Tobias Korenke wirkt angefasst, aber besonnen, als ihn diese Redaktion am frühen Montagnachmittag am Telefon erreicht. Korenke ist ein Großneffe des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der 1945, kurz vor Kriegsende, auf Befehl Adolf Hitlers im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet wurde. Einige Monate zuvor, am 20. Juli 1944, hatten Wehrmachtsoffiziere um Claus Schenk Graf von Stauffenberg vergeblich versucht, Hitler mit einer Bombe zu töten. Stauffenberg und drei weitere Beteiligte wurden noch am Abend im Hof des Bendlerblocks erschossen. Bonhoeffer gehörte zum intellektuellen Umfeld der Attentäter.

An diesem Montag wurde Korenke bei der Gedenkveranstaltung der Bundesregierung zum Jahrestag des gescheiterten Stauffenberg-Attentats in Berlin unvermittelt selbst zum Protagonisten. Auf Fotos der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ist zu sehen, wie er mit einem Sicherheitsmitarbeiter um einen Kranz ringt. Es ist der Kranz der AfD-Bundestagsfraktion, der neben den Gebinden der anderen im Bundestag vertretenen Parteien im Bendlerblock abgelegt wurde. Für Korenke, bis 2025 Kommunikationschef der Funke Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört, ein unerträglicher Vorgang.

Tobias Korenke (Mitte), Großneffe von Dietrich Bonhoeffer, entfernt während einer Gedenkveranstaltung der Bundesregierung im Berliner Bendlerblock den Kranz der AfD. Vorne ist Gemma Pörzgen zu sehen, die den Kranz schließlich „entsorgte“.
Tobias Korenke (Mitte), Großneffe von Dietrich Bonhoeffer, entfernt während einer Gedenkveranstaltung der Bundesregierung im Berliner Bendlerblock den Kranz der AfD. Vorne ist Gemma Pörzgen zu sehen, die den Kranz schließlich „entsorgte“.© dpa | Sebastian Christoph Gollnow

AfD-Kranz landete schließlich im Landwehrkanal

Er habe den Kranz der AfD an sich genommen, um ihn „zu entsorgen“, sagte Korenke im Gespräch mit dieser Redaktion. Daraufhin seien Sicherheitsmitarbeiter eingeschritten. Sie seien aggressiv aufgetreten und hätten ihn an die Wand gedrückt, berichtet der 61-Jährige. Eine weitere Nachfahrin eines Widerstandskämpfers sei ihm zu Hilfe gekommen. Gemma Pörzgen, die auf dem Foto im Vordergrund zu sehen ist, schaffte es schließlich, den AfD-Kranz an sich zu nehmen und wegzubringen. Er sei dann im hohen Bogen im nahen Landwehrkanal gelandet, erzählt Korenke.

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Ein Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion bestätigte, dass diese einen Kranz für die Gedenkstunde bereitgestellt hatte. Ob auch Fraktionsmitglieder anwesend gewesen seien, könne er nicht abschließend sagen. Der Leiter der Arbeitsgemeinschaft Geschichte der Fraktion, Götz Frömming, sagte, die Fraktion werde zu diesen offiziellen Gedenkfeiern als im Bundestag vertretene Partei eingeladen. 

Kranz Landwehrkanal
Der AfD-Gedenkkranz landete im Landwehrkanal.© Gemma Pörzgen | Gemma Pörzgen

Nicht das erste Mal, dass Korenke einen AfD-Kranz nicht akzeptieren will

„Ich finde, wir können nicht akzeptieren, dass Rechtsextremisten hier Kränze niederlegen und womöglich noch die Attentäter des 20. Juli für ihre Zwecke instrumentalisieren“, sagte Tobias Korenke der dpa. Nach der Aktion sei gegen ihn zunächst Anzeige wegen Sachbeschädigung gestellt worden, diese sei aber kurz darauf zurückgenommen worden, so Korenke. Die Aktion sei nicht geplant gewesen, sondern er habe spontan gehandelt, so der 61-Jährige, der Kuratoriumsmitglied der „Stiftung 20. Juli 1944“ ist.

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Es war nicht das erste Mal, dass Korenke bei einer Gedenkfeier zum 20. Juli einen AfD-Kranz nicht akzeptieren wollte. Im vergangenen Jahr sei es ihm bei der Feier in Plötzensee gelungen, das Gebinde ohne viel Aufsehen wegzuschaffen. „Viele Nachkommen, und dazu gehöre auch ich, empfinden eine wirklich große Wut, wenn wir sehen, dass die AfD Kränze ablegt. Das werden wir hier nicht akzeptieren“, so Korenke.