Wer von Joe Rogan zum Gespräch eingeladen wird, muss besonders sein. Der reichweitenstärkste Podcaster Amerikas hat keine Zeit für Leute ohne Perspektive. Also muss James Talarico, Demokrat aus Round Rock im politisch tief roten Texas, einige Eigenschaften besitzen, die den erst 36 Jahre alten Abgeordneten im Landesparlament von Austin für ein verwöhntes Millionen-Publikum wie das von Rogan zu einer Person machen, die man im kakofonischen Polit-Alltag der Vereinigten Staaten gehört haben sollte.
„James Talarico, Sie müssen für das Präsidentenamt kandidieren“, sagte Rogan am Ende des denkwürdigen Meinungs-Pingpong ohne jeden Anflug von Unernsthaftigkeit. „Wir brauchen jemanden, der tatsächlich ein guter Mensch ist.“
An diese Sätze, vor vielen Monaten gesprochen, erinnert man sich jetzt besonders. James Talarico hat vor gut einer Woche die parteiinterne Ausscheidung um einen Sitz im Senat in Washington mit weitem Abstand vor der Linksaußen-Konkurrentin Jasmine Crockett gewonnen.

Talarico kämpft um Senatssitz in Texas
Im Herbst, wenn es bei den Zwischenwahlen um die Wurst geht, trifft der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, der mit 17 der jüngste texanische Regionalabgeordnete war, auf den Stichwahl-Sieger der republikanischen Partei Ken Paxton versus John Cornyn. Gelingt ihm hier die Sensation im traditionell konservativen „Lone Star State“, wo Demokraten seit fast 40 Jahren keinen Senator gestellt haben, könnte dem auf Tiktok auf über 1,6 Millionen Anhänger zählenden Seitenscheitelträger mit dem bubenhaften Gesicht ein kometenhafter Aufstieg beschieden sein.

Trotz seiner Jugendhaftigkeit verfügt Talarico sprachlich wie intellektuell über einen seltenen Baukasten. Seine empathisch-suggestive Kraft am Mikrofon wie im persönlichen Zwei-Gespräch reicht an die des jungen Barack Obama heran.
An der Schnittstelle zwischen tiefer Religiosität als Christ und der Erfahrung in einem von Korruption und Kulturkrieg gebeutelten Bundesstaat findet der optisch an den jungen Hollywood-Regisseur Ron Howard erinnernde Harvard-Absolvent (Master in Bildungspolitik) sermonische Worte von großer Kraft und Nahbarkeit – ohne dabei missionarisch oder klebrig zu werden.

Wer das nicht glaubt, dem sei sein Kontra empfohlen gegen ein texanisches Gesetz, das die Anbringung der Zehn Gebote in Klassenzimmern öffentlicher Schulen vorschreibt. Talarico, der am „Austin Presbyterian Theological Seminary” studiert und irgendwann Pastor in seiner Heimatgemeinde werden will, nennt das „verfassungswidrig“, „unchristlich“ und „unamerikanisch“. Das war kein lauter Spott, sondern eine stille Umkehrung: Der gläubige Demokrat erklärte den christlichen Nationalisten, warum ihr Projekt dem Christentum widerspricht – und traf damit einen Nerv weit über progressive Milieus. Woher das kommt?
„Gott und unsere Nächsten lieben“
Talaricos Großvater war Baptistenprediger in Südtexas, in Corpus Christi und in Laredo. Von ihm hat er die Definition übernommen, wonach das Christentum keine leichte, aber eine einfache Religion sei, weil Jesus nur zwei zentrale Gebote hinterlassen habe: „Gott, unsere Quelle, zu lieben und unsere Nächsten zu lieben.”
Talaricos Alleinstellungsmerkmal: starke Ansichten, runde Kanten. Er klingt ganz anders als die „Culture Warrior“ auf beiden Seiten des politischen Spektrums. Wenn Talarico redet, hat man das Gefühl, hier hat einer die Blase seiner Berater verlassen, die Politiker-Sätze vorher von Fokusgruppen auf Tauglichkeit abschmecken lassen.

