Liebe Leserin, lieber Leser,
sind Sie auch noch gerädert von der kurzen Montagnacht?
Über 17 Millionen Deutsche waren um halb zwei Uhr noch auf, als unsere Nationalelf gegen Paraguay – in der Fußball-Weltrangliste auf Platz 41 – krachend unterging. Vor Ärger und Enttäuschung fand ich schwer in den Schlaf und wurde am nächsten Tag erst durch die Botschaft des Bundeskanzlers hellwach, der auf X schrieb: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, @DFB-Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch“.
Ich habe mich ernsthaft gefragt: Hat der Kanzler vielleicht versehentlich das falsche Spiel gesehen? Hat er es im Liegen verfolgt und die deutsche Elf mit der von Belgien verwechselt? Aber die Belgier spielen ja erst heute…
Es gab nicht einen einzigen Fußballfan in Deutschland, der die euphorische Analyse des Kanzlers teilte. Als der Shitstorm richtig hochkochte, änderte der Kanzler den Text in: „Erfolge feiern wir gemeinsam. Und in der Niederlage stehen wir zusammen. Das macht uns stark. Wer den Adler auf der Brust trägt, hat unseren Rückhalt verdient und nicht unseren Spott!“

Exklusive Einblicke: Hinter den Kulissen der Politik
Sie interessieren sich für politische Hintergründe und wollen wissen, was in der Hauptstadt hinter verschlossenen Türen passiert? Dann ist der Newsletter „Hauptstadt Inside“ von Jörg Quoos, dem Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion, genau das Richtige für Sie. Dreimal pro Woche fasst er zusammen, was Sie wissen müssen – und ordnet die Geschehnisse ein. Hier können Sie sich anmelden.
Jetzt heißt es dazu im Bundespresseamt, dass man mehrere Versionen für den Kanzler vorbereitet und versehentlich den falschen Text verschickt habe.
Ich stelle mir gerade vor, wie das ist, wenn das Bundespresseamt nach einem erfolgreichen Abrüstungsgipfel versehentlich Drohungen verschickt. Oder statt Kondolenzworte auf einen toten Papst herzliche Glückwünsche zum Geburtstag.
Pannen in der Kommunikation gab es in jeder Bundesregierung, aber diese Regierung kommt mir kommunikativ vor wie ein besoffener Kneipen-Pianist, der beim Spiel dramatisch weit ausholt, um dann genau auf die falsche Taste zu hauen. Vielleicht ist es für Friedrich Merz die größte Herausforderung, in den verbleibenden drei Jahren den richtigen Ton für die Ansprache an uns alle zu finden. Lesen Sie dazu unbedingt den Kommentar meiner Kollegin Melanie Amann.
„Niedergang“ – so blickt das Ausland auf Deutschland

Dass Fußball nicht nur die schönste Nebensache der Welt ist, zeigt eine große Story im internationalen Politik-Magazin „Newsweek“, die heute in der Hauptstadt Kreise zieht. Der Autor Hugh Cameron nimmt die deutsche Niederlage zum Anlass, eine schmerzhafte Bilanz weit außerhalb des Fußballs zu ziehen. Titel der Story: „Der Niedergang Deutschlands“.
Im Kern geht es um die These, dass Deutschland als WM-Sieger 2014 wirtschaftlich und sportlich eine von allen beneidete Supermacht war. Die Eurokrise war gemeistert, es gab kaum Arbeitslosigkeit, die Wirtschaftskraft war auf einem Höhepunkt, deutsche Maschinen und Autos weltweit begehrt. Das „Modell Deutschland“ – ein Vorbild.

Und heute? Die Volkswirtschaft schwächelt, Energie wird unbezahlbar, die politische Stabilität ist ernsthaft bedroht, die Chinesen finden deutsche Autos altbacken und wir ballern im Sechzehntel-Finale gegen Paraguay daneben. Dieser Blick aus dem Ausland auf Deutschland sollte uns zu denken geben und auf jeden Fall brauchen wir bessere Stimmung, um aus diesem emotionalen Loch zu kommen. Wenn Sie sich fragen „wie?“, dann lesen Sie bitte meinen Kommentar.
Kommando zurück für unsere Minenjäger?

Die halbherzige Minenräumungs-Mission der deutschen Marine für die Straße von Hormus steht offensichtlich kurz vor dem Abbruch. Wie die Spiegel-Kollegen melden, sieht Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius keine Grundlage für einen bevorstehenden Einsatz. Die Bundesregierung war dieser Tage damit gescheitert, schnell ein Mandat für den Einsatz per Bundestagsbeschluss zu erhalten. Jetzt soll die Mini-Truppe auf dem Minenjagdboot „Fulda“ und dem Tender „Mosel“ offenbar wieder nach Deutschland zurückgeholt werden, bevor sie sich bei 50 Grad Außentemperatur vor Dschibuti zu Tode schwitzt.
Merkel größer als Schröder
Es ist enthüllt. Seit gestern Abend kennen wir alle das offizielle Portrait, das die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel für die „Ahnenreihe“ im Bundeskanzleramt in Auftrag gegeben hat. Der bislang völlig unbekannte, junge, deutsch-französische Maler Jérémie Queyras hat es gefertigt und ich finde, es ist wunderbar gelungen. Queyras hat die Entschlossenheit und die Bodenständigkeit von Angela Merkel exzellent eingefangen.

Der auffallend goldene Hintergrund hinter Merkels blauer „Uniform“ ist sicher ein ironischer Gruß Merkels an ihren selbstbewussten Vorgänger Gerhard Schröder, der sich als „Gold-Boy“ von Jörg Immendorff verewigen ließ. Mit dem Unterschied: Merkels Porträt ist mit 110 mal 140 Zentimetern größer als das Bild von Schröder mit 130 mal 100 Zentimetern.
Da ich den speziellen Humor der Kanzlerin kenne, glaube ich nicht an einen Zufall. Meine Kollegen Melanie Amann und unser Kulturchef der Berliner Morgenpost, Felix Müller, waren bei der Vorstellung des Gemäldes im Bode-Museum dabei.
Ich wünsche Ihnen eine entspannte Restwoche,
herzlich, Ihr
Jörg Quoos
Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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