Der Iran-Krieg wird immer mehr zu einem dramatischen Durchhalte-Kampf um die Waffenvorräte: Können die USA und Israel mit ihren Bombardements schnell genug das gefährliche Raketenarsenal und die Abschussvorrichtungen des Iran zerstören? Der Iran reagiert mit einer perfiden Taktik: Massenangriffe von Shahed-Killerdrohnen sollen die gegnerische Flugabwehr so ausbluten, dass den Mullahs danach gefährliche Raketentreffer gegen US-Truppen oder die Golfstaaten gelingen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.

Die USA sind alarmiert, suchen jetzt händeringend weltweit nach Flugabwehr-Waffen. „Die USA und Israel geraten zunehmend unter Druck“, sagt der Sicherheitsexperte Nico Lange. Ihre Luftverteidigung habe zentrale Schwächen, die Bestände an Abfangwaffen wie etwa den Patriotsystemen schrumpften schnell.  

Ein Patriot-Abwehrsystem der Nato in der Türkei. Mit solchen Abwehrwaffen schützen die USA Militärstützpunkte und Verbündete im Nahen Osten gegen Angriffe des Iran.
Ein Patriot-Abwehrsystem der Nato in der Türkei. Mit solchen Abwehrwaffen schützen die USA Militärstützpunkte und Verbündete im Nahen Osten gegen Angriffe des Iran. © dpa | Bernd von Jutrczenka

Iran setzt weiter auf Drohnen – Raketenangriffe nehmen stark ab

Dabei verzeichnen die USA durchaus schnelle Fortschritte: US-Präsident Donald Trump sagte in Washington, es seien bereits 60 Prozent des iranischen Raketenarsenals und 64 Prozent der Abschussvorrichtungen ausgeschaltet worden; auch die Luftwaffe und die Luftabwehr des Iran seien zerstört. Das hohe Tempo der ersten Tage kann der Iran offenbar nicht aufrechterhalten: Nach Angaben des US-Zentralkommandos haben die ballistischen Raketenangriffe aus dem Iran inzwischen um über 80 Prozent abgenommen, verglichen mit dem Kriegsbeginn. Doch gibt es den Verdacht, dass das Mullah-Regime auch gezielt die wertvollen ballistischen Raketen zurückhält, bis die Luftabwehr der USA und ihrer Partner entscheidend geschwächt ist.

Auf lange Sicht hat das Regime kaum eine Chance, vorerst hält es noch einen Trumpf in der Hand: die immensen Vorräte an Shahed-Kampfdrohnen. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hat vor Kongressabgeordneten in Washington schon eingeräumt, dass die iranischen Drohnen eine große Herausforderung seien und wohl nicht alle abgefangen werden könnten. Der Iran hat nach US-Schätzungen allein in den ersten fünf Tagen 2000 Drohnen eingesetzt. Doch er verfüge noch über „enorme Vorräte“, sagte nach der Anhörung US-Senator Mark Kelly.

Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost

Patriot-Raketen kosten Millionen – USA suchen Ersatz für Abwehrsysteme

Das Problem: Für die Abwehr setzen die USA ihre Hightech-Abwehrsysteme wie Patriot, Thaad oder David’s Sling ein. Doch während eine Shahed-Drohne nur zwischen 20.000 und 50.000 US-Dollar kostet, zahlen die US-Streitkräfte für eine Patriot-Rakete fast vier Millionen US-Dollar. Abwehrsysteme sind nicht nur sehr teuer, sondern auch nur begrenzt verfügbar. „Washington sucht weltweit nach Ersatz“, sagt Sicherheitsexperte Lange. Im Gespräch ist unter anderem, dass die US-Streitkräfte einige der in Südkorea stationierten Patriot-Systeme nach Nahost für den Iran-Krieg verlegen. Denn nachproduzieren lassen sich die Waffen nicht so schnell.

Von den Patriot-Raketen werden in den USA dieses Jahr nur rund 1000 Stück hergestellt, die Nachfrage weltweit ist groß. Bitter für die Ukraine, die ihre Verbündeten seit vier Jahren und zuletzt in größter Verzweiflung um Patriot-Lieferungen bittet: Allein innerhalb von drei Tagen seien von den Alliierten im Nahen Osten 800 Patriot-Raketen eingesetzt worden, rechnet Präsident Wolodymyr Selenskyj vor. „Die Ukraine verfügte noch nie über so viele Raketen zur Abwehr“, sagt er.

236686_569_cover.jpg
USA und Israel greifen Iran an: Ölpreis und Nahost in Gefahr – mit Carlo Masala
Im Krisenmodus
 

Stattdessen hat die US-Regierung bei Selenskyj schon angefragt, ob die Ukraine bei der Drohnenabwehr helfen könne. Denn die ukrainischen Streitkräfte haben einfachere Abwehrsysteme entwickelt, zum Teil holen sie die Drohnen auch mit mobilen Maschinengewehr-Einheiten vom Himmel. Selenskyj ist bereit, Abwehrsysteme zu liefern, wenn die Ukraine dafür Raketen erhält. Sicherheitsexperte Lange sieht aber ein Zeitproblem: Die Engpässe erhöhten für die USA und Israel den Zeitdruck, die Führungs- und Kommandostrukturen der iranischen Revolutionsgarden zu zerschlagen. „Gelingt das nicht, droht eine strategische Umkehr, sobald harte Treffer in Israel oder gegen US-Truppen erfolgen.“

Die Folgen dieses asymmetrischen Krieges dürften die USA noch über Jahre hinweg belasten, vermutet der Militäranalyst Franz-Stefan Gady. Es bestehe das Risiko, dass sowohl bei Abfangraketen als auch bei präzisionsgelenkten Munitionswaffen die Bestände so stark reduziert würden, dass ihre Wiederauffüllung Jahre dauern werde, sagt Gady: „Dies würde die militärische Einsatzbereitschaft der USA weiter schwächen.“