Dieser Sommer, so sagt es ein Ermittler bei einem Landeskriminalamt, werde entscheiden. Die nächsten Monate würden zeigen, wie stark die Szene ist. Ob sie weiter so aktiv auf die Straße gehen wird. Wie viel Gewalt ein Teil ihrer Strategie bleiben wird. Und wie sehr sich die jungen Neonazis von den Razzien, Festnahmen und Verurteilungen der letzten Zeit erholen können.
Denn der Sommer 2024 war es auch, in dem sich in Deutschland eine neue rechtsextreme Front sichtbar aufbaute. Junge Männer, viele Teenager und manche noch Kinder, tauchten auf Straßen auf. Manchmal nur ein paar Dutzend, manchmal Hunderte. Rasierte Schädel, Springerstiefel, Bomberjacke. Die Neunzigerjahre sind zurück, als in Rostock oder Lübeck Asylunterkünfte brannten.
Der Tatvorwurf wiegt schwer: Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung
Görlitz, Leipzig, Zwickau. Und Bautzen. Überall dort mobilisierte die junge neue rechtsextreme Szene besonders. Ihr Ziel: Protest gegen Kundgebungen von schwulen und queeren Menschen in den kleineren und größeren Städten vor allem des Ostens.
Im Sommer 2024 lernte Deutschland neue Gruppierungen kennen. Die „Deutsche Jugend Voran“ mit ihrem charismatischen Anführer Julian Milz, der heute wegen Gewalt gegen politische Gegner in Haft sitzt. Andere nennen sich „Elblandrevolte“ oder „Deutsche Patrioten Voran“. Mit auf der Straße sind damals auch Mitglieder der Gruppe „Jung & Stark“. Beide – sowohl DJV als auch J&S – sind bis heute Teil einer neuen rechtsextremen Subkultur. Gegen die nun auch der Staat mit massiven Einsatzkräften vorgeht.
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Am Mittwochmorgen durchsuchen Polizisten 50 Wohnungen und Gebäude in einem Dutzend Bundesländern, vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Berlin, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Es gibt keine Festnahmen. Aber der Tatvorwurf wiegt schwer: Der Generalbundesanwalt wirft den Beschuldigten Mitgliedschaft in zwei rechtsextremistischen kriminellen Vereinigungen vor.
Rechtsextreme Gruppen machen das sogenannte Pädo-Hunting
Seit 2024 ist bundesweit eine radikale Jugendkultur entstanden, vernetzt über Chatforen und Messengerdienste wie Telegram oder Whatsapp. Teilweise sind es nur wenige Mitglieder, teilweise ein paar Dutzend, manchmal Hunderte junge Männer und auch Frauen, die sich dort tummeln. Sie hetzen gegen Migranten und Schwule, sie posten NS-Propaganda. Und sie planen online Aktionen – die sie dann vor Ort in die Tat umsetzen. „Springerstiefel, Bomberjacke – plus Tiktok und Instagram“, so beschreibt es ein Staatsschützer im Gespräch mit unserer Redaktion. „Da ist eine hohe Aggressivität und Aktionsbereitschaft, aber nicht immer ein hoher Grad der Ideologisierung bei den jungen Menschen.“
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Ein Fokus vor allem der Gruppe „Jung und Stark“ ist noch etwas: das sogenannte Pädo-Hunting, die Jagd auf angebliche Pädophile. Die Rechtsextremen tarnen sich im Netz als Jugendliche oder Kinder – und verabreden sich mit Männern, die mutmaßlich auf der Suche nach Sex mit Jungen oder Mädchen sind. Dann lauern die Neonazis den Männern auf – verprügeln sie oder rauben sie aus.
Die Szene ist gespickt mit einigen radikalen Anführern. Um sie herum sammeln sich oft Jugendliche, die schnell ihren Weg in die Gruppen finden, dort aber vor allem „Action“ und Gemeinschaft suchen: Kampfsport, Training, Wanderungen, Neujahrsempfänge, Lagerfeuer – mit diesen Events locken die Gruppen junge Menschen an. Das ist nicht neu, so funktioniert es auch bei Parteien wie dem „3. Weg“ oder „Die Heimat“. Neu aber, so sagen es Szenekenner, sei die Geschwindigkeit der Radikalisierung. „Die DJV ist kaum bemüht, ihre Ideologie zu verschleiern, die Mitglieder zum Teil gewaltaffin“, sagt der Leiter des Verfassungsschutzes in Brandenburg, Wilfried Peters, unserer Redaktion.
