Friedrich Merz kommt nicht weit. „Liebe Angela“, sagt er oben auf der Bühne, da bricht unten im Saal tosender Applaus aus. Merkel lächelt ihr feines Merkel-Lächeln. Der Applaus will gar nicht mehr enden. Merz muss mehrmals ansetzen, bis ihm endlich wieder jemand zuhört. Merkel ist wieder da, zum ersten Mal seit Jahren, und die CDU feiert ihre Rückkehr.

Minuten zuvor spielt sich in der Parteitagshalle in Stuttgart eine kleine Szene ab, in der viel Symbolkraft steckt: Um 10.25 Uhr kommt Merkel herein, steuert in die erste Reihe, direkt vor dem Rednerpult. Charlotte Merz ist schon da. Die beiden Frauen sehen sich eine Sekunde lang an, dann wendet sich Merz‘ Ehefrau ab und geht wortlos zu ihrem Platz. Merkel begrüßt ihre Sitznachbarn in der Reihe, am Ende steht sie wieder bei Charlotte Merz, erst jetzt geben sie sich die Hand. Kurz darauf kommt Merz vorbei. Er begrüßt Merkel kurz und knapp, erst scheint es, als wär’s das. Ein kühles Händeschütteln, mehr nicht. Doch dann reißen sich die beiden zusammen, wechseln ein paar Worte, lächeln sich kurz an, signalisieren: Kriegsbeil begraben, bis auf Weiteres.

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Merz und Merkel: Was will die Altkanzlerin beim Parteitag?

Doch wie lange? Die Merkelianer werden den fulminanten Applaus auf dem Parteitag nicht vergessen, die Merz-Leute auch nicht. Als vor wenigen Tagen bekannt wurde, dass Merkel zum ersten Mal seit ihrem Ende als Kanzlerin wieder dabei sein werde, zog dagegen erst mal die gesamte Partei die Augenbrauen hoch: Aha? Doch die Überraschung dauerte nur Sekunden, dann sprang die Deutungsmaschine an: Was will sie beim Parteitag? Was bezweckt jemand, der sich lange rar gemacht hat, wenn er sich auf einmal wieder blicken lässt? Was führt sie im Schilde – und führt sie überhaupt etwas im Schilde?

Wer sich in den Tagen danach in der Partei umhörte, traf auf drei Lager. Den Merkel-Fanklub, dessen Mitglieder sich mehr oder weniger laut freuten, dass die Altkanzlerin ihre Zurückhaltung aufgibt und Flagge zeigt. Die Anti-Merkel-Fraktion, die sich überrumpelt fühlte und die Sache als das Normalste der Welt hinstellte – bloß nicht überbewerten. Und dann diejenigen, die Merkels Schlingerkurs ziemlich seltsam finden. Die nicht wissen, ob es Merkel nur um sich selbst geht oder um die Partei.

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Die Altkanzlerin entscheidet seit ihrem Ausscheiden aus dem Amt 2021 tatsächlich sehr eigenwillig und unvorhersehbar, wo sie sich einmischt und wo nicht. Sie war bei der Verabschiedung des grünen Urgesteins Jürgen Trittin, aber nicht bei den Parteitagen ihrer eigenen CDU. Und dann träumten ausgerechnet diese Grünen öffentlich von Merkel als Bundespräsidentin. Das kam auch bei denen nicht gut an, die Merkel eigentlich ganz gut finden.

Merz sucht Kandidatin für Bundespräsidentenamt

Merkel hat solche Pläne umgehend dementiert. Dennoch ist jetzt die Lücke umso sichtbarer: Merz und die Union müssen einen Vorschlag für die Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier machen – am besten eine Frau. Aber sie tun sich schwer damit. Und nicht nur damit.

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Die CDU hadert mit der neuen, alten Rolle als Seniorpartner der SPD. Viele hadern mit Merz als Parteichef und Kanzler, wissen aber auch, dass sie gerade keine Alternative zu ihm haben. Und sie hadern mit dem eigenen Kurs in einer brutal schwierigen Lage.

Es ist nicht ein Dilemma, es sind zahllose: Der Wirtschaftsflügel will mehr CDU pur – doch der Koalitionspartner SPD geht da nicht mit. Und auch Merz merkt, dass er mit einer Politik für den konservativen, wirtschaftsliberalen Kern seiner Partei nicht über 30 Prozent kommt. Die neue Härte in der Migrationspolitik wirkt – hat aber bislang kaum etwas an der Grundstimmung in der Bevölkerung geändert. Führung in Europa und Führung in der eigenen Regierung sind zudem zwei Herkulesaufgaben, die Merz nur dann lösen könnte, wenn er eine optimale Mannschaft hätte, die er aber nicht hat.  

