch bekam die Grüne auch von oberster Stelle: „Mutter mit Säugling und Betreuungsherausforderung? Hanna Steinmüller hat das mit ihrem Kind bravourös gemeistert“, lobte Parlamentspräsidentin Julia Klöckner. Der CDU-Politikerin sei mehr Lebensnähe und eine bessere Vereinbarkeit der Mandatsausübung für Abgeordnete mit Säuglingen ein wichtiges Anliegen, sagte eine Bundestagssprecherin dieser Redaktion.

Familienministerin Karin Prien: „Amt und Kind – das muss zusammen möglich sein“
In dieser Woche habe Klöckner deswegen Abgeordnete mit Babys und Kleinkindern eingeladen, um Vorschläge zur besseren Vereinbarkeit von Mandat und Familie zu sammeln. In den Parteien wird seit geraumer Zeit darüber nachgedacht, wie politisches Engagement familienfreundlicher werden kann. Die Tage von Abgeordneten und Spitzenpolitikern sind lang und voller Termine, hinzu kommen Gespräche im Wahlkreis und häufige Reisen.
„Amt und Kind – das muss zusammen möglich sein“, fordert Bundesfamilienministerin Karin Prien. „Demokratie lebt davon, dass sie alle Generationen und Lebensrealitäten abbildet – auch die von Eltern mit kleinen Kindern.“ Deshalb müssten die Bedingungen für politisches Engagement verbessert werden, sagte die CDU-Politikerin dieser Redaktion.
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Ein Problem: Elternzeit ist für Abgeordnete sowie Ministerinnen und Minister nicht vorgesehen, acht Wochen nach der Geburt müssen sie ihr Amt wieder ausfüllen. „Das ist unfassbar früh“, erinnerte sich die frühere Familienministerin Kristina Schröder kürzlich im „Stern“. Die CDU-Politikerin bekam 2011 als erste Bundesministerin während ihrer Amtszeit ein Kind. Ein wenige Wochen altes Kind abzugeben, tue weh. „Man verpasst einfach sehr viel.“
Privat und politisch habe sie damals viel Zuspruch erhalten, erzählte Schröder. Sie bekam aber auch Briefe und E-Mails von Bürgern, „die forderten, dass ich mein Amt niederlegen müsse, und fragten, warum ich gerade jetzt schwanger werden würde“.
Amt und Kind – das muss zusammen möglich sein.
Bundesfamilienministerin Karin Prien
Ähnliches erlebt 14 Jahre später Bundesbauministerin Verena Hubertz. Die SPD-Politikerin kündigte im August an, dass sie ein Kind bekomme. Die 37-Jährige will nur während des Mutterschutzes pausieren, die Elternzeit übernimmt ihr Partner. „Ich bin zuversichtlich: Vereinbarkeit und Verantwortung passen zusammen“, schrieb Hubertz auf ihren Social-Media-Accounts.
Neben zahlreichen Glückwünschen gab es allerdings auch viel Kritik unter ihren Posts. Einige Instagram-User verlangten beispielsweise zu wissen, warum die Ministerin unbedingt zum jetzigen Zeitpunkt schwanger werden müsste. Andere verteidigten Hubertz und fragten, ob ein Mann sich denselben Fragen aussetzen müsste.

Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil ist seit vergangenem Sommer Vater eines Sohnes. Damals war er noch nicht Regierungsmitglied, eine längere Pause nahm der SPD-Chef in der turbulenten Endphase der Ampel-Koalition dennoch nicht. Eine öffentliche Diskussion darüber gab es nicht, denn Klingbeil hielt die Geburt lange geheim. Auch jetzt ist wenig darüber zu erfahren, wie er Kind und Vizekanzlerschaft vereint. Als Klingbeil kürzlich auf dem Sommerfest der „Seeheimer“ in der SPD-Fraktion fehlte, hieß es zur Erklärung, er kümmere sich um seinen kranken Sohn.
Eine Debatte, wie sie Hubertz nun bereits vor der Geburt erlebt, ist Klingbeil bisher erspart geblieben. Sogar Kanzler Friedrich Merz (CDU) schaltete sich ein und kritisierte die Vorwürfe gegen die werdende Mutter als „infam“. Die Kommentare zu ihrer Baby-Ankündigung hätten sie nachdenklich gemacht, bilanzierte die Ministerin selbst und zitierte Beispiele: „Das arme Kind, es wird nichts von seiner Mutter mitbekommen“, „Mütter sollen an den Herd“ oder „Noch ein Grund, nur AfD zu wählen“.
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Auch Steinmüller lassen die Reaktionen auf Hubertz‘ Schwangerschaft daran zweifeln, ob in den vergangenen Jahren die Akzeptanz dafür gewachsen ist, dass Spitzenpolitiker Eltern werden. „Ich hoffe aber, dass wir es gemeinsam schaffen, es zu normalisieren, dass auch Politikerinnen und Politiker Kinder bekommen und die teilweise sichtbar sind, statt ständig wegorganisiert zu werden.“








