Nach einigen verwirrenden und turbulenten Tagen in Westminster ist an diesem Freitag etwas klarer zu sehen, wie es mit der britischen Regierung weitergehen könnte. Ein klarer Favorit hat sich hervorgetan, und er hat gute Chancen, Keir Starmer bald zu ersetzen: Andy Burnham, derzeit Bürgermeister von Manchester. Er ist unter den Labour-Mitgliedern der mit Abstand beliebteste Politiker, einen Spitzenkampf dürfte er also gewinnen – wenn er es schafft, ins Unterhaus zurückzukehren.
Man nennt ihn „King of the North“, König des Nordens. Seit 2017 ist er Bürgermeister der Großregion Manchester, zwei Mal wurde er seither wiedergewählt, zuletzt 2024 mit einer riesigen Zweidrittelmehrheit. Dass er so beliebt ist, verdankt sich einerseits seinem politischen Gespür, aber ebenso seiner Persönlichkeit: bodenständig und umgänglich, ist er das genaue Gegenteil des hölzernen Keir Starmer.
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Aus dem Londoner Politikbetrieb nach Manchester
Geboren 1970 in Liverpool, wurde Burnham durch den Bergarbeiterstreik 1984/85 politisiert – mit 15 trat er der Labour-Partei bei. Nach dem Englischstudium an der Universität Cambridge zog es ihn schon bald in die Politik in Westminster, wo er als Berater des Kulturministers arbeitete. 2001 wurde er erstmals ins Unterhaus gewählt. Nach und nach arbeitete er sich während der langen Labour-Regierungszeit hoch, 2008 wurde er zum Kultur- und Medienminister ernannt, im folgenden Jahr zum Gesundheitsminister.
Nach der verlorenen Parlamentswahl 2010, als Labour in die Opposition ging, blieb Burnham ein prominentes Gesicht im Londoner Politbetrieb. Zweimal bewarb er sich um die Labour-Führung, zweimal unterlag er. 2017 entschied er sich, Westminster zu verlassen. Er legte sein Mandat nieder, um sich für den neu geschaffenen Posten als Bürgermeister von Greater Manchester zu bewerben. Diesmal hatte er Erfolg – und bald stellte er fest, dass die Entscheidung, das als „erdrückend“ empfundene Londoner Regierungsviertel hinter sich zu lassen, die richtige gewesen war.
Burnham steht für einen „unternehmensfreundlichen Sozialismus“
Die Bewohner von Manchester sehen Burnham mitunter, wie er in lockerer Kleidung durch die Straßen schreitet. Selten scheut er das Gespräch mit Passanten, stets ist er zu einem kurzen Schwatz aufgelegt, oft über Fußball – Burnham ist ein Fan von Everton F.C. Man kennt ihn hier, und man mag ihn.
Mit seinem breiten nordenglischen Akzent und seiner hemdsärmeligen Art ist er für viele ein authentischer Fürsprecher des Nordens – eine Art regionale Opposition gegen das als gestelzt empfundene Westminster. Als er von Redakteuren des Portals „Mumsnet“ gefragt wurde, welche Kekse er am liebsten esse, antwortete er: „Bier, Pommes und Bratensoße.“ Seine Kritiker bezeichnen Burnhams Volksnähe als zu bemüht, aber die Leute kaufen sie ihm ab.
In seiner Zeit als Bürgermeister ist er politisch nach links gegangen. Seine Positition bezeichnet er selbst als „Manchesterism“. In einem Interview beschrieb er diese Politik als eine Art „einvernehmlichen, unternehmensfreundlichen Sozialismus“, bei dem der Staat die Kontrolle über wichtige Dienstleistungen übernimmt, etwa Wohnungen oder Transport. Die lokale Wirtschaft soll dabei im Vordergrund stehen. Sein größter Erfolg ist die Wiederverstaatlichung des regionalen Bussystems, die Ende 2023 abgeschlossen war. Der Busverkehr ist seither billiger, pünktlicher und beliebter geworden.
Burnham hat auch höhere Steuern für Gutverdiener gefordert sowie eine Verstaatlichung von Versorgungsdiensten wie Strom und Wasser. Auch hat er sich für eine Abschaffung des britischen Mehrheitswahlrechts ausgesprochen; ein Verhältniswahlrecht sei entscheidend, um „eine gemeinschaftlichere, längerfristige Kultur innerhalb Westminsters aufzubauen“.
Burnham soll den Siegeszug von Reform UK stoppen
Als Premierminister hätte er die Gelegenheit, solche Visionen umzusetzen. Aber noch muss Burnham einige Hürden nehmen, bevor er in die Downing Street 10 einziehen kann. Denn er ist kein Abgeordneter – und wer Labour-Chef werden will, muss im Unterhaus sitzen. Um dies zu ermöglichen, legte Josh Simons, Abgeordneter für den Wahlreis Makerfield im Großraum Manchester, am Donnerstag sein Mandat nieder, sodass Burnham in einer Nachwahl den Sitz übernehmen kann. Die Nachwahl wird voraussichtlich irgendwann im Juni stattfinden.

Dass Burnham gewinnt, ist jedoch keineswegs gesichert: Wie in vielen Regionen in Nordengland ist die Rechtspartei Reform UK im Aufwind. Bei den Kommunalwahlen vergangene Woche gewann Reform in Makerfield mehr als 50 Prozent der Stimmen, Labour weniger als 23 Prozent. Jeder andere Kandidat als Burnham würde die Nachwahl haushoch verlieren, sagen Meinungsforscher. Aber genau das ist das Versprechen Burnhams: dass er – anders als Starmer – gegen Reform gewinnen kann. Wenn es ihm gelingt, könnte er der nächste Premierminister werden.



