Das Echo aus der Politik ist verhalten, von den Krankenkassen kommt ein Nein. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), hat wieder mal einen Vorschlag „herausgehauen“: alle freiwilligen Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen, von der Homöopathie bis zur Zahnreinigung. „Wenn nicht genug Geld für den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung da ist und gespart werden muss, sind die Nice-to-have-Leistungen als Erstes zu streichen“, sagte Gassen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Aus der SPD kommt prompt ein Nein: „Wer den Eindruck erweckt, man könne durch das Streichen einzelner Zusatzleistungen die GKV nachhaltig sanieren, greift zu kurz“, sagte Christos Pantazis, Gesundheitsexperte der SPD, unserer Zeitung. Selbst wenn man alles „Freiwillige“ streiche, spare man nur eine Milliarde Euro. Das sei ein Bruchteil der über 300 Milliarden, die die GKV jedes Jahr ausgebe. Strukturelle Reformen seien wichtiger. Aber Gassen hat sich von Kritikern nie stoppen lassen. Der 63 Jahre alte Orthopäde, gebürtig aus Köln, leitet seit zwölf Jahren die mächtige KBV, die die Interessen der rund 190.000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten vertritt.

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Irgendjemand tritt Gassen immer gegen das Bein

Von den Akteuren im Gesundheitswesen ist er einer der Lautesten. Seine Vorschläge kommen im Stakkato-Rhythmus: Im Oktober 2025 trat er für eine generelle Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erst ab dem vierten Tag ein, damit Praxen nicht überlastet werden. Im Dezember verlangte er die Wiedereinführung einer Praxisgebühr (drei bis vier Euro). Im Januar kritisierte er die telefonische Krankschreibung („Lädt zum Missbrauch ein“), und jetzt folgte sein Krankenkassensparvorschlag. Irgendeinem tritt Gassen immer gegen’s Bein, mal Arbeitgebern, mal Arbeitnehmern und meist den Krankenkassen. Bei seiner Kritik an der telefonischen Krankschreibung löste er auch bei den Hausärzten einige Empörung aus, auch die Idee mit der Praxisgebühr kam bei Kollegen nicht gut an.

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Meine schwerste Entscheidung
 

Widerspruch hat Gassen nie gestört. „Demokratie lebt vom Diskurs“, sagt er unserer Zeitung. Wenn er der Meinung sei, dass ein Sachverhalt falsch oder einseitig dargestellt werde, dann sage er das auch. „Der Austausch von Argumenten und deren inhaltliche Würdigung führen oft zu besseren Lösungen als stumpfes Ja-Sagen, nur weil es sich um die Mehrheitsmeinung handelt“, sagt Gassen.

Freunde und Kritiker in der Ärzteschaft

Während der Corona-Pandemie machte er mit eigenwilligen, der FDP nahestehenden Positionen auf sich aufmerksam. Honorarinteressen der Ärzte vertritt Gassen mit Verve. Als der Bundesrechnungshof an der Vergütung fürs Mitmachen beim Terminvergabesystem mäkelte, warf er ihm „Übergriffigkeit“ vor. Intern hat Gassen seine Freunde. Das System der Kassenärztlichen Vereinigungen habe gute Lösungen für die Krise des Gesundheitswesens zu bieten, sagt Karsten Braun, KV-Chef in Baden-Württemberg: „Es gehört zum von Gassen gut praktizierten Job als KBV-Vorsitzender, sich für diese Vorschläge Gehör zu verschaffen.“ Andere sehen ihn kritisch. Gassen äußere sich „wie ein Privatmann“, obwohl er Chef einer Berufskammer mit Zwangsmitgliedschaft sei, sagt ein Ärztefunktionär unter dem Schutz der Anonymität. Ein anderer beklagt, Gassen vertrete Partikularinteressen, obwohl er als Chef einer Körperschaft des öffentlichen Rechts das Große und Ganze im Blick haben müsse.