Schon zum Frühstück mit Wahlkämpfer Gordon Schnieder serviert die örtliche CDU von Römerberg einen guten Riesling und Leberwurstbrote in der Zehntscheuer des Weinortes. Aber Schnieder bleibt beim Mineralwasser, zehn Termine wird er an diesem Samstag noch haben, 300 sind es seit Januar, 20.000 Kilometer wird er durch Rheinland-Pfalz gefahren sein. Der Bruder von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) legt sich ins Zeug. Auf ihm lastet die Erwartung von Kanzler Friedrich Merz, das Heimatland von Helmut Kohl nach 35 Jahren mit SPD-Ministerpräsidenten für die CDU zurückzuerobern.

Aber es wird knapp bei der Landtagswahl am nächsten Sonntag. Die SPD mit Ministerpräsident Alexander Schweitzer hat aufgeholt, liegt nur noch ein bis zwei Prozent hinter der CDU.  „Es läuft gut für uns“, sagt Schnieder trotzdem. „Regierungsparteien holen kurz vor der Wahl immer auf. Aber wir liegen in den Umfragen vorn. Bei früheren Landtagswahlen war das nicht so.“ Die FDP ist in den Umfragen so schwach, dass sie unter „sonstige Parteien“ geführt wird und vermutlich aus dem Landtag fliegt. Deshalb wird die Ampel-Koalition von Schweitzer am Sonntag passé sein. Es wird auf Schwarz-Rot oder Rot-Schwarz hinauslaufen. Nach einem müden Wahlkampfstart hat Schnieder in den letzten Tagen auf Attacke geschaltet. Er wirft der SPD Vetternwirtschaft vor, weil das Innenministerium in Mainz einer Landesbeamtin Sonderurlaub gewährte, damit sie für die SPD Wahlkampf machen kann.

Landtagswahlen 2026 – spannende Hintergründe

Erinnerung an Rote-Socken-Kampagne der 90er Jahre

In Römerberg nun beschwört er eine Gefahr, die Linken-Politiker an die „Rote-Socken-Kampagne“ der 90er Jahre erinnert. Da die Linken bei fünf Prozent stehen und in den Landtag kommen könnten, wäre rein theoretisch – aber unwahrscheinlich – auch ein Linksbündnis von SPD, Linken und Grünen in Mainz denkbar. „Die Linken haben Enteignungsphantasien, sie wollen die Amerikaner rauswerfen und den Verfassungsschutz auflösen“, ruft Schnieder in den Saal. „Rot-Dunkelrot-Grün ist das schlimmste Szenario für unser Land.“ Im Publikum weckt das Ängste, man wolle „keine Berliner Verhältnisse“, murmelt später ein Zuhörer. Dabei regieren die Linken gar nicht in Berlin.

Schnieder ist Diplom-Finanzwirt, seit drei Jahren Fraktionschef im Landtag, aber noch weitgehend unbekannt. Detailliert geht er auf Missstände im Land („Abstiegsland“) bei Bildung, Sicherheit und Infrastruktur ein, doch bei den Zuhörern bleiben die starken Worte hängen. Die Messerkriminalität sei „keine deutsche Kriminalität, sondern eine eingewanderte Kriminalität“, sagt er. Da brandet der Applaus. Nach einem Plädoyer für KI-gesteuerte Videoüberwachung von öffentlichen Räumen – überall, wo die Kommunen es wollen, sagt er: „Datenschutz ist Opferschutz!“ Da gibt es Beifall. Genauso wie für seine Ansicht, Polizei möge an Schulen Rucksäcke kontrollieren und „Pfefferspray und Messer“ herausholen.

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Radikalere Töne machen auf ihn aufmerksam

Gut möglich, dass radikalere Töne ihn bekannter machen. Als er in der Fußgängerzone von Speyer später Rosen verteilt, kommt ein älterer Mann auf ihn zu und sagt: „Herr Schnieder, lassen Sie sich nicht Ihren Schneid abkaufen.“ Im Weitergehen ergänzt er: „Aber bitte keine rehbraunen Augen!“ Rund 3,3 Millionen Rheinland-Pfälzer sind zur Wahl aufgerufen. Traut man den Umfragen, profitiert Ministerpräsident Schweitzer gewaltig von seinem Amtsbonus. Mitte 2024 hatte er das Amt von Malu Dreyer übernommen. Laut Infratest Dimap würden, falls man den Ministerpräsidenten direkt wählen könnte, 23 Prozent Schnieder wählen und 41 Prozent Schweitzer. Dementsprechend gelassen gibt sich Schweitzer. Auf Attacken seines CDU-Kontrahenten lässt er sich nicht ein.

Lobrede von vier SPD-Regierungschefs in der Mainzer City

Irgendwie erinnert der 2,06 Meter große Jurist an einen sanften Riesen. Am frostig-kalten Samstag hat er in die gute Stube von Mainz eingeladen. Auf dem „Leichhof“ nahe des Doms steht ein SPD-Pavillon und vier SPD-Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten halten Lobreden auf Schweitzer: Anke Rehlinger (Saarland) wird seine „Internationalität“ als Grenznachbar zu Frankreich, Luxemburg und Belgien loben, Olaf Lies (Niedersachsen) nennt  „Alex“ einen Anständigen, Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) lobt seinen Kampf für „freie Bildung“ und Peter Tschentscher (Hamburg) preist ihn als Faktor der „Zuverlässigkeit“ in einer unsicher werdenden Welt.

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Schweitzer selbst beschreibt seinen Werdegang als Arbeiterkind – sein Vater war Binnenschiffer – und beschwört seine tiefe Heimatliebe. Jetzt führe er den „Kampf seines Lebens“ für den Wahlerfolg. Ins landespolitische Klein-Klein begibt sich der SPD-Mann nicht, aber er kritisiert die Vorschläge aus den „Breitengraden der CDU“ zu den Zahnarztkosten oder zur Lifestyle-Teilzeit. Besonders ärgert ihn die Unions-Ansicht, die Deutschen arbeiteten zu wenig: „Wir sind die fleißigen Leute“, ruft Schweitzer in die Menge. Wer so schlecht über das Volk rede, verdiene keine Unterstützung als Partei, weder in Berlin noch in Rheinland-Pfalz. Dann bringt Schweitzer noch eine Überraschung: Er nennt als Top-Priorität der nächsten Amtszeit den Klimaschutz. Dass der nicht gut im Themen-Ranking sei, sei ihm egal. Als Kind habe er in der Winterjacke beim Rebenschnitt geholfen, „heute machen die Leute das im T-Shirt“. Der Klimawandel sei jetzt da. Vielleicht ein Versuch, Grünen-Stimmen abzugreifen in einem Wahlkampf, der auf das Duell von zwei Politikern hinausläuft.