Als Stella Carlson am Samstagmorgen ihr Haus verließ, ahnte sie noch nicht, dass sie wenige Stunden später zu der Frau werden würde, die in Minneapolis (USA) den Tod von Alex Pretti filmt und damit nicht nur zur wichtigsten Zeugin, sondern auch für das wohl wichtigste Beweismittel beim brutalen Vorgehen der ICE-Agenten sorgen würde. Im Interview mit „CNN“ hat sie indessen ausführlich erzählt, wie sie den Mord an Pretti und das Vorgehen der US-Bundesbeamten erlebt hat.

News aus den USA

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Meine schwerste Entscheidung
 

Eigentlich sollte es ein ruhiger, fast schon besinnlicher Morgen werden. In der Kirche wollte Carlson Kindergesichter anmalen, ihren Beitrag leisten zu ein wenig Normalität in der Stadt, in der spätestens seit dem Tod von Renee Good am 7. Januar 2026 nichts mehr normal ist. „Ich weiß, jedes Mal, wenn ich mein Auto oder mein Haus verlasse und mir die Pfeife um den Hals hänge, bin ich mir des Risikos bewusst – dank Renee Good“, sagte Carlson gegenüber „CNN“. „Ich denke, wir alle wussten nach diesem Vorfall, dass es jetzt so weit ist und es jeden von uns treffen könnte.“

Prominente rufen zu Widerstand gegen ICE und Trump-Regierung auf

Katy Perry
US-Sängerin Katy Perry hat die rabiaten Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE auf den Straßen des Landes verurteilt und ihre Landsleute zum Widerstand aufgerufen. Auf Instagram fordert die US-Sängerin in einer Nachricht an ihre mehr als 200 Millionen Follower, Protestschreiben an US-Senatoren zu schicken oder bei ihnen anzurufen, um einen Finanzierungsstopp für ICE zu erwirken. Dazu postete Perry konkrete Handreichungen wie eine Vorlage für Beschwerdeschreiben. Das Ziel: Budgetmittel für die Migrationsbehörde sollen vom US-Parlament blockiert werden. © Gene J. Puskar/AP/dpa | Gene J. Puskar
83rd Golden Globe Awards - Arrivals
Marvel-Star Mark Ruffalo trug bei den Golden Globes einen Button mit der Aufschrift „be good“, in Erinnerung an die durch einen ICE-Beamten erschossene Renee Good aus Minneapolis. Ruffalo äußert sich auf roten Teppichen und in den sozialen Medien immer wieder zu den Einsätzen der Einwanderungsbehörde.© AFP | MICHAEL TRAN
96th Oscars, Academy Awards
Sängerin Billie Eilish positioniert sich über ihre Posts, zum Beispiel bei Instagram, kritisch zu verschiedenen Themen. Darunter ist auch Trumps Politik. Die von Eilish geteilten Videos zeigen verängstigte Menschen, darunter Kinder, die um ihre Zukunft und Sicherheit fürchten. © picture alliance / Photoshot | picture alliance / Photoshot
Pedro Pascal
Schauspieler Pedro Pascal hatte zuletzt zum Streik aufgerufen. Er bezeichnete die US-Regierung und ICE als Lügner.© Annette Riedl/dpa | Annette Riedl
Queer Eye
„Queer Eye“-Star Jonathan Van Ness (2.v.r.) teilte in den sozialen Medien ebenfalls kritische Beiträge zur aktuellen US-Politik. © Netflix
Amtseinführung von Zohran Mamdani
Cynthia Nixon, vor allem bekannt aus der Serie „Sex and the City“, warf der US-Verteidigungsministerin Kristi Noem nach der Erschießung von Alex Pretti in einem Instagram-Post vor, Lügen über den Toten zu verbreiten. Sie verlas zudem eine Stellungnahme der Eltern des ermordeten Pretti. Die Tötung Prettis nannte sie eine „kaltblütige Hinrichtung“.© ddp/INSTAR
Autor Stephen King fand auf der Online-Plattform X vier eindeutige Worte: „Alex Pretti wurde ermordet.“
Autor Stephen King fand auf der Online-Plattform X vier eindeutige Worte: „Alex Pretti wurde ermordet.“© Chris Pizzello/Invision/AP/dpa
2026 Sundance Film Festival - "The Invite" Premiere
Auf dem Sundance Film Festival nannte Schauspieler Edward Norton, hier mit Shauna Robertson, die ICE-Beamten die „Gestapo“. Genau sagte er: „Heutzutage lautet die Frage: Was tun wir gegen die massenhaften Erschießungen amerikanischer Bürger durch die Gestapo?“© Getty Images | Dia Dipasupil
83rd Annual Golden Globe Awards - Red Carpet Arrivals
„Wo zur Hölle ist unser Supreme Court?“, schrieb Schauspielerin Amanda Seyfried unter einem Post in den sozialen Medien. Seyfried teilte in der Vergangenheit mehrere Beiträge, die das Wüten der ICE-Agenten in der Bevölkerung anprangerte. © IMAGO/Cover-Images | IMAGO
Jamie Lee Curtis
Schauspielerin Jamie Lee Curtis beteiligt sich ebenfalls mit zahlreichen Reposts an der Debatte um die Lage in den USA. Darunter ein Video, wie Menschen gegen die abscheulichen der Taten von ICE im verschneiten Chicago auf die Straße gehen. © DPA Images | Richard Shotwell
Musiker Macklemore teilte Videos von den Protesten in Minnesota, wo kürzlich zwei Menschen durch ICE-Agenten erschossen wurden.
Musiker Macklemore teilte Videos von den Protesten in Minnesota, wo kürzlich zwei Menschen durch ICE-Agenten erschossen wurden. © Nadja Schütze | Nadja Schütze

