Ein halbes Jahr lang hatten Michail* und seine Familie in Berlin auf ihren Asylbescheid gewartet. Schließlich erfolgte die Absage. Sie waren aus ihrer Heimat im Nordkaukasus erst nach Belarus und dann nach Polen geflohen. Doch Eltern und die Kinder mussten Deutschland wieder verlassen. So erzählt es Michail. Er war selbst noch Jugendlicher. „Ich war damals 15. Sie haben uns nacheinander abgeholt und meine Eltern, mich, meinen kleinen Bruder einzeln nach Polen abgeschoben.“
Für die Familie war es Glück im Unglück, denn die getrennte Abschiebung der zwei Minderjährigen war unzulässig. Das half vor Gericht, um das Blatt der Familie zu wenden. Zudem sei sein Vater krank gewesen und hätte auch deswegen nicht abgeschoben werden dürfen, sagt der heute 23-Jährige. Dass er fast zehn Jahre nach der Flucht noch immer in Berlin lebt und mittlerweile reisen und arbeiten darf, ist alles andere als selbstverständlich. „Russen haben schlechte Chancen“, erklärt er. Jedenfalls dann, wenn sie keine konkrete Verfolgung durch das Regime von Autokrat Wladimir Putin bei den deutschen Behörden belegen können.

Russland: Wer gegen den Krieg ist, dem drohen Repressionen
Russland-Fachleute und auch Mitarbeiter in den Asylbehörden sind sich einig, dass die Repressionen durch das Regime von Präsident Wladimir Putin mit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffs auf die Ukraine auch in Russland stark gewachsen sind. 2021 löste die Regierung die Menschenrechtsorganisation Memorial wegen angeblicher Verstöße gegen das „Agentengesetz“ auf. 2023 stufte der Oberste Gerichtshof in Russland die LGBTIQ+-Bewegung als „extremistisch“ ein.
Protest gegen den Krieg in der Ukraine gibt es in Russland kaum – und wenn doch, dann vor allem aus dem sicheren Exil im Ausland. Wer noch im Land lebt, muss damit rechnen, dass die Armee ihn einzieht. Mehrfach ordnete Putin an, die Truppenstärke zu erhöhen. Dabei setzt er laut Medienberichten stark auf Angehörige von Minderheiten, so wie Menschen aus dem Kaukasus. Zuletzt im Frühherbst befahl Putin per Dekret die Einberufung von 135.000 Männern zum Wehrdienst.

