Im Innenhof der kleinen Schule haben sich die Kinder aufgereiht. Sie tragen schwarze Hosen und weiße Hemden. Es ist die Anmutung einer Einheitsbekleidung, für eine richtige Schuluniform fehlt das Geld. Hier in der Shingal-Region im Nordwesten des Irak ist das Leben geprägt von täglicher Improvisation. Schulleiter Hazem Kayo steht hinter einem langen Tisch. Darauf liegen kleine Geschenke und die Zeugnisse, die er gleich verteilen wird. Er sieht sehr zufrieden aus. Erneut haben er und seine Kolleginnen und Kollegen ihre Schülerinnen und Schüler ein Jahr weitergebracht.
Diyen hat in einem Flüchtlingscamp gelebt, jetzt will sie Ärztin werden
Diyen Ismail strahlt über das ganze Gesicht, als sie ihr Zeugnis erhält: „Ich freue mich sehr.“ 1089 von 1200 möglichen Punkten hat die 15-Jährige bekommen, sie ist in diesem Jahr die Beste in ihrer Schule. Sie ist ehrgeizig und hat große Pläne. Diyen will Ärztin werden. Es wäre eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte. Noch vor wenigen Jahren hat das Mädchen mit seiner Familie in einem Flüchtlingscamp in der autonomen Region Kurdistan gelebt, etwa 130 Kilometer entfernt von dem Dorf, das jetzt ihre Heimat ist.
Gunde Ahsan ist eine junge Siedlung. Rings um die kleine Schule stehen neue Häuser, viele von ihnen sind noch unverputzt oder Rohbauten. Hunderte Familien versuchen hier einen Neuanfang. „Ich liebe es, Serien im Internet zu schauen“, sagt Diyen. Sie lächelt schüchtern: „Am meisten mag ich Horror-Serien.“ Den realen Horror, der ihr und ihrer Familie und Hunderttausenden anderen Menschen im Shingal widerfahren ist, hat sie verdrängt. Sie war erst drei Jahre alt, als die Terrorbanden des IS die Region überfielen.

Diyen ist Jesidin, Angehörige einer religiösen Minderheit, die von den islamistischen Fanatikern besonders brutal verfolgt wurde, als sie vor zwölf Jahren ihr grausames Terror-Kalifat im Irak und in Syrien errichteten. Als sie die Shingal-Region stürmten, ermordeten sie Tausende Menschen, verschleppten Frauen und Kinder. Es war ein Völkermord. Das Terror-Kalifat wurde im Jahr 2019 endgültig zerschlagen. Für viele Opfer ist der Albtraum aber noch immer nicht vorbei. Viele Jesiden trauen sich bis heute nicht, in die alte Heimat zurückzukehren. Die Situation im Shingal ist kompliziert.
Die Region ist militärisches Sperrgebiet. Alle paar hundert Meter Checkpoints, die Soldaten tragen unterschiedliche Abzeichen auf den Ärmeln. In einem der größeren Checkpoints überprüft ein Geheimdienstmitarbeiter misstrauisch den deutschen Pass und macht sehr deutlich, dass die Bewegung in der Region eingeschränkt ist. „Bis nach Sinune oder Borek, aber nicht weiter.“
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Sinune ist eine Kleinstadt, staubig, die Straßen gesäumt von kleinen Ladenlokalen und Imbissbuden. In einem Kreisverkehr steht die Statue einer Jesidin, die damals, als der IS kam, Widerstand gegen die Islamisten geleistet hat. Männer sitzen draußen an Tischen und trinken Tee, eine Mutter zerrt ihre barfüßige Tochter über die Straße. Lastwagen transportieren Steine, auf der Ladefläche eines Pickups blöken Schafe. Sinune ist eine der Städte im Shingal, in die das Leben zurückgekehrt ist.
Die Schule in Gunde Ahsam, in der die Kinder heute ihre Zeugnisse bekommen, liegt eine halbe Stunde entfernt von Sinune, nahe dem Gebirgsrücken, der der Region ihren Namen gegeben hat und nicht weit entfernt von Sherfedin, einem wichtigen jesidischen Heiligtum. Die Menschen haben sich hier angesiedelt, weil der Berg nahe ist. Auf den Berg haben sie sich im Jahr 2014 vor den anstürmenden Dschihadisten geflüchtet. „Dieses Dorf ist sicher und schön. Es kommen immer mehr Menschen zurück“, sagt Schulleiter Kayo. Seine Schule wird mittlerweile von über 150 Kindern besucht. Sie wissen: Diese Schule ist eine Chance.
Gebaut worden ist sie vor vier Jahren von der Caritas Flüchtlingshilfe Essen (CFE), gespendet haben dafür auch Leserinnen und Leser der NRZ. „Bildung ist die Basis für eine bessere Zukunft“, sagt der CFE-Vorsitzende Markus Kampling am Telefon. Das weiß auch Schulleiter Kayo. Er und sein Team sind Idealisten. Viele der Frauen und Männer arbeiten ehrenamtlich. Die angestellten Lehrerinnen und Lehrer erhalten häufig kein Gehalt. „Aber wir wollen den Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen.“
Der Schulleiter wünscht sich eine Vorschule für die Kleinsten
Lehrer sind hier Respektpersonen. „Ich mag sie sehr“, sagt Raghib Khader Haider, 16. Er ist mit seinen Eltern und seinen sieben Geschwistern vor fünf Jahren zurück in die Shingal-Region gekommen. Sein Vater ist Peschmerga, Soldat in kurdischen Diensten. Die verschiedenen militärischen Gruppierungen sind im Shingal die wichtigsten Arbeitgeber. Raghib ist in diesem Jahr der beste männliche Schüler geworden. „Ich will Ingenieur werden“, sagt er. Seine Lieblingsserie ist „Prison Break“, erzählt der Junge. Weil er sich hier auch wie im Gefängnis fühlt und ausbrechen will? Er schaut erst verständnislos, lacht dann. „Nein, weil es spannend ist.“
Schulleiter Kayo sagt, er würde gerne eine Einrichtung für Vorschulkinder eröffnen. „Das wäre gut, dann könnten wir sie besser auf die Schule vorbereiten, aber dafür brauchen wir Unterstützung.“ Als er nach draußen geht, um die Gäste zu verabschieden, zeigt er auf einen kleinen Garten. Da haben die Kinder im vergangenen Jahr Bäume gepflanzt. Sie sind gut gewachsen. Herr Kayo lächelt: „Das ist doch ein gutes Zeichen, oder?“
Transparenzhinweis: Der Auto ist ehrenamtlicher Vorstand bei der CFE
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Die Caritas Flüchtlingshilfe sammelt weiter Spenden für das Schulprojekt:
Spendenkonto:
DE45 3606 0295 0000 1026 28
Bank im Bistum Essen
Stichwort: Schule Shingal



