Es ist erst eine Woche her, da präsentierte Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) seine Erfolge im Bundestag. Im August hätte die Zahl der Asylanträge 60 Prozent niedriger gelegen als im Vorjahr, im September bei 50 Prozent im Vergleich zu 2024. Mit „Kontrolle, Kurs und klarer Kante“ will der CSU-Politiker seine „Migrationswende“ vorantreiben. Tatsächlich sinken die Asylbewerberzahlen seit einiger Zeit. Gut 9000 Asylanträge stellten Menschen aus Afghanistan, Syrien, Türkei und anderen Ländern im September beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Was der Minister nicht sagt: Eine andere Zahl steigt wieder – die der Flüchtlinge aus der Ukraine. Wurden im Mai 2025 noch 7.961 Personen aus der Ukraine über das Registrierungssystem „Free“ im Bundesgebiet verteilt, waren es im August 11.277 und im September 18.755. Im Zeitraum von Anfang Oktober bis einschließlich 5. Oktober wurden laut Bundesinnenministerium 2.000 Personen verteilt.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Anders als Asylsuchende etwa aus Syrien oder Afghanistan erhalten Schutzsuchende aus der Ukraine eine Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 24 des Aufenthaltsgesetzes, die einen sofortigen Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Sozialleistungen erlaubt. Sie werden seit 2022 im eigens dafür eingerichteten System „Free“ von den Behörden erfasst.
Angriffe auf die Ukraine zermürben die Bevölkerung
Der Anstieg der Zahlen kann mehrere Gründe haben: Russland hat die Luftangriffe auf ukrainische Städte in diesem Jahr deutlich intensiviert. Selbst in der Hauptstadt Kiew, die besser durch Luftabwehrsysteme geschützt ist, müssen viele Menschen die Nächte häufig in Korridoren oder Bunkern verbringen. Das zermürbt die Bevölkerung.
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Die Versorgung der fast vier Millionen Binnenflüchtlinge wird zunehmend schwierig. Wer aus dem umkämpften Osten und Süden in den Westen geflohen ist, findet selten Arbeit, die staatliche Unterstützung reicht häufig nicht aus, um Mieten zu zahlen.
Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Anfang des Jahres gab es Hoffnung, US-Präsident Donald Trump könne seine vollmundigen Versprechungen wahr machen, den Konflikt schnell zu beenden. Kremlherrscher Putin hat aber sämtliche Bemühungen für eine Friedenslösung ins Leere laufen lassen. Jetzt steht der Ukraine der nächste harte Kriegswinter bevor.

Noch einen Grund kann es für den Anstieg der Flüchtlinge aus der Ukraine geben. Polens Regierung hatte zuletzt ein umstrittenes Aufenthaltsgesetz verabschiedet. Sozialleistungen erhalten Ukrainer dort nur noch, wenn sie in Polen arbeiten und Steuern zahlen.
Die ukrainische Armee leidet unter einem erheblichen Personalmangel
Vor allem aber eines fällt auf: die stark gestiegene Zahl junger schutzsuchender Männer zwischen 18 und 21 Jahren. Die Aufhebung des Ausreiseverbots für die Gruppe habe zu einer Zunahme von Schutzgesuchen „von etwa 100 pro Woche vor Inkrafttreten der Regelung auf derzeit circa 1.000 pro Woche geführt“, teilte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums auf Nachfrage unserer Redaktion mit. Inwieweit dieses „eine vorübergehende Entwicklung“ sei, könne „zum jetzigen Zeitpunkt nicht eingeschätzt werden“.
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Die Ukraine hatte zu Ende August die Ausreiseregeln für Männer zwischen 18 und 22 Jahren gelockert. Auch junge Ukrainer aus dem Ausland können demnach zurückkehren und danach ungehindert wieder ausreisen – trotz Kriegsrecht. Es ist eine Maßnahme, die in der Ukraine umstritten ist.
Zwar sind derzeit junge Männer in der Ukraine erst ab einem Alter von 25 Jahren wehrpflichtig. Aber es ist unwahrscheinlich, dass alle unter 23-Jährigen, die jetzt das Land verlassen, wieder zurückkehren, um ihren Dienst an der Waffe zu leisten. Die Armee leidet nach mehr als dreieinhalb Jahren Krieg unter einem erheblichen Personalmangel. Zehntausende Soldaten sind in den mörderischen Schlachten an der Front gefallen, Hunderttausende sind verletzt worden.
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Die Rekrutierung neuer Soldaten ist zunehmend schwierig, die Zahl der Desertionen steigt. Allein in diesem Jahr hat die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft schon mehr als 100.000 Verfahren wegen unerlaubten Entfernens von der Truppe oder wegen Desertion eingeleitet.
„Der Schuss ist nach hinten losgegangen“
Der Sicherheitsexperte Carlo Masala hält die Entscheidung der ukrainischen Regierung, die Grenzen für die unter 23-jährigen Männer zu öffnen, für falsch. „Verteidigungspolitisch ist es natürlich ein Fehler, einen Teil der zu mobilisierenden Menschen gehen zu lassen“, sagte er unserer Redaktion. Er glaubt, dass der ukrainische Präsident Selenskyj aus machtpolitischen Erwägungen gehandelt hat: „Ich denke, dass dahinterstand, dass diese Generation Selenskyj bei den nächsten Wahlen wählt.“ Aber: „Der Schuss ist nach hinten losgegangen.“
In Deutschland sind aktuell insgesamt 1.293.672 Personen erfasst, die im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine seit Februar 2022 nach Deutschland geflohen sind. Wie viele Deutschland wieder verlassen haben, können die Behörden nicht genau sagen. Das Ministerium schreibt aber, dass „rund 450.000 Personen“ aus der Ukraine Ende September „nicht mehr als aufhältig“ registriert waren.
Was auffällt: Debattiert wird viel über Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien – und deren Zurückweisungen. Wenig aber über Menschen aus der Ukraine. Dabei müssen viele von ihnen vor Ort in den Kommunen und Landkreisen versorgt werden, kommen in Gemeinschaftsunterkünften unter, ein Teil arbeitet, ein anderer erhält Bürgergeld. Die Regierung von Union und SPD hatte im Koalitionsvertrag beschlossen, den Zugang für Geflüchtete aus der Ukraine zu Sozialleistungen auf eine Ebene zu stellen wie bei Asylsuchenden aus Syrien oder Afghanistan.







