Leon Weintraub, einer der letzten Überlebenden des Holocaust, hat am Neujahrstag seinen 100. Geburtstag gefeiert. Weintraub wurde 1926 als Sohn einer jüdischen Familie im polnischen Lodz geboren. Seit vielen Jahren spricht er als Zeitzeuge über die NS-Zeit und äußert sich dabei auch immer wieder zu politisch aktuellen Themen.
Was er sich zum Geburtstag wünscht? „Mein tiefster Wunsch ist es, dass Menschen positiv miteinander leben. Dass bei allen Meinungsverschiedenheiten sie einsehen, wie wunderbar es wäre, wenn man ohne Konflikte zusammenleben könnte“, so Leon Weintraub gegenüber unserer Redaktion.
Auf Einladung von FUNKE-Verlegerin Julia Becker, Vorsitzende des Aufsichtsrats der FUNKE-Mediengruppe, zu der auch diese Zeitung gehört, und der Initiative 18 war der Zeitzeuge im November nach Essen gereist, um in der Lichtburg vor erstarkendem Populismus und Überheblichkeit zu warnen.
Der Holocaust-Überlebende zeigte sich im Gespräch mit dieser Redaktion besorgt über den Aufstieg der AfD. „Es ist sehr, sehr beschämend und sehr traurig. Gerade in diesem Land – dem Land der Täter“, sagte Weintraub.
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Gleichzeitig mahnte er: „Solange wir wählen, haben wir die Möglichkeit, diejenigen zu kontrollieren, die an der Macht sind. Ich bin der Meinung, dass Regierungen eigentlich verwalten sollten – und nicht herrschen und steuern.“ Die Gesellschaft müsse regierende Parteien, Gruppen oder einzelne Menschen, denen die Macht zu Kopf gestiegen sei, genau beobachten. Weintraub forderte, mächtige Menschen zu kritisieren, wenn sie gegen die menschliche Würde verstoßen. Nur so bleibe eine Gesellschaft wach und frei.
Holocaust-Überlebender: „Sie wurden auf unfassbare Weise ermordet“
Weintraub warnte auch davor, die Fehler der 30er Jahre zu wiederholen. Damals hätte man die Schreihälse nicht wahrgenommen. „Man soll sie ernst nehmen – und alles tun, um zu verhindern, dass sie zur Macht kommen und das, was sie vorhaben, auch durchführen. Die AfD meint, was sie sagt – und sie würde das verwirklichen, wenn ihr die Macht gegeben wird“, sagte er.
An junge Menschen gerichtet, sagte Weintraub: „Wir müssen einsehen, dass die moderne medizinische Forschung eindeutig bewiesen hat, dass es keine menschlichen Rassen gibt. Damit fällt die ganze Rassenlehre in sich zusammen – und damit fällt auch das Fundament der nationalsozialistischen Ideologie.“ Auf Lügen habe man eine Maschinerie aufgebaut, die Millionen Menschen das Leben gekostet hat. „Sie wurden auf unfassbare Weise ermordet“, so Weintraub.

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Leon Weintraub: Auschwitz-Überlebender lebt heut in Stockholm
Weintraub wurde 1926 geboren und ging bis zum Kriegsausbruch 1939 sechs Jahre in die Schule. Sein Vater starb bereits 1927. Im Winter 1939 musste er mit seiner Mutter und seinen Schwestern ins Ghetto Litzmannstadt in Lodz umsiedeln, 1944 wurden sie ins NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er von seinen Angehörigen getrennt wurde.
Weintraub gelang es, Auschwitz zu entkommen – nach eigenen Worten durch eine spontane Augenblicks-Entscheidung. Er konnte sich unbemerkt von den Wachen einem Transport von Arbeitshäftlingen in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen anschließen und entkam so der Ermordung. Danach wurde er in das Konzentrationslager Flossenbürg und schließlich ins KZ Natzweiler-Struthof gebracht. Die Befreiung erlebte Weintraub kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges durch französische Truppen in der Nähe von Donaueschingen.
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Nach dem Krieg studierte er Medizin in Göttingen, kehrte 1950 nach Polen zurück und arbeitete als Gynäkologe in einer Frauenklinik in Warschau. 1969 verlor er in Folge eines damals zunehmenden Antisemitismus in Polen seine Anstellung als Oberarzt. Daraufhin wanderte er mit seiner Familie nach Schweden aus. Weintraub lebt heute mit seiner Frau Evamaria in Stockholm. 2022 erschien sein Buch „Die Versöhnung mit dem Bösen. Geschichte eines Weiterlebens“.
FMG





