Das Internet ist abgeschaltet, das Festnetz funktioniert nur sporadisch und unter Überwachung: Seit Wochen haben die Menschen im Iran kaum noch Möglichkeiten, Kontakt mit ihren Freunden und Verwandten im Land aufzunehmen, geschweige denn ins Ausland zu telefonieren. Nach den Massenprotesten Anfang Januar hat das Mullah-Regime einen Kommunikations-Shutdown verhängt. Was seitdem tröpfchenweise aus dem Land dringt, ist verheerend: Menschenrechtsaktivistinnen berichten von Leichenbergen an Straßenrändern, Erschießungen an der Haustür, von einer Bevölkerung, die völlig verängstigt und auch wütend über die brutale Niederschlagung zu Hause bleibt. „Sie haben Angst, einkaufen zu gehen“, berichtete etwa Aktivistin Mariam Claren dieser Redaktion.

Die Angst der Menschen vor den Milizen, vor ihren mutmaßlichen Erschießungen, ist die eine Seite. Doch was passiert, wenn Demonstranten die Attacken verletzt überleben?
Einen Einblick in die medizinische Versorgung im Iran hat die Essener Ärztin Shabnam Fahimi-Weber. Sie ist Gründungsmitglied von ParsiMed, einer Vereinigung von iranischstämmigen Ärzten, Apothekerinnen und Psychologen in Deutschland und Europa. Seit den Protesten von 2022, als nach dem Tod der Kurdin Jina Mahsa Amini Massenproteste ausbrachen, beraten ParsiMed-Mitglieder Mediziner im Iran, die keine Möglichkeit haben, Verletzte auf offiziellen Wegen zu behandeln. Allein in Deutschland sind 40 Ärzte in dem Netzwerk aktiv, europaweit sind es bereits 400.
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Die Angst vor dem Krankenhaus treibt verletzte Menschen in den Untergrund
Jeder dieser ParsiMed-Ärzte oder -Apotheker hat Beziehungen ins Land, die wiederum vernetzt sind. Über Mittelsmänner- und -frauen können Iraner dann direkten Kontakt mit den Ärzten im Ausland aufnehmen. „Die Menschen haben große Angst, die Ambulanzen in den Krankenhäusern aufzusuchen“, sagt Fahimi-Weber. Weil sie befürchteten, verschleppt, namenlos mitgenommen oder getötet zu werden.
Das Regime hat die eigenen Leute in den Krankenhäusern installiert. Vor allem von den Gerichtsmedizinern geht Gefahr aus.
Dr. Shabnam Fahimi-Weber, Die Essener Ärztin ist Mitgründerin von ParsiMed, einem Netzwerk, das Mediziner im Iran unterstützt.
Während des Gesprächs mit dieser Redaktion bekommt die Essener Ärztin Sprachnachrichten auf ihr Handy. Es geht um einen 14-jährigen Jungen, dem bei einem Protest aus nächster Nähe mit Schrotmunition ins Knie geschossen wurde. „Der Schrot sitzt in den Gelenkspalten im Knie und im Fuß“, zitiert Fahimi-Weber aus der Nachricht, die sie aus Farsi übersetzt. Die Gelenke seien stark entzündet und angeschwollen. Der Junge brauche eine Operation. „Der Schrot muss aus den Gelenken raus.“ Den ganzen Morgen hätten ParsiMed-Ärzte ihre Netzwerke genutzt, um irgendwo einen Arzt ausfindig zu machen, der den Jungen im Untergrund operiert. Dann kommt die erlösende Nachricht: Der 14-Jährige hat eine Chance, in einem Ort vier Stunden von seinem Dorf entfernt hat sich ein Arzt bereit erklärt.

Essener Ärztin: Die Menschen werden mit subtilen Methoden in den Ambulanzen getötet
Ob der Junge nicht doch in einer Ambulanz besser aufgehoben wäre, schließlich seien Ärzte doch verpflichtet zu helfen? „Das Regime hat eigene Leute dort installiert“, sagt Fahimi-Weber. Vor allem den Gerichtsmedizinern, die Todeszeitpunkte und -ursachen dokumentierten, sei nicht zu trauen. Sie seien die medizinischen Handlanger des Systems.
Fahimi-Weber berichtet von subtilen Methoden, mit denen Menschen in den Krankenhäusern getötet würden. „Ärzte werden gezwungen, Kalium zu verabreichen“, sagt sie. Und zwar in einer Dosis, die Tage später zu schweren Nebenwirkungen bis hin zum Herzinfarkt führe. „Die Menschen sterben dann drei Tage, nachdem sie aus der Klinik entlassen wurden.“
Ein anderes Mittel sei hoch dosiertes Paracetamol, kombiniert mit Präparaten, die wie ein Katalysator wirken. Das schädige Leber und Niere bis hin zu inneren Blutungen und zum Tod. „Menschen, die diesen schleichenden Tod sterben, kommen in keiner Statistik vor“, erklärt die Ärztin die Motivation des Mullah-Regimes, mit diesen subtilen Methoden, den Hinrichtungen auf Zeit, die Bevölkerung zu terrorisieren.
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Dass die Milizen der Revolutionsgarden Zufluchtsorte wie Krankenhäuser zur Falle für protestierende Menschen machen, kennt Fahimi-Weber noch aus dem Jahr 2022. „Die Menschen haben einen Krankenwagen gerufen, aber sie sind nie im Krankenhaus angekommen, sondern verschwunden.“ Die Ambulanzen würden genutzt, um überlebende Menschen einzusammeln, ins Gefängnis zu bringen oder sie gleich zu exekutieren. Wer verwundet werde, gerate in die Zwickmühle: Zu Hause drohe der Tod durch Verbluten, in den Kliniken die Hinrichtung, ob sofort oder auf Zeit. Fahimi-Weber: „Die Menschen verenden wie ein verwundetes Tier.“
Unabhängig überprüfen lassen sich ihre Berichte nicht. Allerdings gibt es aus anderen Quellen, die sich ebenfalls auf Augenzeugen berufen, ähnliche Berichte von Verschleppungen aus Krankenhäusern und gezielten Angriffen auf Ambulanzen. Ärzte, die Verletzte behandeln, riskieren demnach nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihr Leben.
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Dann zitiert Fahimi-Weber einen Hilferuf einer pensionierten Ärztin, die angesichts der blutigen Niederschlagung der Proteste in einer Teheraner Ambulanz aushilft: „Die Menschen liegen dicht an dicht auf dem Boden. Für mich als erfahrene Ärztin ist nicht zu ertragen, dass die Toten, die Verbluteten unter ihnen, einfach herausgezogen werden. Es sind so viele, wir müssen so stark priorisieren, alles riecht nach Blut, wir kriegen es nicht sauber.“ Die Milizen seien ständig dabei, sagten: „Weg da, den nehmen wir mit.“ Das sei doppelter Druck, Menschen vor dem Verbluten zu retten und auch vor den Milizen. Fahimi-Weber: „Das hält das medizinische Personal kaum aus.“