Asyl für Menschen aus Russland: Mehr positive Bescheide nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs
In den vergangenen Jahren sind zahlreiche, vor allem junge Russinnen und Russen aus dem Land geflohen. Gerade zu Kriegsbeginn war die Flucht nach Armenien, Kasachstan, Israel oder nach Georgien für viele möglich. 2022 hatte die damalige Bundesregierung die Hürden für humanitäre Visa für Menschen aus Russland gesenkt und ein freiwilliges Aufnahmeprogramm aufgesetzt. Mehr als 2000 Putin-Gegner nutzten die Chance zur Flucht.
Jetzt berichten Russen, die dem Regime von Putin kritisch gegenüberstehen, dass eine Ausreise schwieriger geworden ist. Für Deutschland und in die EU gilt dies ohnehin, weil auch Polen die EU-Außengrenze nach Belarus stärker abgeriegelt hat. Auch die EU-Kommission verschärft die Visa-Regeln. Der Grund: die Sorge, mit den russischen Flüchtlingen könne auch die Sicherheit Europas gefährdet werden. So wirft die EU-Führung dem Regime in Moskau vor, „Migration als Waffe“ einzusetzen sowie auf Sabotageakte und potenziellen Visamissbrauch zu setzen.
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Putin-Kritiker halten Asylgesuch in Moskau für gefährlich
Nicht nur in Brüssel, auch in Berlin verschärfte die Politik den Kurs. Die aktuelle Bundesregierung leitete die „Migrationswende“ ein. Das bedeutet auch: Humanitäre Aufnahmeprogramme stehen auf der Kippe, sollen eingestellt werden. Das treffe mit wenigen Ausnahmen auch Menschen aus Russland, wie die „Süddeutsche Zeitung“ im Sommer berichtet.
Ohnehin halten viele Putin-Kritiker ein Asylgesuch in einer der Auslandsvertretungen der EU in Moskau für gefährlich. Sie könnten beobachtet werden, so berichteten es Menschen in den vergangenen Jahren unserer Redaktion.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Zahl der positiven Asylentscheide sinkt – vor allem bei Tschetschenen
Und dennoch kommen russische Staatsangehörige weiterhin in Deutschland an. Ihre Chancen auf Asyl sinken jedoch. Demnach ist die Zahl positiver Asylentscheide für russische Staatsbürger nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs im Jahr 2023 zunächst auf 29 Prozent angestiegen. Ab dem Folgejahr sank sie jedoch wieder und lag von Januar bis November 2025 nur noch bei 6,8 Prozent. Mit einem Höchststand im Jahr 2023, gefolgt von sinkenden Zahlen in den Jahren 2024 und 2025, verzeichnet die Anzahl russischer Asylanträge in Deutschland dieselbe Entwicklung. In dem genannten Zeitraum des vergangenen Jahres wurden insgesamt 3640 Verfahren durch russische Staatsbürger beantragt, 2874 davon waren Erstanträge.
Woran liegt es, dass die Asylquoten so niedrig sind? Eines fällt auf: 60 bis 70 Prozent der Antragsteller stammten in den vergangenen Jahren aus Tschetschenien. Die russische Teilrepublik ist geprägt von schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen, brutaler Verfolgung politischer Gegner, Korruption sowie weitgehender Straflosigkeit bei Verbrechen im Auftrag des Kadyrow-Regimes. Angehörige der LGBTQ-Community werden gewaltvoll unterdrückt, gefoltert und teilweise getötet. Von Putin erhält Kadyrow Macht und Beinfreiheit für seine Herrschaft im Kaukasus – im Gegenzug für Loyalität zum Kreml.
Während die Schutzquote von Tschetschenen in Deutschland zwischen 2021 und 2023 noch bei 16 bis 21 Prozent lag, fiel sie in den Folgejahren auf 6,8 bis 3,9 Prozent. So lässt sich sagen: Weil so wenige Tschetschenen Asyl in Deutschland erhalten, sinkt auch die Gesamtschutzquote von Menschen aus Russland deutlich.
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Nachrichtendienste blicken beunruhigt auf Tschetschenen in islamistischer Szene
In einigen Fällen lehnen die deutschen Behörden nach Information unserer Redaktion die Asylanträge ab, weil die Tschetschenen mit einem georgischen Pass nach Georgien abgeschoben werden können. Das Land gilt als sicher. Zugleich fallen den deutschen Sicherheitsbehörden tschetschenische Staatsangehörige immer wieder auch mit schweren Straftaten auf. Einige von ihnen geraten ins Visier der Ermittler in größeren Verfahren der Organisierten Kriminalität. Und: Nachrichtendienste blicken beunruhigt auf einen hohen Anteil von Tschetschenen in der islamistischen Szene, die sich gerade in Berlin und Brandenburg, aber auch in Nordrhein-Westfalen etabliert hat.
Eine Abschiebung nach Tschetschenien ist zugleich rechtlich brisant. Denn unter dem Kadyrow-Regime kann Geflüchteten auch Folter drohen. Die deutlich gesunkenen Schutzquoten sind zugleich Hinweis auf eine rigidere Asylpolitik gegenüber Tschetschenen.

In Russland drohen Oppositionellen und Menschenrechtlern schwerwiegende Repressionen
Russische Volkszugehörige bilden nach den Tschetschenen die zweitgrößte Gruppe unter den russischen Asylsuchenden. Auch bei ihnen stieg die Schutzquote im ersten Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 deutlich an. Hier gewährte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) 50 Prozent der Antragsteller einen Schutzstatus. Im Jahr 2023 lag die Schutzquote bei 44 Prozent und fiel in den Jahren 2024 und 2025 etwa auf das Vorkriegsniveau zurück, das bei 25 Prozent lag.
In der gesamten Russischen Föderation drohen Oppositionellen, Journalisten und Menschenrechtlern schwerwiegende Repressionen. Die Lage der Menschenrechte hat sich nach Einschätzung der Bundesregierung „in der gesamten Breite drastisch verschlechtert“. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung sei in der Praxis eingeschränkt. Kritikern des Ukraine-Kriegs, Wehrpflichtverweigerern und Deserteuren bleibt häufig nur die Flucht ins Ausland.

