Witze auf Kosten von Berlin gehen immer im Süden der Republik. Manuel Hagel macht einen. Bei einer Wahlkampfveranstaltung des CDU-Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg diese Woche im Weinort Großbottwar (Kreis Ludwigsburg) trifft Innenminister Alexander Dobrindt wegen eines Schneetreibens in der Hauptstadt per Flugzeug mit Verspätung ein. Hagel nutzt die Chance. Er erinnert an die Eistage mit spiegelglatten „Trottoirs“ in Berlin, wo Anwohner eigentlich zum Streuen verpflichtet seien: Statt im Länderfinanzausgleich Geld zu überweisen, „könnten wir nach Berlin auch unsere Kehrwoche exportieren“, ruft er in die volle Harzberghalle in Großbottwar zum Vergnügen des Publikums.

Manuel Hagel, 37, gelernter Bankkaufmann, will bei der Landtagswahl am 8. März Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) ablösen, nach 15 Jahren im Amt tritt der nicht mehr an. Am Freitag wird Hagel als Gastgeber eine der ersten Reden beim CDU-Parteitag in der Stuttgarter Messe halten. Dass er da sein Berlin-Bashing vor der Bundesprominenz wiederholt, ist nicht zu erwarten. Vor heimischem Publikum aber geht es immer.

„Baden-Württemberg first“?

Auch beim Politischen Aschermittwoch mit Bier und Maultaschen in der Alten Kelter von Fellbach arbeitet sich Hagel an der Hauptstadt ab: Baden-Württemberg habe seit 1952 rund 95 Milliarden Euro in den Länderfinanzausgleich gezahlt, letztes Jahr waren es fünf Milliarden gewesen. „Während in Berlin die Kitas nichts kosten, werden bei uns Gebühren verlangt. Wir sind solidarisch. Aber jetzt brauchen wir unser Geld für uns selbst – für Investitionen und Reformen“, sagt Hagel. Das klingt nach „Baden-Württemberg first“, hat aber seinen wahren Kern. Hagel erinnert an das „Bröckeln der industriellen Basis im Land“, den drohenden Abstieg von Baden-Württemberg zum „Detroit Europas“ wegen des massiven Stellenabbaus bei Daimler, Porsche, Bosch und der Zulieferindustrie.

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Wirtschaft, Bildung, Sicherheit – das sind Hagels Wahlkampfthemen. Ein Handicap ist seine mangelnde Bekanntheit im Vergleich zu Kretschmann und seinem grünen Herausforderer Cem Özdemir. Vor zwei Jahren war Hagel erst zum CDU-Landesvorsitzenden gewählt worden. Die CDU liegt in den Prognosen zwar vor den Grünen. In einer Umfrage von Infratest-Dimap im Januar gaben aber 59 Prozent der Befragten an, dass für sie Hagel „kein Begriff“ sei. Mangelnde Bekanntheit sei nicht mangelnde Beliebtheit, meint der Kandidat. Es sei kein Wunder, dass ein seit 15 Jahren amtierender Ministerpräsident Kretschmann und ein „seit 30 Jahren aktiver Berufspolitiker“ wie Özdemir bekannter seien als er – zu beiden habe er übrigens ein gutes Verhältnis. Grüne und Schwarze sind in Stuttgart ja in einer Koalition verbunden.

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Aber die Aufholjagd hat begonnen. Das Team von Hagel hat schon 65.000 Mal im Haustürwahlkampf angeläutet, die Person Hagel wird bekannt gemacht. Vor allem mit seiner Heimatliebe und seiner Bodenständigkeit macht der im katholischen Ehingen in Oberschwaben geborene Hagel auf sich aufmerksam. Sein Vater war Polizist, seine Mutter Arzthelferin. In der 28.000-Einwohner-Stadt Ehingen ist er verwurzelt, hier war er Sparkassen-Direktor, hier ist er Mitglied im Sportverein, bei der Bürgerwache und der Narrenzunft „Spritzenmuck“, und hier ist er Jäger. In jeder seiner Reden ist von den „kargen und steinigen Böden des einst armen Agrarlandes“ Baden-Württemberg die Rede. Mit Fleiß, Anstrengung und Tüftlergeist habe sich das Ländle davon befreit, die Transformation geschafft und sei zum führenden Hightech-Standort geworden. Diesen Wandel zur Zukunftsfähigkeit will Hagel wiederholen, sollte er Ministerpräsident werden.

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Hagel pendelt zwischen Tradition und Moderne

Einige Beobachter erinnert seine Sprachwahl an die 60er-Jahre. „Wir sind das Land der Fleißigen“, ruft er in die Säle, man sei „schaffig“. Häufig erinnert er daran, dass er Vater von drei kleinen  Buben sei, denen er Gute-Nacht-Geschichten vorlese. Statt von Eltern zu sprechen, benutzt er gerne den Begriff „die Papas und Mamas“. Und über die Landwirtschaft sagt er, man könne „stolz sein auf unsere Bauernfamilien“. Zwischen altbackenem Slang und Moderne pendelt der im Outfit stets bestens auftretende Hagel, beschwört beispielsweise auch den neuen „Mindset“, den das Land brauche.

Und Dobrindt bestärkt er in seinem harten Kurs bei der Migrationswende: „Du kriegst da von uns jeden Support.“ Seine Faszination für den Konservativismus belegen Treffen mit dem österreichischen ÖVP-Politiker Sebastian Kurz und mit dem ungarischen Außenminister Péter Szijjártó. Die katholische „Tagespost“ aus Würzburg hat Hagel zu Glauben und Lebensschutz interviewt und ihn danach als profilierten Kopf des „werteorientierten, bürgerlich-konservativen Flügels“ der Union bezeichnet.

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Manchmal zeigt Hagel Kante, wettert gegen „grüne Sabotage am Industriestandort Deutschland“ und fordert von Migrantenkindern „erst deutsche Sprache, dann erste Klasse“. Dann aber tickt der Christdemokrat wieder etwas links. Er hat sich im Rentenstreit auf die Seite der Jungen Union gestellt. Und bei der Unionsdebatte über Lifestyle-Teilzeit warnte er vor „Arbeitnehmerbeschimpfungen“. Sollte Hagel Ministerpräsident werden, hat er sich eins vorgenommen: „Das Erste, was ich tun werde, ist, Winfried Kretschmann zum Frühstück einzuladen und ihn zu fragen: Was rätst du mir?“ Mit Winfried ist der „Manu“ schon lange per Du, mit Cem Özdemir noch per Sie.