Nichts wirkt auswendig gelernt. Dafür erfahrungsgesättigt. Korruption, Extremismus und die beinahe talibaneske Grausamkeit der republikanischen Inquisitoren um Gouverneur Greg Abbott sind ihm alltägliche Erfahrung. Der Mann war dabei, als Texas das strengste Abtreibungsverbot des Landes durchdrückte, das Tragen von Waffen ohne Waffenschein legalisierte und einen Staatsbürgerkundeunterricht einführte, der nur als historische Schönfärberei bezeichnet werden kann.
Mit „Freundlichkeit, Demut und Sanftmut” wie Jesus Christus kommt man da nicht weit, sagte der progressive Christ, bei dem 2018 nach einem 50-Kilometer-Gewaltmarsch durch seinen Wahlbezirk Diabetes festgestellt wurde. „Wenn die Mächtigen Menschen missbrauchen, müssen wir uns ihnen in den Weg stellen, und das erfordert Mut und Tapferkeit und die Bereitschaft, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen.“ Dabei verzichtet er auf Pathos und Anmaßung: „Mein Pastor hat mir als Kind immer gesagt, dass religiöse Symbole wie Aspirin sind: Damit sie wirken, müssen sie sich auflösen”, sagt er neulich im Interview mit Ezra Klein.
News aus den USA
Milliardäre hat er auf dem Kieker
Einem „Bully” wie Donald Trump und seinen Spießgesellen hält Talarico jederzeit den Spiegel vor. Hier steckt die „secret sauce“ des Ausnahme-Talents: Talarico übersetzt linke Politik in eine moralische, aber nicht moralinsaure Alltagssprache, die auch in roten Wahlkreisen verstanden wird. Sein Lieblingsgegensatz geht so: „Die größte Kluft in diesem Land verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen oben und unten. Die Milliardäre wollen, dass wir uns gegenseitig links und rechts anschauen, anstatt zu ihnen aufzublicken.” Auf seinen Versammlungen, bei denen leicht 1000 Leute und mehr an seinen Lippen hängen, ist der Spruch beliebt wie das Evangelium.
Talarico-Populismus kommt aber nicht als Ressentiment daher, sondern als Einladung zur gemeinsamen Sache. Die „Texas Tribune” beschreibt seine Mission als eine Demokraten-Variante, die „zurückschlägt“ – nicht gegen „die anderen“, die Republikaner, sondern gegen die Superreichen, die nicht zuletzt über soziale Medien (Zuckerberg, Musk etc.) den Kulturkampf aus seiner Sicht finanzieren. In einer Zeit, in der Politik in Amerika oft wie eine Veranstaltung von Hass und Dauerstreit wirkt, redet Talarico über Gier, Würde und Gemeinschaft – so, als könnte das Land noch einmal zusammenfinden.

Bei Latinos kommt seine Botschaft gut an
Die Vorwahl-Ergebnisse geben ihm recht: Vor allem Arbeiter, Latinos und enttäuschte Trump-Wähler haben seiner „Politik der Liebe“ eine Chance gegeben. Talarico zeigt sich selbstbewusst: „Es ist Zeit, die Tische umzuwerfen.“ Sprich, die Vormacht der „Grand Old Party in Texas“ zu beenden.
Demokratische Insider sehen in dem vom Washingtoner Gülle-Becken unberührten Jungstar ein Jahrhunderttalent, das Texas wirklich „blau“ färben könnte. Daran hätte dann auch Stephen Colbert seinen Anteil. Der bekannte Late-Night-Talkshow-Gastgeber erklärte neulich, Anwälte des Senders CBS, der beflissen Donald Trump gefallen will, hätten sein Interview mit Talarico aus dem Programm geschmissen. Also stellte er es als Stream ins Netz.
Talaricos Kampagne meldete binnen 24 Stunden 2,5 Millionen Dollar Wahlkampfspenden. Über fünf Millionen Menschen haben das Interview gesehen. Unter Gesichtspunkten der Aufmerksamkeitsökonomie ein Meisterwerk. Talarico sagt, die Trump-Regierung versuche, ihn „zum Schweigen zu bringen“, weil „sie befürchten, dass wir Texas umkrempeln werden”. Bingo.





