Eishockey ist ein knallharter Sport, es geht ordentlich zur Sache. Vor allem die Männer in Russland lieben die Spiele auf dem Eis. Auch Wladimir Putin wurde schon im Eishockey-Trikot gesehen, zusammen mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko 2014 bei einem Showturnier im russischen Sotschi. Beide sind Eishockey-Fans.

Genauso ein harter Mann ist der Russe Ilya. Auf dem Feld liefert er sich packende Fights mit dem Kanadier Shane. Ilya gibt sich forsch und arrogant. Er trinkt Bier, raucht und findet Shane immer wieder „langweilig“. Denn der ist eher schüchtern und nachdenklich. So weit ist die Story erwartbar.

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Doch die beiden kommen sich näher, unter der Dusche und im Bett. Eine schwule Liebesgeschichte entwickelt sich. Homosexualität im Männersport? Ein Tabubruch, vor allem auch in Russland. Doch ausgerechnet hier ist die „Heated Rivalry“ zur Kultserie geworden. Die Eigenproduktion eines kleinen kanadischen Streaming-Dienstes ist längst schon an der Spitze der Charts in den USA, die vorher eher unbekannten Hauptdarsteller Hudson Williams und Connor Storrie wurden innerhalb weniger Monate zu Weltstars.

In Putins Russland lässt sich die Serie nicht legal schauen

Nun also „erhitzte Rivalität“ auch in Russland. In Filmen wird schwule Sexualität oftmals entschärft, für den Mainstream verdaulich gemacht. „Heated Rivalry“ ist anders, zeigt Sexualität explizit in softpornografischen Szenen. Legal schauen kann man die Serie in Russland nicht. Doch findigen Menschen mit VPN auf dem Smartphone gelingt es trotzdem. Auf einigen Videoportalen sind die Folgen zu finden. Und das Publikum ist begeistert.

HBO Max startet Streaming-Serie "Heated Rivalry"
Die beiden Eishockey-Rivalen Ilya (Connor Storrie) und Shane (Hudson Williams) kommen sich in der HBO-Max-Serie „Heated Rivalry“ näher. Die Streaming-Serie ist Kult in Russland.© Sabrina Lantos/HBO Max/dpa | Sabrina Lantos

In sozialen Netzwerken und auf Kino-Online-Portalen gibt es viele Reaktionen von Russinnen und Russen, die eine reine Eishockey-Serie erwartet haben – und dann sehen, wie das Eis schmilzt. Vor allem Frauen sind begeistert. Eine schreibt, sie sei wie „hypnotisiert“ von der Chemie zwischen den beiden Jungs. Eine andere meint, das Thema „Verbotene Liebe“ sei zwar nicht neu, aber hier besonders romantisch inszeniert. Kommentatoren sehen in der Beliebtheit der Serie einen Beweis, dass Verbote und die von Kremlchef Putin gepflegte Politik der Bevormundung der Bürger mitunter ins Leere laufen. Der russische Journalist Renat Dawletgildejew erklärt sogar, dass wohl niemand in Russland über die Serie reden würde, wenn es nicht den „super sexy“ Ilya gebe.

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Viele Schwule und Lesben sind inzwischen aus Russland ins Ausland geflohen

Begeisterung für schwule Liebe in einem Land, das Jagd macht auf alles, was „nicht traditionell“ ist. In dem „Propaganda“ für LGBT+ unter Strafe steht. Das erstaunt. Denn die russische Gesellschaft ist mehrheitlich homophob. Homosexualität galt in Russland bis 1993 als Verbrechen. Laut der russischen Verfassung gibt es die Ehe nur zwischen Mann und Frau, Beziehungen von Homosexuellen können nicht legalisiert werden. Viele Schwule und Lesben sind inzwischen ins Ausland geflohen. Aus Angst vor Übergriffen durch den Staat oder einfach nur durch die Nachbarn.

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Im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Italien sorgte die Serie für eine breite Debatte über Homosexualität im Spitzensport. Kanadas Premierminister Mark Carney posierte auf einer Gala in Ottawa mit dem kanadischen Hauptdarsteller Williams und lobte die Serie, gerade in dieser „gefährlichen, gespaltenen und intoleranten Welt“. New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani empfahl den Menschen während des Schneesturms kürzlich, zu Hause zu bleiben und sich die Buchvorlage auszuleihen. Auch in den Kabinen der echten Eishockey-Profis gibt es Diskussionen. Ein früherer US-Eishockeyspieler sprach öffentlich über seine Sexualität: „Ich kenne viele ungeoutete schwule Männer in der Hockeywelt, die vom Erfolg von ‚Heated Rivalry‘ schwer berührt sind“, sagte Jesse Kortuem dem Magazin „Out“. „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas Positives und Liebenswertes aus so einem maskulinen Sport erwachsen könnte.“

Russlands Sittenwächter schlagen zu

Hingegen schlagen in Russland die Sittenwächter zu. Die ultranationalistische Bewegung „Sorok Sorokow“ fordert die Generalstaatsanwaltschaft und die für Zensur im Internet zuständige Behörde Roskomnadsor auf, „Heated Rivalry“ in Russland zu verbieten. Der Anführer der Organisation, Georgi Soldatow, ein Aktivist der russisch-orthodoxen Kirche, warnt vor „offener Propaganda“ von Homosexualität. Derartige Propaganda sei der Grund für die demografischen Probleme im Land. „Schon jetzt übersteigen die Sterbezahlen die Geburtenzahlen, und wir erlauben noch, dass unsere Jugend solcher Propaganda widernatürlicher Perversion ausgesetzt ist“, schimpft Soldatow. Soziologen wissen es besser. Viele Menschen in Russland verzichten auf Kinder, weil sie weder eine Perspektive in ihrem Land sehen noch Soldaten für Putins Krieg erziehen wollen.

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Viele Russinnen und Russen freuen sich schon auf die zweite Serienstaffel. Das ist die eine Seite. Die andere: Immer wieder stehen Menschen wegen „LGBT-Propaganda“ vor Gericht. So auch ein junger Moskauer, der Bilder verbreitet hatte. Laut Anklage unter anderem Fotos von „Männern in Frauenkleidung“. Eine Geldstrafe von umgerechnet rund 100 Euro war die Quittung. Auch eine Armee-Flagge der Ukraine fand sich auf seinem Account. Dafür gab es laut der Zeitung „Nowaja Gaseta Europe“ zehn Tage Arrest. Das beanstandete Foto übrigens stammt aus einem Musikvideo der Band Queen. Es zeigt die Musiker um Freddie Mercury: „I Want to Break Free“.