Die blutige Belagerung Sarajevos von 1992 bis 1996 war die längste im 20. Jahrhundert. Nun stellt sich heraus: Neben bosnisch-serbischen Soldaten schossen wohl auch reiche Westeuropäer gezielt auf Zivilisten – gegen Bezahlung. Im Fall ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft Mailand (Italien) gegen einen 80-jährigen ehemaligen Lkw-Fahrer aus der norditalienischen Provinz Pordenone.

Ihm wird vorsätzlicher Mord, erschwert durch Grausamkeit und Niedertracht, vorgeworfen. Die Mailänder Staatsanwaltschaft beschuldigt den Mann, wehrlose Zivilisten, darunter Frauen, ältere Menschen und Kinder, „durch Schüsse aus Scharfschützengewehren von den Hügeln rund um die Stadt Sarajevo zwischen 1992 und 1995“ ermordet zu haben.

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Auf Grundlage der Aussagen von Zeugen konnten die Ermittler und Staatsanwälte den 80-Jährigen identifizieren. Dieser hatte öfter damit geprahlt, dass er an Menschen-Safaris in Sarajevo teilgenommen hatte. Der ehemalige Lkw-Fahrer erhielt am Mittwoch eine Vorladung und wurde zudem durchsucht, wie aus der Mailänder Staatsanwaltschaft verlautete. Bei der Durchsuchung seines Hauses fanden die Carabinieri sieben legal besessene Waffen: zwei Pistolen, ein Gewehr und vier Langwaffen. Das Verhör des Mannes ist für kommenden Montag angesetzt.

In Italien findet die Affäre rund um die sogenannten „Menschen-Safaris“ im belagerten Sarajevo seit Wochen ein großes Medienecho. Nach einer Anzeige des italienischen Schriftstellers Ezio Gavazzeni hatte die Mailänder Staatsanwaltschaft Ende November Ermittlungen aufgenommen. Gavazzeni behauptet, Dutzende oder Hunderte wohlhabende Bürger aus dem Westen, vor allem aus Italien, hätten damals gegen Zahlung hoher Summen Kurztrips nach Sarajevo unternommen, um dort regelrecht Jagd auf Kinder, Frauen und Männer auf den Straßen zu machen. Er behauptet zudem, einige Namen der mutmaßlichen italienischen Beteiligten zu kennen. Viele Reisen nach Sarajevo seien von Triest aus gestartet.

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Die Scharfschützen reisten angeblich mit einer „serbischen Fluggesellschaft“ und wurden in Belgrad von Personen empfangen, die sie per Hubschrauber zum Einsatzort brachten. Umgerechnet 80.000 bis 100.000 Euro soll ein solcher „Jagdausflug“ gekostet haben, schätzen italienische Ermittler. Auf Kinder zu schießen, sei noch teurer gewesen. Für die „Menschen-Safaris“ soll es sowohl legale als auch illegale Geldflüsse gegeben haben – Dokumentationen über diese Transaktionen dürften bei den italienischen Geheimdiensten vorliegen, berichtete Gavazzeni.

Nach dem Eklat um die Aufnahme der Ermittlungen in Italien hat der Stadtrat von Sarajevo vergangene Woche beschlossen, sich dem Strafverfahren in Mailand anzuschließen. Die Ermittlungen weiten sich auch im Rahmen einer internationalen Zusammenarbeit aus. An den Ermittlungen sind die bosnischen Behörden beteiligt, zudem sind auch Frankreich, die Schweiz und Belgien eingebunden. Parallel dazu arbeitet die Mailänder Staatsanwaltschaft daran, weitere mutmaßliche „Wochenend-Scharfschützen“ zu identifizieren. So wird derzeit insbesondere ein weiterer Name überprüft, verlautete es aus Justizkreisen.

Auch serbischer Präsident des „Sniper-Tourismus“ verdächtigt

Die Ermittlungen betreffen inzwischen auch Serbiens heutigen Präsidenten Aleksandar Vučić. Er kämpfte nämlich 1992 und 1993 als Kriegsfreiwilliger in Sarajevo und war Mitglied einer berüchtigten kriminellen Freiwilligen- und Paramilitärtruppe der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei (SRS) des rechtsextremen Führers Vojislav Šešelj. Vučić habe bei der Jagd auf Menschen in Sarajevo mitgemacht und vom jüdischen Friedhof aus auf die Stadt geschossen, so der Vorwurf des kroatischen Investigativjournalisten Domagoj Margetić, der zahlreiche Zeugenaussagen gesammelt und bei der Staatsanwaltschaft in Mailand eingereicht hat.

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Die Geschichte der Menschen-Safaris in Sarajevo tauchte in den Jahren nach dem Krieg immer wieder auf. Bisher gab es jedoch keinerlei Beweise dafür, dass ausländische Scharfschützen tatsächlich dafür bezahlten, um auf Menschen zu schießen. Sicher ist, dass Hunderte Ausländer an dem Krieg in Bosnien und Herzegowina als Söldner teilnahmen. Rechtsextreme – zum Teil aus Deutschland und Österreich – schlossen sich etwa kroatischen Milizen an.

Die Belagerung von Sarajevo ist eine der blutigsten Episoden des Krieges in Bosnien-Herzegowina, der zwischen 1992 und 1996 tobte. Er kostete rund 13.000 Menschen das Leben. Die bosnische Hauptstadt Sarajevo war von serbischen Truppen eingekesselt. Über 300.000 Menschen waren täglich dem Hagel aus Artilleriegranaten, Angriffen der Infanterie und dem Feuer serbischer Scharfschützen auf den Hügeln rund um die Stadt ausgesetzt. Über 13.000 Menschen wurden in Sarajevo getötet, darunter 1.600 Kinder.