Unter den männlichen Asylsuchenden im wehrpflichtigen Alter von 18 bis 45 Jahren sank die Schutzquote in den Jahren 2024 und 2025 besonders stark, auf etwa 5,5 Prozent. In der Antwort auf die Anfrage der Linken vermutet die Bundesregierung viele Tschetschenen in dieser Antragsgruppe.
„Wenn deine Feinde Freunde vom Staat sind, hast du keine Chance auf Hilfe“
Ein Exil in Europa war nie das Ziel gewesen, doch schlussendlich habe seine Familie keine Wahl gehabt, sagt Michail. Dabei habe ihm in der Kindheit an nichts gefehlt. Mit dem entsprechenden Geld habe man in dem korrupten System im Norden des Kaukasus, in dem er aufgewachsen sei, gute Chancen. Dann sei sein Vater mit seinen Arbeitskollegen in einen Konflikt geraten. Man habe ihnen Drogen ins Haus gebracht und ihn unter diesem Vorwand zu mehr als zehn Jahren Haft verurteilt. Mehrere Personen haben die untergeschobene Straftat des Vaters vermeintlich bezeugt, sagt der 23-Jährige. „Wenn deine Feinde Freunde vom Staat sind, hast du keine Chance auf Hilfe.“ Überprüfen lassen sich Michails Angaben nicht.
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Um das Strafmaß auf fünf Jahre zu verkürzen, habe die Familie viel Geld bezahlen und alles verkaufen müssen. „Danach hörte es nicht auf“, erzählt Michail. Nachdem sein Vater aus dem Gefängnis entlassen worden war, habe die Familie immer mehr zahlen müssen. Angehörige wurden unter Druck gesetzt. Schließlich sei die Familie in Moskau untergetaucht. Von da flüchteten sie nach Polen. „Auch da waren wir nicht sicher“, sagt Michail. Immer wieder seien sie von den Systemfreunden gefunden und unter Druck gesetzt worden.
Zwar ist die EU für russische Regimegegner nach Einschätzung von Menschenrechtsexperten grundsätzlich sicherer als etwa Länder im Kaukasus. Doch verfolgt die Regierung in Moskau zumindest ihre schärfsten Kritiker mittlerweile stärker auch im Ausland.

Verfahren gehen schneller, auch weil die Ablehnungsquote hoch ist
Im Durchschnitt warten Antragsteller aus Russland aktuell 12,4 Monate auf einen Asylbescheid in Deutschland. Im Fall einer Klage gegen die Entscheidung verlängert sich das Verfahren auf 17,9 Monate. Diese Dauer betrug im Jahr 2022 sogar noch 37,5 Monate und ist seither kontinuierlich zurückgegangen.
„Ich erwarte, dass die Asylbehörde Asylsuchenden aus Russland den Schutz gewährt, den sie dringend brauchen. Dazu müssen die internen Leitsätze gründlich überprüft und an die Realität angepasst werden“, erklärt Linken-Politikerin Clara Bünger, Sprecherin für Innen- und Fluchtpolitik. „Besonders gering sind die Erfolgsaussichten im Asylverfahren für Menschen aus Tschetschenien, obwohl die dortige Menschenrechtslage besonders kritisch ist. Diese Doppelmoral ist schwer zu ertragen.“
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Ende 2025 lebten etwa 286.000 Menschen mit russischer Staatsbürgerschaft in Deutschland. Knapp die Hälfte verfügt über ein unbefristetes Aufenthaltsrecht und 92.000 über einen unbefristeten Aufenthaltstitel. 11.500 russische Staatsangehörige in Deutschland sind formell ausreisepflichtig, wobei 10.700 über eine Duldung verfügen. Letztere haben kein Bleiberecht, können aber nicht abgeschoben werden, etwa weil ihnen Folter in der Heimat droht.
In den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres wurden 111 Menschen nach Russland abgeschoben
Die Zahl der Abschiebungen ist gering. Im Jahr 2022 verzeichneten deutsche Behörden 46 Rückführungen nach Russland. Diese ereigneten sich der Kleinen Anfrage nach sehr wahrscheinlich vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, im Januar und Februar. Im Folgejahr sind sieben Abschiebungen genannt. Danach nahm die Zahl der Rückführungen wieder zu.
Von Januar bis Oktober 2025 wurden 111 Menschen aus Deutschland nach Russland überführt, 51 davon waren Männer im wehrpflichtigen Alter. Mangels Direktflügen weichen die Behörden mit Genehmigung der betreffenden Staaten auf Transitländer aus. Aktuell kommen dafür Serbien und Georgien infrage.

Im Jahr 2024 erfolgte eine Rückführung über Aserbaidschan, 2025 wurden nach Aussage der Bundesregierung offenbar neun russische Staatsbürger über Marokko abgeschoben. In einigen Fällen begleitet das Sicherheitspersonal der eingesetzten Fluggesellschaften die Rückführung über die Drittländer. Eine Abschiebung scheiterte im vergangenen Jahr während des Transitaufenthalts.
Zusätzlich zu den Abschiebungen reisten vorläufigen Daten zufolge 1269 Menschen von Januar bis November 2025 mit dem Förderprogramm von Bund und Ländern freiwillig nach Russland aus.
* Michail heißt eigentlich anders. Sein voller Name ist der Redaktion bekannt.






