Ukraine-Krieg, Grönland-Krise, der dramatische Kurswechsel der USA: Gut sechs von zehn Bürgern in Deutschland quält angesichts der globalen Ereignisse ein Gefühl der Hilflosigkeit – ähnlich der Befund in den USA, noch stärker die Verunsicherung etwa in Italien oder Japan. Die brisanten Umfrageergebnisse sind Teil eines großen Reports, der im Vorfeld der Münchner Sicherheitskonferenz (MSK) am kommenden Wochenende von der Organisation vorgelegt wurde. Die Stimmung passt zu dem Treffen, an dem auch Regierungsvertreter aus 120 Staaten teilnehmen, darunter 65 Staats- und Regierungschefs: Der MSK-Vorsitzende Wolfgang Ischinger spricht von einer „Unsicherheit so groß wie nie“.

Derzeit werde das Gebäude der internationalen Ordnung „sozusagen mit der Abrissbirne bearbeitet“, sagt Ischinger. Der Sicherheitsreport steht deshalb unter dem vielsagenden Titel „Unter Zerstörung“. Kernbefund: Die auf Werten und Regeln gebaute internationale Ordnung wird von „Abriss-Männern“ wie US-Präsident Donald Trump absichtlich zerstört. Die Sicherheitskonferenz sendet ein Alarmsignal an Europa, das endlich handeln müsse – mit einem Verteidigungspakt und eigener atomarer Abschreckung, wie Ischinger besorgt fordert.

U.S. President Trump And Russian President Putin Meet On War In Ukraine At U.S. Air Base In Alaska
US-Präsident Donald Trump (rechts) und der russische Präsident Wladimir Putin bei ihrem letzten Treffen im August 2025 in Alaska. © Getty Images via AFP | Andrew Harnik

Donald Trump macht USA zum Vorreiter: „Politik der Abrissbirne“

Weltweit auf dem Vormarsch ist eine „Politik der Abrissbirne“, so der Report. Ihr mächtigster Vertreter sei Trump, der die Axt an Regeln und Institutionen lege. Die USA seien unter Trumps Regierung zu dem Schluss gekommen, „dass diese Ordnung nicht mehr in ihrem Interesse liegt“, sagt MSK-Forschungsdirektor Tobias Bunde, Ko-Autor des Berichts. Die Befürchtung: Es werde eine neue Ordnung geformt, in der sich die USA, China und Russland die Welt aufteilten und als regionale Hegemonialmächte die Regeln in ihrer Einflusszone bestimmten.

Im Gegensatz zur harschen Rhetorik scheine die US-Regierung zu akzeptieren, dass die neue Ordnung anderen Mächten das Recht auf Dominanz in ihren Regionen zugestehe. Spannend: Auf der Sicherheitskonferenz redet auch US-Außenminister Marco Rubio, er dürfte diese Analyse kommentieren. Mit Rubio reist eine große US-Delegation an, darunter auch wichtige Trump-Gegner wie die Gouverneure  Gavin Newsom (Kalifornien) und Gretchen Whitmer (Michigan).

Gefährliche Enttäuschung im Westen: Demokratien unter Druck

In vielen Gesellschaften des Westens setzen politische Kräfte auf Zerstörung als Ersatz für sorgfältige Reformen und politische Korrekturen, warnt der MSK-Report. Die Agenda der Disruption beruhe auf „weit verbreiteter Enttäuschung über die Leistung demokratischer Institutionen und einen allgegenwärtigen Vertrauensverlust in sinnvolle Reformen und politische Kurskorrekturen.“

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Die MSK-Umfrage zeigt, dass in den führenden westlichen Industrieländern nur eine „sehr kleine Minderheit“ der Meinung ist, dass die Politik ihrer jeweiligen Regierung das Leben künftiger Generationen verbessern wird – in Deutschland rechnet jeder Zweite mit einer Verschlechterung, nur 13 Prozent mit einer Verbesserung. Rund um die Welt habe eine wachsende Zahl politischer Führer Erfolg mit dem Versprechen, existierende Institutionen niederzureißen. „Der Aufstieg der Abriss-Männer dürfte einer der folgenreichsten Trends des 21. Jahrhunderts sein“, heißt es im Report. Die Regierungen der liberalen Demokratien müssten beweisen, dass positive Veränderungen auch ohne Zerstörung möglich seien.

Wird die Ukraine erstes Opfer einer neuen Ordnung?