Propaganda im Netz führt zu Taten auf der Straße und gegen politische Gegner
Neu ist auch die Masse, mit der die Gruppen ihre Propaganda in den sozialen Medien verbreiten. Und die Wege, mit denen sie rekrutieren. „Zentral für die Propaganda und Anwerbung neuer Mitglieder sind auch Multi-Player-Online-Spiele mit einer Chatfunktion, so wie etwa ,Brawl Stars‘“, so Nachrichtendienstler Peters.
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In einer Untersuchung der Online-Profile der „Deutschen Jugend Voran“ für unsere Redaktion sieht das unabhängige „Institute for Strategic Dialogue“ auf Social Media „klar benannte Feindbilder“, homophobe Inhalte, rassistische Angriffe auf Roma und migrantische Gruppen, Anti-Antifa-Rhetorik sowie Polizeifeindlichkeit. Auffällig sei die enge Vernetzung mit bereits seit Jahren etablierten rechtsextremen Parteien wie „Die Heimat“, aber auch noch neueren Jugendgruppen wie die „Jägertruppe“. Auf den Plattformen werben die Neonazi-Gruppen mit Posts, Fotos, Videos, oft anonymisiert – aber in Aktion, etwa auf Demonstrationen mit Reichsflaggen, Bannern und T-Shirts mit rechtsextremer Symbolik. Die Logik dahinter: Propaganda im Netz führt zu Taten auf der Straße und gegen politische Gegner – und das wieder nutzen die Rechten für Werbung auf ihren Profilseiten.

Was auffällt: Gruppen gründen sich, wachsen rasant, starten Aktionen – um kurze Zeit später wieder zu schrumpfen und Mitglieder zu verlieren. Was die Jugendlichen heute begeistere, könne sie morgen schon langweilen, sagt der Verfassungsschutz-Chef von Sachsen, Dirk-Martin Christian, im Gespräch mit unserer Redaktion. Und die Gruppen wie DJV und „Jung und Stark“ blieben „in ihrer Nische“, sagt Christian. „Einen Anschluss an eine breite Öffentlichkeit und die gesellschaftliche Mitte konnten sie mit den Protesten nicht erzielen.“
Mit den Durchsuchungen wollen die Ermittler herausfinden: Wie stark sind die Gruppen noch?
Harmlos macht sie das nicht. In Hamburg läuft aktuell ein Prozess gegen mehrere mutmaßliche Mitglieder der „Letzten Verteidigungswelle“. Der Bundesanwalt wirft ihnen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor. Bei einem Anschlag auf eine Asylbewerberunterkunft im thüringischen Schmölln sollen zwei Mitglieder der Gruppe Anfang 2025 vergeblich versucht haben, das Gebäude mittels Pyrotechnik in Brand zu setzen. Sie schmierten Hakenkreuze und Slogans wie „Ausländer raus“ an die Wände. In Chatgruppen gaben sich die Mitglieder Namen und Rollen wie „Propagandaminister“, „Gauleiter“ oder sogar „Führer“.
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Verhaftungen, Razzien und Auflagen der Ordnungsbehörden bei Demonstrationen – all das hat die Szene in den vergangenen Monaten geschwächt. Viele Jugendliche aus den Neonazi-Gruppen, so heißt es in den Sicherheitsbehörden, würden sich zumindest offen für Aussteigerprogramme zeigen. Anführer wie Julian Milz von der DJV sitzen in Haft. Viele der Straftaten, zu denen nun der Bundesanwalt ermittelt, sind von Ende 2024 und Anfang 2025.
Bei den Durchsuchungen ging es nach Informationen unserer Redaktion auch darum, mehr Informationen auf Handys oder Laptops auszuwerten, um herauszufinden, wie stark die mutmaßlichen kriminellen Vereinigungen noch sind. Ist die Hochphase der Neonazi-Gruppen schon vorbei? Gründen sie sich neu? Oder mobilisieren sie ähnlich stark wie 2024? Es ist, wie der Ermittler es sagt: Der Sommer wird es zeigen.






