Pommes, Sonnencreme, Chlorgeruch und kaltes Wasser – für viele gehört das Freibad zum Sommer dazu. Doch die Idylle bröckelt vielerorts längst. Deutschlands Freibäder sind durchschnittlich gut 56 Jahre alt, der Sanierungsstau geht in die Milliarden. Für den Tourismus-Koordinator der Bundesregierung, Christoph Ploß (CDU), ist deshalb klar: So kann es nicht weitergehen.
Freibäder gehörten zur Grundausstattung für Familien, sagte Ploß unserer Redaktion. „Deutschland braucht daher eine Freibad-Offensive! Die Kommunen sollten die Infrastruktur-Milliarden, die vom Bund bereitgestellt werden, auch dafür nutzen, Freibäder zu sanieren und auszubauen. Außerdem müssen Bäder von unnötiger Bürokratie und kleinlichen Vorschriften befreit werden.“ Als Beispiel verweist der CDU-Politiker auf Sprungtürme, die nach Jahren geschlossen würden, weil der Abstand der Trittstufen nicht exakt den Tüv-Vorgaben entspreche. „Darunter leiden vor allem Kinder und Jugendliche – und das ist niemandem zu erklären. Der Besuch im Freibad war und ist ein Sommer-Highlight für Familien – und so muss es auch in Zukunft bleiben.“
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Tatsächlich ist die Zahl der Freibäder in Deutschland aber seit Jahrzehnten rückläufig. Gab es in den 1990er-Jahren noch schätzungsweise mehr als 3500 Anlagen, sind es nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) heute noch 2413 reine Freibäder sowie rund 400 Freibäder als Teil sogenannter Kombibäder. Gleichzeitig wächst der Sanierungsstau rasant. Die DGfdB beziffert ihn inzwischen auf rund 34 Milliarden Euro – mehr als doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren.
Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) sieht aber keinen generellen Mangel an Freibädern. „Eine pauschale Freibad-Offensive greift aus unserer Sicht zu kurz“, sagte Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing unserer Redaktion. Entscheidend sei eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Bäderlandschaft. Seit den 2000er-Jahren sei zu beobachten, dass kleinere Frei- und Hallenbäder teilweise schließen, während größere Frei- und Kombibäder entstehen. Grundsätzlich lohne es sich, in solche Bademöglichkeiten zu investieren, glaubt Experte Tim Edler, der in den Freibädern mehr sieht als lediglich Orte zum Schwimmen.
Besonders für Menschen, die sich keinen Sommerurlaub leisten könnten, seien die Freibäder eine der wichtigsten Möglichkeiten zur Erholung in der Stadt. „Das Wasser ist für viele der Inbegriff von Erholung und Freizeit“, sagte Edler, der Mitgründer des Vereins Flussbad Berlin ist, unserer Redaktion. Gleichzeitig erfüllten Freibäder eine gesellschaftliche Funktion, weil sich dort Menschen „über alle Schichten hinweg“ begegneten.
Kommunen geraten bei Finanzierung und Sanierung von Freibädern unter Druck
Historisch seien Freibäder zudem oft Ersatz für etwas gewesen, das früher selbstverständlich war: das Baden in Flüssen und Seen innerhalb von Städten. Anfang des 20. Jahrhunderts hätten viele Kommunen das Baden jedoch aus hygienischen Gründen verboten und stattdessen Freibäder gebaut. Vor allem in den 1960er- und 1970er-Jahren entstanden bundesweit zahlreiche Anlagen.
Heute geraten viele Städte und Gemeinden damit jedoch an ihre Grenzen. Hohe Energiepreise, steigende Betriebskosten und ein enormer Sanierungsbedarf machen den Betrieb vieler Freibäder zunehmend unwirtschaftlich. Hinzu kommt der Personalmangel. „Für die Kommunen sind Freibäder teure freiwillige Leistungen“, sagte eine Sprecherin der DGfdB unserer Redaktion.
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Die Konsequenz müsse aus Sicht des Verbands allerdings nicht zwangsläufig lauten, überall neue Freibäder zu bauen. „Deutschland braucht andere Freibäder“, hieß es. Klassische 50-Meter-Becken seien vielerorts teuer im Betrieb und entsprächen häufig nicht mehr den Wünschen der Besucher. Stattdessen könnten moderne Kombibäder mit Hallen- und Freibad oder auch Naturbäder wirtschaftlicher betrieben werden. Gerade Kombibäder hätten den Vorteil, dass sie wetterunabhängig genutzt werden könnten und Personal effizienter eingesetzt werde.
In Flüssen anstatt in Freibädern baden?
Auch Edler plädiert dafür, die Diskussion zu erweitern. Freibäder seien unverzichtbar, könnten aber durch natürliche Badeorte ergänzt werden. Sein Verein setzt sich dafür ein, das Baden in Berliner Flüssen schrittweise wieder zu ermöglichen. Möglich werde das durch moderne Wasserprognosen – auch mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI). „Wenn wir wissen, wo es regnet, wissen wir meistens auch, wann das Wasser schlecht wird“, sagte Edler. Da sich die Wasserqualität vor allem nach Starkregen verschlechtere, lasse sich heute vielfach zuverlässig prognostizieren, wann das Baden unbedenklich sei.
Mit dieser Idee steht Berlin nicht allein. Gemeinsam mit Initiativen aus anderen Ländern hat Edler das Netzwerk „Swimable Cities“ gegründet. In zahlreichen europäischen Städten werde daran gearbeitet, Flüsse wieder zugänglich zu machen. Als Vorbild nennt er Paris, wo im Zuge der Olympischen Spiele neue Badebereiche in der Seine entstanden sind. Die deutschen Freibäder rettet das zunächst nicht.
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Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) warnte gegenüber dieser Redaktion, aufgrund der angespannten Haushaltslage seien mitunter nur noch „unaufschiebbare Reparaturen und notdürftige Ausbesserungen“ möglich. Das Förderprogramm des Bundes für Schwimmbäder sei zwar ein wichtiger Schritt, reiche aber „bei Weitem nicht aus“, um den milliardenschweren Investitionsstau abzubauen.
Die DLRG betonte die Bedeutung der Freibäder. „Richtig schwimmen lernen ist der beste Schutz gegen das Ertrinken“, sagte Präsidentin Ute Vogt unserer Redaktion. Kinder lernten das Schwimmen meist im Hallenbad und festigten ihre Fähigkeiten anschließend im Freibad. Dort ereigneten sich deutlich weniger schwere Badeunfälle als in Seen oder Flüssen. „Mit jedem Bad, das ersatzlos von der Landkarte verschwindet, schwindet auch die Sicherheit für unsere Bevölkerung.“ Angesichts immer häufigerer Hitzewellen brauche Deutschland deshalb „mehr sichere Orte zur Erfrischung – nicht weniger“.