Die Ukraine könnte das erste Opfer dieser neuen Ordnung sein. Der MSK-Bericht warnt, dass Trump und Putin für einen erzwungenen Frieden das Gebiet der Ukraine, Sicherheitsgarantien und Rohstoffe zur bloßen Verhandlungsmasse machen könnten. Die jüngste Ankündigung der USA, dass ein Frieden bis zum Sommer erreicht werden müsse, macht diesen Ausgang noch wahrscheinlicher. Ischinger warnt, dass mit einem schlecht ausgehandelten Waffenstillstand Frieden in Europa nicht gesichert wäre.  

Der Krieg in der Ukraine geht unvermindert weiter: Mit einem Raketenwerfer feuert eine ukrainische Einheit nahe Druzhkivka in der Donetsk-Region auf russische Stellungen.
Der Krieg in der Ukraine geht unvermindert weiter: Mit einem Raketenwerfer feuert eine ukrainische Einheit nahe Druzhkivka in der Donetsk-Region auf russische Stellungen. © AFP | Iryna Rybakova

Dringende Mahnung: Europa muss jetzt handeln

Die Ära, in der sich Europa auf die USA als Sicherheitsgarant verlassen konnten, ist vorbei, so die klare MSK-Diagnose. Ischinger sagt, es müsse dringend gehandelt werden: „Die immer gefährlichere Bedrohungslage Europas erfordert historische Entscheidungen jetzt.“ Der frühere Spitzendiplomat mahnt nicht nur eine enge Kooperation europäischer Staaten bei der Verteidigung an, sondern auch eine eigene atomare Abschreckung in Europa – noch in diesem Jahr müsse mit den Atommächten Großbritannien und Frankreich geklärt werden, wie sie den Schutz durch nukleare Abschreckung auf europäische Partner ausweiten können.

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Wenn die EU in ihrer Außen- und Verteidigungspolitik nicht endlich den Zwang zu einstimmigen Beschlüssen der 27 Mitgliedstaaten abschaffe, müsse eine Pioniergruppe vorangehen, meint Ischinger. Neben Deutschland, Frankreich und Polen könnten Balten, Finnen und Schweden dazugehören, vielleicht auch die Beneluxstaaten und Italien. Der Report macht Hoffnung: Wie sich das internationale System verändert, hängt von der Reaktion anderer Staaten ab, die an der regelbasierten Ordnung festhalten. Weltweit hätten viele Staaten begonnen, sich gegen die zerstörerischen Aktionen Trumps zu wehren.

Russland: Ausweitung hybrider Angriffe macht Sorgen

Russlands andauernde Aggression stellt weiter die größte Bedrohung für die europäische Sicherheit dar, betont der Bericht. Der Ukraine-Krieg habe einen neuen Höhepunkt an Brutalität und Gewalt erreicht: Russland habe an Teilen der Front die taktische Initiative zurückgewonnen und befinde sich weiterhin im vollen Kriegswirtschaftsmodus. Moskaus Propagandamaschine stelle den Krieg als Kampf der Zivilisationen zwischen Russland und dem Westen dar: „Das anhaltende nukleare Säbelrasseln ist nur der dreisteste Hinweis darauf, dass die militärische Bedrohung weit über die Ukraine hinausreicht.“

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So schätzen einige Geheimdienste, dass Russland seine Streitkräfte innerhalb von zwei Jahren nach Ende des Ukraine-Kriegs für einen „regionalen Krieg“ im Ostseeraum erneuert habe. Die ersten Anzeichen sind demnach bereits sichtbar: Moskau habe seine hybride Kriegsführung in ganz Europa weiter intensiviert, die Fälle von Sabotage, Vandalismus, Cyberangriffen und Brandstiftung nähmen zu. Rund 80 hybride Angriffe Russlands in Europa wurden demnach allein von September bis November 2025 gezählt. Fazit des Berichts: „Europa steht vor der Herausforderung, weitere Provokationen proaktiv zu verhindern und gleichzeitig eine unbeabsichtigte Eskalation zu vermeiden.“

China: Energisches Streben nach Dominanz in Ostasien

„Die Ära der US-Hegemonie im Indopazifik ist vorbei“, so die knappe Analyse des Reports.  „Ein immer mächtigeres China strebe energisch nach Dominanz, mit Provokationen und Zwang, was die regionale Stabilität bedroht.“ Betroffen ist vor allem Taiwan: Die Zahl der Fälle, bei denen chinesische Kampfjets den Luftraum Taiwans in provokativer Absicht verletzen, stieg 2025 auf ein Rekordniveau – im Durchschnitt gab es mehr als zehn Vorfälle am Tag. In Ostasien seien die Zweifel amerikanischer Verbündeter mit Blick auf die US-Sicherheitsgarantien gewachsen. Das Problem: Den betroffenen Staaten – voran Japan und Südkorea - fehlten Organisationen wie die Nato.