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München, Social Media und Merz' Zwischenzeugnis – mit Melanie Amann
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Wollte Merkel in ihrem Blazer in CDU-Petrolblau also einfach kommen, um ihre Partei in einer schwierigen Lage zu unterstützen? Generalsekretär Carsten Linnemann will es so sehen, es sei „ein wichtiges Signal“ für die Partei. Manuel Hagel, der nächster Ministerpräsident von Baden-Württemberg werden will, findet es „großartig“, dass Merkel da ist. Mit ihr und den anderen beiden ehemaligen Parteivorsitzenden Armin Laschet und Annegret Kramp-Karrenbauer sei das „ein Bild der Geschlossenheit“.

Das mag auch für Merkel ein wichtiges Motiv sein – nach Lage der Dinge aber ist ein Merkel-Auftritt immer auch eine Mahnung: Mehr Merkel heißt mehr Mitte. Mit Merkel erinnert sich die CDU an ihre große Zeit mit Wahlergebnissen um die 40 Prozent. Sitzt Merkel im Publikum, sitzt dort das Gegenmodell zu Merz.

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Merz tut an diesem Freitag zwei Dinge. Er erklärt einmal mehr seinen Kurs im Machtdreieck zwischen Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping. Seine Botschaft in einem Satz: „Europa muss lernen, die Sprache der Macht zu sprechen.“ Merz schlägt an diesem Tag aber auch einen ungewohnt selbstkritischen Ton an: Er stellt klar, dass in Deutschland „hart gearbeitet“ wird, dass er den Leuten keine Faulheit vorwirft. Er mahnt seine eigenen Leute, in der Koalition endlich herauszukommen aus dem Modus, „dass der eine Vorschläge macht, die der andere gleich wieder zurückweist“. Und er will ein Bollwerk sein gegen jeden Flirt mit der AfD. Seine Rolle sieht Merz als Taktgeber: „Ich will nicht nur moderieren. Ich will antreiben. Ich will uns zu Höchstleistungen motivieren.“ Die Botschaft kommt an. 75 Minuten Rede, zehn Minuten Applaus. Am Ende wird der CDU-Parteichef mit 91,17 Prozent im Amt bestätigt. Vor zwei Jahren waren es 89,8 Prozent. Merz kann zufrieden sein.

Merkel: In der Union vermisst jeder Fünfte die Altkanzlerin

Merz weiß, dass der Applaus für Merkel nicht der Anfang einer Revolte gegen ihn ist, sondern allenfalls ein Stimmungsbild. Die Sehnsucht nach Merkel hält sich innerhalb der CDU in Grenzen: Auf die Frage „Vermissen Sie Angela Merkel als Bundeskanzlerin?“ antworteten in einer repräsentativen Umfrage im Auftrag dieser Redaktion insgesamt 25 Prozent der erwachsenen Deutschen mit „Ja“. Vor allem bei Linken und Grünen wird Merkel vermisst. Bei der Union sind es nur 22 Prozent. Am beliebtesten ist Merkel bei den 18- bis 29-Jährigen, wo jeder Dritte die Altkanzlerin vermisst.

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Bei Merz dagegen ist es genau umgekehrt: Wie eine neue Forsa-Umfrage zeigt, ist die Union bei Wählerinnen und Wählern über 60 Jahren am beliebtesten, bei den Jungen zwischen 18 und 29 Jahren dagegen liegt sie hinter der Linken, der AfD, den Grünen und der SPD nur noch auf dem fünften Rang.

Neben Merkel sitzt an diesem Freitag Annegret Kramp-Karrenbauer, die ehemalige Parteichefin und jetzt neue Vorsitzende der Adenauer-Stiftung. AKK, wie sie immer noch genannt wird, hat ein gutes Verhältnis zu Merkel, die beiden haben die ganze Zeit lang den Draht gehalten. Merz hätte lieber einen anderen Kandidaten für den Stiftungsvorsitz gehabt, Kramp-Karrenbauer setzte sich durch. Man kann davon ausgehen, dass mit ihr auch Merkel wieder sichtbarer in der Partei werden könnte. Mit anderen Worten: Merz muss mit Merkel leben. So wie die Merkelianer mit Merz leben müssen.