Bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung am 23. September sang Donald Trump – wieder mal – eine Hymne auf sich selbst. Der US-Präsident rühmte die Dynamik der amerikanischen Wirtschaft und damit seine Politik. Acht Monate nach Beginn seiner zweiten Amtszeit seien die Vereinigten Staaten „hot“, das „angesagteste Land der Welt“, schwelgte Trump. „Unter meiner Führung sind die Energiekosten gesunken, die Benzinpreise sind gesunken, die Lebensmittelpreise sind gesunken. Die Hypothekenzinsen sind gesunken und die Inflation wurde besiegt. Das Einzige, was derzeit steigt, ist der Aktienmarkt, der gerade ein Rekordhoch erreicht hat.“
Hat Trump recht – trotz seiner Anfang April verkündeten Zölle gegen Freund und Feind? Und trotz der massenweisen Abschiebung illegaler Migranten, die bislang für Amerikas Gastronomie und Landwirtschaft unverzichtbar waren?
Exklusiv aus den USA – für Sie recherchiert
Trump: Wirtschaft wächst – doch es liegt nicht an der Politik des Präsidenten
Einige Daten scheinen den Präsidenten zu bestätigen, zumindest auf den ersten Blick. So ist die US-Wirtschaft im Frühjahr stärker gewachsen als erwartet. Zwischen April und Juni stieg das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorquartal um 3,8 Prozent, wie das Handelsministerium mitteilte. Viele Ökonomen hatten eine Abwärtsspirale durch Trumps Zollpolitik befürchtet: Die Abgaben würden Importe verteuern, die Preise nach oben treiben und den Konsum dämpfen. Das wiederum bremse die Investitionen der Unternehmen, wodurch weniger Arbeitsplätze geschaffen würden, so der Tenor.
Auch interessant
Doch der Wachstumssprung im zweiten Quartal ist kein Feuerwerk der Trumpschen Wirtschaftspolitik. Vielmehr hatten sich etliche Firmen bereits früh auf die drohenden US-Zölle eingestellt: Sie führten verstärkt Waren ein und füllten ihre Lager auf, bevor die Abgabenkeule wirksam wurde. Zwischen April und Juni nahmen die Importe deutlich ab, was das Wachstum anschob.
Lesen Sie auch: Was passiert beim Shutdown? Die wichtigsten Fragen und Antworten
Inflation in den USA: Experten warnen vor mittelfristigen Risiken
Da Trumps Zollpolitik noch nicht auf den Markt durchschlug, hielten sich die Verbraucherpreise im Rahmen. Im August kletterte die US-Inflationsrate im Jahresvergleich um 2,9 Prozent, gegenüber 2,7 Prozent im Juli. Angetrieben wurde die Teuerung unter anderem durch einen kräftigen Anstieg der Strompreise. Dagegen haben sich Kraftstoffe im Jahresvergleich erneut deutlich verbilligt.

Experten warnen jedoch vor mittelfristigen Risiken. „Die Zollerhöhungen seit April werden erst schrittweise umgesetzt“, sagte Laura von Daniels, Leiterin der Amerika-Forschungsgruppe der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, unserer Redaktion. „Die meisten Handelspartner haben sich mit Vergeltungsmaßnahmen gegen höhere US-Zölle zurückgehalten. Daher spüren die US-Konsumenten die negativen Auswirkungen der Zölle noch nicht unmittelbar. Das dürfte sich aber ändern.“ Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden Importeure die Kosten von Zöllen an die Kunden weitergeben. „Insgesamt drücken die Handelskonflikte auf die Stimmung in der US-Wirtschaft“, so von Daniels.
News aus den USA
USA: Arbeitsmarkt schwächelt – vor allem in einem Bereich
Trumps Eloge auf seine Wirtschaftspolitik ist also nur bedingt durch die Fakten gedeckt. Allerdings gibt es Lichtpunkte. So stiegen die Investitionen der Unternehmen zuletzt um 7,3 Prozent. Davon kann die schwarz-rote Koalition in Deutschland trotz Infrastruktur-Sondervermögen über 500 Milliarden Euro nur träumen. Die US-Firmen stecken derzeit große Summen in den Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI), für Trump ein Parade-Sektor der amerikanischen Wirtschaft.
Auch interessant: „Weg in die Autokratie“: Trump verschreckt seine Landsleute
Dies ändert jedoch nichts daran, dass der US-Arbeitsmarkt derzeit schwächelt. Zwar lag die Arbeitslosenquote im August bei 4,3 Prozent, im historischen Vergleich ein eher niedriges Niveau. Doch die Industrieproduktion schrumpft. So sind im verarbeitenden Gewerbe im laufenden Jahr rund 33.000 Stellen weggefallen, wie das Arbeitsministerium mitteilte. Vor allem der Automobil-Sektor, aber auch die Bereiche Elektronik und Haushaltsgeräte waren betroffen. Das sind Branchen, die der Präsident eigentlich stärken wollte. Auch die „Big Beautiful Bill“ – Trumps gigantisches Steuersenkungsprogramm, das im Juli verabschiedet wurde – konnte den langfristigen Trend bislang nicht stoppen: Der Anteil der Industrie-Jobs an der Gesamtbeschäftigung sinkt seit 1970 stetig und lag im August nur zwischen acht und neun Prozent.

USA: Fachleute rechnen mit weiteren Senkungen des Leitzins
Doch nicht nur das verarbeitende Gewerbe leidet. Im August schufen amerikanische Firmen nur 22.000 Arbeitsplätze – Experten hatten mit 760.000 neuen Jobs gerechnet. Erstmals seit der Corona-Pandemie lag die Zahl der Arbeitssuchenden höher als die der offenen Stellen. Vor diesem Hintergrund senkte die US-Notenbank im September den Leitzins um 0,25 Punkte auf 4,0 bis 4,25 Prozent. Damit sollten Unternehmen zu Investitionen und zur Schaffung neuer Arbeitslätze ermuntert werden. „Das könnte die Konjunktur stärken und neue Jobs schaffen. Aber die Zollpolitik Trumps läuft diesem Ziel zuwider“, betont die USA-Analystin von Daniels.
Auch interessant
Viele Amerikaner tendieren zumindest derzeit noch zu Optimismus und nicht zu Schwarzmalerei. „Die US-Wirtschaft, einschließlich des Konsums, hat sich als überraschend resilient erwiesen. Sie ist nicht eingebrochen, und die Aktienkurse steigen nach wie vor rasant an. Ob das so bleibt, wird allerdings von vielen bezweifelt“, sagte der Politikwissenschaftler Klaus Larres von der University of North Carolina in Chapel Hill unserer Redaktion. Wegen der Stagnation am Arbeitsmarkt rechnen Finanzexperten mit zusätzlichen Leitzinssenkungen, was die US-Börsen wahrscheinlich weiter beflügeln wird. Trump dürfte dies in jedem Fall nutzen, um sein Narrativ vom „goldenen Zeitalter“ Amerikas weiter zu verbreiten – auch wenn andere Konjunkturdaten dies nicht unterfüttern.