Zeugin sieht in Minneapolis, wie Alex Pretti kurz vor seinem Tod den Verkehr regelt

Als sie an diesem Samstag auf dem Weg zur Kirche war, hörte sie in ihrem Auto schon von Weitem Pfiffe. Carlson wusste sofort, dass das heißt, die US-Einwanderungsbehörde sorgt wieder für Unruhen in ihrer Stadt. Als sie die Nicollet Avenue, jene Straße, an der Pretti kurze Zeit später getötet wurde, entlangfuhr, sah sie zunächst eine Schlägerei. Und den 37-jährigen Pretti, der ihren Angaben nach den Verkehr regelte.

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Carlson stieg aus ihrem Auto und begann, ein Video aufzunehmen. Sie filmte Pretti dabei, wie er einer Frau half, die von ICE-Agenten zu Boden gestoßen wurde. Dann ging alles rasend schnell. Carlsons Video, das mittlerweile von mehreren US-Medien verifiziert wurde, widerlegt zahlreiche Angaben der US-Bundesbehörden. Es zeigt, dass Pretti, entgegen der Behauptung von Heimatschutzministerin Kristi Noem, seine Waffe nie gezogen hatte. Es zeigt, dass sich Pretti den ICE-Beamten nicht absichtlich näherte oder drohte, sie zu ermorden. Das behauptete unter anderem Trump-Berater Stephen Miller, der inzwischen aber zurückgerudert ist und von einem „möglichen Fehlverhalten“ der Bundesbeamten spricht.

Das Video zeigt auch, dass ein ICE-Agent Pretti dessen Waffe abnahm, bevor er zu Boden gedrückt und schließlich erschossen wurde. .„Ich erinnere mich, wie er den Rücken durchbog und den Kopf nach hinten warf“, sagte Carlson gegenüber „CNN“. Sie selbst ahnte sofort, dass er nicht überleben würde. „Ich wusste, dass er tot war, weil ich es mit angesehen hatte“, sagte sie. „Und dann kamen sie herüber, um irgendeine Art von medizinischer Hilfe zu leisten, indem sie seine Kleidung mit einer Schere aufrissen und seinen Körper wie eine Stoffpuppe herummanövrierten, nur um dann festzustellen, dass sie vielleicht die Einschusslöcher zählen wollten, um zu sehen, wie viele es waren, als wäre er ein Reh.“

Mutige Zeugin sorgt für das wichtigste Beweismittel in Minneapolis

Weil Carlson weiter filmte und dabei großen Mut bewies, gibt es nun mindestens ein Beweismittel, gegen das selbst Donald Trump mit seinen Aussagen kaum ankommt. „Ohne die gemeinsamen Aktionen der letzten drei Wochen weiß ich nicht, ob ich so lange durchgehalten hätte“, sagte Carlson in dem Interview. „Aber ich wusste, dass dies ein entscheidender Moment war, und wir alle müssen mutig sein und Risiken eingehen. Wir alle werden Momente bekommen, in denen wir diese Entscheidung treffen müssen.“

Carlson wurde nach eigenen Angaben noch immer nicht von US-Bundesbehörden als Zeugin vernommen (Stand: Dienstag). Kurz nach der Schießerei schilderte sie in einer eidesstattlichen Erklärung ihre Beobachtungen.