Die erzkonservativen Piusbrüder fordern den Papst heraus. Die Traditionalisten wollen an diesem Mittwoch im schweizerischen Écône vier neue Bischöfe weihen – ohne den Segen von Leo XIV. Das ist ein offener Affront gegen das Oberhaupt der Katholischen Kirche. Denn da die Bischofsweihe kein päpstliches Mandat hätte, wäre das Vorgehen faktisch ein Akt der Kirchenspaltung. Die vatikanische Glaubensbehörde hatte die Weihen wiederholt untersagt und bei Zuwiderhandlung mit Exkommunikation der Beteiligten gedroht. Lenken die Piusbrüder nicht in letzter Sekunde ein, Leo XIV. könnte gar nicht anders, als die Bruderschaft aus der Kirchengemeinschaft auszuschließen.
Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1969 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet. Die Vereinigung, die nach eigenen Angaben rund 700 Priester weltweit umfasst, lehnt die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils strikt ab. So halten die Piusbrüder an der alten Messe fest, die in lateinischer Sprache gehalten wird und bei der der Priester mit dem Rücken zur Gemeinde steht. Vor allem aber: Sie wenden sich gegen die Ökumene und den Dialog mit anderen Religionen und Konfessionen ebenso wie gegen die Trennung von Staat und Kirche und Religionsfreiheit. Die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 60er-Jahren sind für die Traditionalisten „moderne Irrtümer“ und eine Anbiederung an den Zeitgeist.
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Papst Leo XIV. in der Zwickmühle
Zudem äußern sie Zweifel an der aktuellen katholischen Glaubenslehre. „Was von allen, überall und zu allen Zeiten als zum Glauben gehörend geglaubt wurde, darf weder durch irgendeine theologische Modeerscheinung noch durch pastoralen Druck noch durch diplomatische Notwendigkeiten noch durch Anforderungen der modernen Welt geleugnet oder in Zweifel gezogen werden“, heißt es in einem kürzlich veröffentlichten Papier der Bruderschaft.
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Mit der nun angekündigten Bischofsweihe bringen die Piusbrüder den Papst in eine Zwickmühle. Zum einen muss Leo XIV. daran gelegen sein, eine Spaltung zu vermeiden. Die Katholische Kirche ist angeschlagen, vor allem in Europa verliert sie seit Jahren stetig Mitglieder, der Exodus der Gläubigen schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. Gleichzeitig sind konservative Gruppierungen in der Katholischen Kirche im Aufwind – beispielsweise in den USA, der Heimat des Papstes, wo die Traditionalisten einen starken Einfluss auf Präsident Donald Trump und seine Politik ausüben. Eine Exkommunikation der Piusbrüder durch den Papst könnte auch diese Traditionalisten verprellen.
Auf der anderen Seite kann sich der Pontifex als Oberhaupt der Kirche die Eigenmächtigkeiten der Bruderschaft schlicht nicht bieten lassen. Die Öffnung der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kann für Leo nicht verhandelbar sein. Schon sein Vorgänger Papst Franziskus hatte diese Reformen als unumkehrbar bezeichnet, Leo XIV. selbst bezeichnete die Konzilserrungenschaften als „Leitstern für den künftigen Weg“.

Die eigenmächtige Bischofsweihe der Ultrakonservativen sei für den Papst ein „absolutes Worst-Case-Szenario“, sagt der Theologe Jan-Heiner Tück, Professor für Dogmatik an der Universität Wien. Gerade erschien sein Buch „Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft“. Leo müsse „als Brückenbauer die Einheit der Kirche garantieren“. Schon deshalb könne er einen eigenmächtigen Schritt der Piusbrüder nicht hinnehmen. Tück warnt in seinem Buch vor einer „freundlich gemeinten Charme-Offensive“ des Vatikans gegenüber der Piusbruderschaft. Stellte man die Weichenstellungen des Konzils zur Disposition, dann liefe das „tatsächlich auf einen Ausverkauf der Reformen hinaus“.
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Der Vatikan versucht schon lange, die Piusbrüder einzubinden
Nichts deutete in den vergangenen Tagen darauf hin, dass der Konflikt noch in letzter Minute entschärft werden könnte. Noch am Tag vor den angekündigten Bischofsweihen warnte Papst Leo XIV. in einem eindringlichen Brief die Piusbrüder vor einem Bruch mit der Katholischen Kirche. An den Generaloberen der traditionalistischen Bruderschaft, Davide Pagliarani, gerichtet schrieb der Pontifex: „Erfüllt von christlicher Liebe bitte ich euch und ersuche euch von ganzem Herzen: Kehrt um!“ Zugleich betonte Leo, die Kirche sei weiter zu Dialog und Verständigung bereit.
Seit Jahrzehnten versucht der Vatikan, die Piusbrüder einzubinden – doch die Bruderschaft führte den Vatikan immer wieder regelrecht vor. Schon Papst Johannes Paul II. gestattete 1984 unter bestimmten Bedingungen die alte „tridentinische“ Messe und kam damit den Lefebvrianern entgegen. Vier Jahre später handelte Kardinal Joseph Ratzinger als Leiter der vatikanischen Glaubensbehörde einen Kompromiss mit Lefebvre aus – den dieser aber kurz vor der Unterzeichnung wieder verwarf. Stattdessen weihte Lefebvre gegen päpstliches Verbot vier Priester zu Bischöfen. Die vier Männer wurden daraufhin exkommuniziert.
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Im Jahr 2009 hob die vatikanische Bischofsbehörde die Exkommunikation dieser Pius-Bischöfe auf Bitten der Bruderschaft auf. Kurz danach wurde ein Interview bekannt, in dem einer der Bischöfe, Richard Williamson, den Holocaust und die Existenz von Gaskammern leugnete. Trotz Aufforderung aus Rom zog er seine Aussagen nicht zurück. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Gesprächen zwischen der Bruderschaft und dem Vatikan.






