Die Linken-Politikerin Kathrin Gebel hat im Bundestag öffentlich über persönliche Gewalterfahrung gesprochen. Ein Video der Rede, in der die 29-Jährige in Tränen ausbricht, ging daraufhin in den sozialen Medien viral. In der Gesprächsreihe „Jung. Direkt. Politisch“ berichtet die frauenpolitische Sprecherin ihrer Fraktionen von ihren Beweggründen und den Reaktionen. Beim Thema Gewaltschutz stellt sie klare Forderungen auf – und kritisiert einen Vorschlag der Grünen als „schräges Geschlechterbild.“
Sie haben im Bundestag über Ihre eigenen Gewalterfahrungen gesprochen. Wie haben die Menschen darauf reagiert?
Kathrin Gebel: Die Reaktionen waren überwältigend positiv. Menschen sind teilweise auf der Straße auf mich zugekommen, haben mir ihre Geschichte erzählt, obwohl wir uns vorher nie begegnet waren. Daraus sind sehr berührende Gespräche entstanden.
Was wollten sie mit der Rede erreichen?
Ich wollte eigentlich gar nicht, dass es so sehr um mich geht. Mir war wichtig, deutlich zu machen, dass sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nichts Seltenes ist, sondern dass es viele Betroffene mitten unter uns gibt. Dass es so große Wellen schlägt, wenn eine Bundestagsabgeordnete darüber spricht, zeigt vor allem, wie stark das Thema noch tabuisiert ist.
Gab es auch ablehnende Reaktionen?
Auf sozialen Medien gab es auch anonyme Kommentare, in denen die wenigen Sätze zu meiner eigenen Geschichte infrage gestellt wurden. Das hat mich allerdings nicht überrascht. Betroffenen wird häufig die Glaubwürdigkeit abgesprochen. Dahinter steckt oft ein Abwehrmechanismus, weil viele sich mit der Realität sexualisierter Gewalt nicht auseinandersetzen wollen.
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Kathrin Gebel kritisiert Fußfessel – „ist ein strukturelles Problem“
Sie haben gesagt, dass eine Fußfessel für sich genommen kein Gewaltschutz ist. Besteht da nicht die Gefahr, ein Instrument kleinzureden, das im Zweifel Leben retten könnte?
Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein strukturelles Problem. Deshalb braucht es mehr als einzelne Maßnahmen, nämlich eine umfassende Schutzstrategie. Es reicht nicht, einzelne Elemente aus erfolgreichen Modellen wie dem spanischen zu übernehmen und zu hoffen, dass sich dadurch alles verbessert. Meine Sorge ist, dass solche Maßnahmen als ausreichend betrachtet werden und die Debatte über den umfassenden Gewaltschutz ins Stocken gerät.
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Welche Aspekte aus dem spanischen Modell würden Sie besonders gern nach Deutschland übertragen?
Vor allem drei Dinge: eine belastbare Statistik mit vernünftiger Datenerhebung, spezialisierte Gerichtsbarkeiten und eine klarere gesellschaftliche Debatte über geschlechtsspezifische Gewalt.
Wie würde so eine Debatte aussehen?
Ein Beispiel: In Spanien wird im Parlament jedem Femizid mit einer Schweigeminute gedacht. Das ist eine symbolische Geste, verändert aber die Wahrnehmung: Es wird deutlich, dass geschlechtsspezifische Gewalt ein gesellschaftliches und strukturelles Problem ist. Und nicht etwas, das im Privaten bleibt oder einfach nur auf das individuelle Verhalten einzelner Männer reduziert werden kann. Das könnte auch für Deutschland ein Vorbild sein.

Die Grünen haben zuletzt überlegt, stärker in Fitnessstudios zu gehen, um junge Männer dort politisch anzusprechen. Braucht Politik aus Ihrer Sicht ein spezielles Angebot für Männer?
Ich finde schon, dass wir über unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit sprechen müssen. Aber bei diesem Vorschlag schwingt für mich auch ein etwas schräges Geschlechterbild mit. Nur weil jemand gerne ins Fitnessstudio geht, sagt das schließlich nichts über die Persönlichkeit aus. Trotzdem will ich solche Vorschläge nicht nur abwerten, weil sie auch Debatten anstoßen können, die wichtig sind.
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Was wäre aus Ihrer Sicht der bessere Ansatz?
Ich finde Initiativen wie „Männer gegen Gewalt“ eindrücklicher. Da setzen sich Männer wirklich damit auseinander, was es heißt, in einer patriarchalen Gesellschaft Mann zu sein, und welche Konsequenzen daraus folgen. Das halte ich für einen viel nachhaltigeren Beitrag als die Frage, wie Parteien junge Männer mit bestimmten Bildern oder Werbevideos erreichen.
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Linken-Politikerin: „Muss Politik gar nicht so machen wie alle anderen“
Sie haben Psychologie studiert. Hat Ihnen das in der Politik geholfen?
Ich wollte eigentlich Psychotherapeutin werden, am liebsten mit einer Traumafach-Weiterbildung. Die therapeutische Haltung ist stark davon geprägt, zuzuhören und nicht vorschnell zu urteilen. Die Politik funktioniert oft genau umgekehrt: schnell bewerten, zuspitzen und sofort sprechfähig sein. Deshalb hatte ich lange das Gefühl, dort gar nicht richtig hineinzupassen.
Gab es einen Moment, in dem sich Ihr Blick darauf verändert hat?
Ja, irgendwann gab es einen Kipppunkt. Ich habe bei einem Treffen unseres Jugendverbands, bei dem wir inhaltlich nicht weiterkamen, vorgeschlagen, die Situation eher wie ein therapeutisches Gespräch anzugehen. Das war zunächst ungewohnt, hat aber funktioniert. Seitdem denke ich: Ich muss Politik gar nicht so machen wie alle anderen.
Und Ihr Fazit heute?
Aktuell ist es in Deutschland einfacher, Abgeordnete zu werden als Psychotherapeutin – auch finanziell.






