Erst das katholische Elite-Gymnasium Canisius-Kolleg in Berlin, dann die Klosterschule Ettal, schließlich die reformpädagogische Odenwaldschule: Es ist 15 Jahre her, dass sexuelle Gewalt an Kindern, begangen von Patern und Lehrkräften, einen Skandal ins Rollen brachte, der weit über diese Einrichtungen hinausging. Etliche Studien wurden seitdem in Auftrag gegeben, die einerseits den Missbrauch aufarbeiten sollten, zum anderen aber auch eine Ahnung zu bekommen, wie verbreitet sexuelle Gewalt an Schulen war und ist. Klar ist wohl, unter Einbeziehung einer Dunkelfeldstudie aus dem Jahr 2018: Für ein Fünftel der befragten Jungen und Mädchen ist Schule ein Ort, an dem es zu sexueller Gewalt kommt.
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Doch was begünstigt sexualisierte Gewalt, ob sie nun von Lehrkräften ausgeht, vom schulischen Personal wie Hausmeister, Vertrauenslehrer oder Pfarrern, die Religion unterrichten – oder auch von Mitschülern? Was macht Kinder anfällig? Und wie muss Prävention aussehen? Die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs hat 133 Betroffene gefragt, die zwischen 1949 und 2010 sexualisierte Gewalt in der Schule erlebt haben. Sie hat ihre Geschichten angehört und ausgewertet. Die Schlussfolgerung: Schule wurde in den vergangenen Jahrzehnten ihrer Verantwortung nicht gerecht, für ein unversehrtes Aufwachsen zu sorgen. Auch für die Zukunft sind Schulen nicht gut genug gerüstet, besonders in Hinblick auf sexuelle Übergriffe über Social Media.
Im Medizinzimmer hat es langsam angefangen. Es war nicht von Anfang an ein kompletter Vollzug, sondern eher ein Angucken, ein Anfassen und ein Bedrohen, dass das sich so gehört“
Silke
Lehrer nutzten Vertrauen aus und manipulieren verliebte Schülerinnen
Besonders viele Berichte hat die Kommission von der Generation der Babyboomer erhalten, die in den 1960er bis 1980er Jahren zur Schule gingen. Anhand der Aussagen zeigt sich ein Wandel: Während es zunächst die besonders autoritären Lehrkräfte waren, die mit Einschüchterungen und Ängsten vorgingen, waren es später vermeintlich romantische Beziehungen zwischen Lehrern und Schülerinnen. Gefährdet waren vor allem Mädchen, die schon in ihrer eigenen Familie sexuelle Gewalt erlebten. „Lehrer zeigten sich dann vertrauensvoll, gaukelten eine Liebesgeschichte vor“, heißt es in der Studie. „Betroffene erkannten erst im Nachhinein den Missbrauch und die Manipulation. Gerade bei älteren Schülerinnen wurde Verliebtheit ausgenutzt, um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen.“
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Dass Schülerinnen für ihre Lehrer schwärmen, sei völlig legitim, sagte Julia Gebrande bei der Vorstellung der Studie. Dass diese Schwärmerei aber ausgenutzt werde, dass Lehrer sie manipulativ verstricken und dadurch missbrauchen, das müsse als Problem erkannt werden, denn: „Die Verantwortung liegt immer bei der erwachsenen Person“, so die Autorin der Studie und Vorsitzende der Aufarbeitungskommission.
Doch wer waren die Täter (seltener Täterinnen)? Was waren ihre Strategien zur Anbahnung, dem sogenannten Grooming? Was begünstigt sexuelle Übergriffe? Die Studie kommt zum Schluss: Es gibt nicht das eine Bild. Beim Musiklehrer komme es während des Einzelunterrichts zu Übergriffen. Beim Sport- oder Kunstlehrer durch vermeintlich notwendige körperliche Nähe. Bei Lehrern der Naturwissenschaften ist es such die Schlüsselgewalt über die Fachräume.
Zum Prozedere gehörte es, dass wir unsere Badehosen ausziehen sollten, und dann mussten wir einzeln antanzen vor ihm, um zu zeigen, dass wir uns untenrum auch „richtig“ eingeschäumt hatten.
Florian
Schweigekartelle schützen Täter an Schulen
Betroffene Kinder und Jugendliche konnten sich kaum wehren. Viel zu oft, heißt es in der Studie, hätten sie kaum Ahnung von Sexualität, „sie wussten nicht, wie sie ausdrücken sollten, was passiert ist“. Schulsozialarbeiter gab es erst ab den 1990er Jahren, und ein Garant für Aufklärung seien sie auch nicht unbedingt gewesen. Gleichzeitig herrschte das große Schweigen: von Gleichaltrigen, Lehrern, Eltern, der Schulleitung. Also den Personen, denen sich Betroffene mitunter auch anvertraut hatten. Ihnen sei es darum gegangen, den Ruf der Schule zu schützen. Es sei, heißt es in der Studie, eine Mischung aus Schweigekartellen und Ignoranz gewesen.
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Die Geschichte des Beratungslehrers Björn aus den 1990er Jahren heben die Autorinnen und Autoren der Studie heraus: Eine Gruppe von Mädchen aus der sechsten Klasse hatte ihm berichtet, ein beliebter Kollege und Sportlehrer dringe gezielt in den Umkleideraum der Mädchen ein. Trotz Beschwerden seitens der Mädchen höre er auch nicht damit auf. Björn glaubte ihnen und überführte schließlich den spannenden Lehrer durch Überwachung. Doch die Schulleitung zwang ihn nicht nur, den Vorwurf zurückzunehmen, sondern sich auch noch bei dem Lehrer zu entschuldigen. „Ohne die Unterstützung meiner Frau hätte ich diese Erniedrigung nicht verkraftet. Ich suchte mir auch Hilfe bei einer Psychologin einer Beratungsstelle. Immerhin hatte ich erreicht, dass das Spannen in der Mädchenumkleide aufhört.“
Eine Referendarin hat sich erst nach ihrer Prüfung getraut, eine von einer Schülerin geäußerte Anschuldigung zu melden. (…) Sie hat gesagt, welches Mädchen es betrifft. Die Schulleitung hat sich nicht mal den Namen aufgeschrieben.
Lehrerin
Sexuelle Aufklärung stärkt Prävention von Missbrauch an Schulen
Auch wenn es in der Studie um Fälle aus den vergangenen Jahrzehnten geht und es seit dem Höhepunkt des Missbrauchsskandals viele Ansätze in Schulen zur Aufklärung und Prävention gibt: Es fehlen immer noch definierte Prozesse und klare Zuständigkeiten, um Missbrauch in Schulen zu verhindern, so ein Fazit der Autorinnen und Autoren.

Ein wichtiger Baustein zur Prävention sei die sexuelle Aufklärung: Betroffene müssen erkennen, wann Grenzen überschritten werden und ihnen sexualisierte Gewalt angetan wird. Auch Lehrkräften sollte klar sein, wie viel Nähe zulässig und wie viel Distanz nötig ist.
Doch definierte Prozesse im Falle eines Missbrauchs und klare Zuständigkeiten fehlten nach wie vor. Schüler, Eltern und Lehrer müssten wissen, an wen sie sich wenden könnten. Sie lenken auch den Blick auf die Architektur vieler Schulgebäude mit ihren abgelegenen Räumen und exklusive Zugänge, etwa in den Naturwissenschaften, Musik, Kunst oder Sport. Gemeinsame Konzepte eben von Schulaufsichtsbehörden und Kultusministerien, denn: „Aufarbeitung und Schutz greifen ineinander.“







