Eine unabhängige israelische Untersuchungskommission ist zu dem Schluss gekommen, dass die islamistische Terrororganisation Hamas und ihre Verbündeten „systematische, weitverbreitete“ sexualisierte Gewalt bei ihrem Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie gegen die in den Gazastreifen verschleppten Geiseln verübt haben.
Der am Dienstag veröffentlichte 300-seitige Bericht der Zivilkommission zu den Verbrechen am 7. Oktober gegen Israelis baut auf früheren Untersuchungen – darunter denen der UNO – auf, um das volle Ausmaß der verübten sexualisierten Gewalt zu ermitteln. Dabei stützen sich die Autoren des Berichts nach eigener Aussage nicht auf Informationen aus Befragungen der Behörden des Staates Israel. So soll die Unabhängigkeit der Arbeit bewahrt werden.
„Nach einer zweijährigen unabhängigen Untersuchung kommt die Zivilkommission zu dem Schluss, dass sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt systematisch, weitverbreitet und integraler Bestandteil der Angriffe vom 7. Oktober und ihrer Folgen war“, schreibt das im November 2023 von einer israelischen Rechtsexpertin gegründete Gremium in seinem Bericht.

„An mehreren Orten und in verschiedenen Phasen des Angriffs – einschließlich während der Entführung, des Transports und der Gefangenschaft – setzten Hamas und ihre Kollaborateure wiederkehrende Taktiken sexuellen Missbrauchs und sexualisierter Folter gegen die Opfer ein.“ Die Verbrechen seien von „extremer Grausamkeit und tiefem menschlichem Leid“ geprägt gewesen und zielten „häufig“ darauf ab, „Terror und Demütigung zu verstärken“.
Insgesamt seien 13 wiederkehrende Muster sexualisierter Gewalt an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Phasen der Angriffe festgestellt worden, hieß es in einer Mitteilung der Kommission. Dazu gehörten auch Fälle anhaltender sexualisierter Gewalt während der Geiselhaft. Die Kommission spricht von einem weitverbreiteten und systematischen Muster und nicht von Einzelfällen.
Grausame Taten folgten einem Ziel
An einer Stelle in dem Bericht kommt ein Zeuge der Angriffe auf das Nova-Festival zu Wort. Die Person beschreibt eindrücklich eine Gruppenvergewaltigung: „Ich hörte eine Vergewaltigung, bei der sie ihr Opfer herumgereicht haben. Sie war vermutlich verletzt, zumindest lassen ihre Schreie das vermuten – Schreie, wie man sie niemals sonstwo gehört hat.“
Andere Zeugen bestätigen die Schilderungen oder sprechen davon, wie sie die Leichen von Opfern gesehen haben, mit zerrissener Kleidung, gespreizten Beinen und verstümmeltem Intimbereich. Allen Aussagen zufolge wurden die Opfer erschossen. In einem Fall sei eine junge Frau erst von mehreren Männern vergewaltigt worden, dann verstümmelt und schließlich erschossen.

Ein prägendes Merkmal der Gräueltaten vom 7. Oktober war dem Bericht zufolge der gezielte Einsatz digitaler Medien als integraler Bestandteil der Gewalt selbst. Die Täter zeichneten Misshandlungen und Folter auf, übertrugen sie live und verbreiteten die Aufnahmen über soziale Netzwerke sowie über die eigenen digitalen Konten der Opfer.
In vielen Fällen hätten Familien zuerst vom Schicksal ihrer Angehörigen durch Bilder und Videos erfahren, die von den Tätern versendet wurden. Diese Handlungen zielten nicht allein darauf ab, den unmittelbaren Opfern Schaden zuzufügen, sondern sollten auch Familien, Gemeinschaften und die israelische Gesellschaft insgesamt in Angst versetzen. Individuelle Gewalttaten wurden so zu Instrumenten psychologischer Kriegsführung.
Dabei gehe es den Tätern darum, die Aufarbeitung zu erschweren und so die traumatischen Auswirkungen der Angriffe zeitlich und räumlich über den 7. Oktober hinaus auszudehnen. In anderen Worten: Die Bestialität hatte Methode – sie sollte Israel nachhaltig erschüttern und auf Generationen hinaus verwunden.

Leid der Opfer soll nicht ausgelöscht werden
Die Ermittler werteten Material unter anderem aus Wohnanlagen, dem Gelände des Nova-Musikfestivals und dessen Umgebung, Straßen und Schutzräumen, militärischen Einrichtungen und Einrichtungen zur Identifizierung von Opfern aus. Das Gremium überprüfte systematisch mehr als 10.000 Fotos und Videosequenzen des Angriffs und führte Hunderte Interviews mit Überlebenden, Zeugen, zurückgekehrten Geiseln, Experten und Familienangehörigen.
„Sexualisierte Folter setzte sich während der Gefangenschaft in Gaza über längere Zeiträume fort. In einigen Fällen dauerte der sexuelle und geschlechtsspezifische Missbrauch von Geiseln über Monate an“, heißt es in dem Bericht. Viele Opfer hätten diese Verbrechen nicht überlebt. „Andere leiden weiterhin unter tiefgreifenden Traumata.“
Die Verbrechen stellten „nach internationalem Recht Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord-Handlungen“ dar. Ziel der Arbeit der Kommission sei es auch gewesen, „sicherzustellen, dass das Leid der Opfer nicht geleugnet, ausgelöscht oder vergessen wird“, heißt es in dem Bericht. Hamas hat die Vorwürfe seit 2023 wiederholt zurückgewiesen.

Bei dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 waren nach israelischen Angaben mehr als 1200 Menschen getötet worden. 251 Menschen wurden in den Gazastreifen verschleppt. In den sich anschließenden Kriegsjahren wurden nach nicht unabhängig überprüfbaren Angaben der Hamas-Behörden im Gazastreifen mehr als 72.000 Menschen getötet.
Bereits im März 2024 hatten die UN-Sonderbeauftragte für sexualisierte Gewalt in Konflikten, Pramila Patten, und ihr Team einen entsprechenden Bericht vorgelegt. Der Bericht kam zu dem Schluss, dass es „eindeutige und überzeugende Hinweise“ darauf gebe, „dass einige Frauen und Kinder während ihrer Gefangenschaft sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren, darunter Vergewaltigung, sexualisierte Folter sowie grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung“.
pcl mit AFP/dpa



